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Wanderst du noch oder walkst du schon?

Die Laufszene sorgt für neue Bewegung in der Sächsischen Schweiz. Nicht allen gefällt das, mancher fühlt sich übergangen.

© SZ

Von Tino Meyer

Gesund und Fit

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Bei Geld hört die Freundschaft auf – oder beginnt so richtig. 2 700 Euro sind jedenfalls auch ein Resultat des Adventure Walks. Knapp anderthalb Wochen nach der Premiere des neuen Abenteuers Wandern übergeben die Organisatoren von der Laufszene Events GmbH einen entsprechenden Scheck in Hohnstein (Sächsische Schweiz) – als Spende für die Sanierung der Brücken im Schindergraben. 1,50 Euro pro Teilnehmer sind dafür von der Startgebühr abgezweigt worden. „Wir sind keine Leute, die verbrannte Erde hinterlassen“, meint Reinhardt Schmidt, und der Laufszene-Geschäftsführer betont: „Wir kommen gerne wieder, wollen aber auch der Region etwas zurückgeben.“

Neue Schilder, neue Bewegung. In Hohnstein freut man sich.
Neue Schilder, neue Bewegung. In Hohnstein freut man sich. © SZ
Finishermedaillen gibt es auch für Wanderer, stilecht aus Holz.
Finishermedaillen gibt es auch für Wanderer, stilecht aus Holz. © SZ

Klar, dass Hohnsteins Tourismuschef André Häntzschel zufrieden ist und noch mehr der Bürgermeister. „Herzlichen Dank an alle, die mitgelaufen sind. Die Spendensumme ist eine riesige Motivation, die Sanierung anzugehen“, sagt Daniel Brade.

Doch längst nicht allen gefällt das, was da am 27. Oktober eine erstaunliche, weil mit 1 800 Teilnehmern sofort ausverkaufte Premiere erlebt hat. Nämlich jener Adventure Walk, „ein Weg zu uns selbst“, wie es Schmidt sagt, ein Grenzgang aus der Komfortzone – oder eben schlicht: eine Wanderung über 50 Kilometer von Dresden über das Schönfelder Hochland und Hohnstein bis nach Rathen, inklusive den gut 1 000 zu überwindenden Höhenmetern.

Dass die Teilnehmer bis zu 50 Euro gezahlt haben, stört vor allem Puristen. Langstreckenwanderungen, entgegnen sie, gäbe es schon lange – und zwar zum Unkostenbeitrag von manchmal schon vier, fünf Euro. Am Freitagabend zum Beispiel bitten die Wanderfreunde Klotzsche zur 23. kulturhistorischen Sportwanderung über sogar 100 Kilometer. Und bereits zum 40. Mal wird der Dresdner Wanderer- und Bergsteigerverein am 5. Januar 2019 die Heidewanderung „Zum Jahreswechsel um die Hofewiese“ von bis zu 30 Kilometern veranstalten. Der Name mag nicht so schmissig klingen wie etwa Adventure Walk, gewandert wird allerdings hier wie dort.

Schmidt findet das super. Er behauptet auch nicht, das Langstreckenwandern erfunden zu haben – aber er hat es lieben gelernt. „Der Adventure Walk war unser Jahresprojekt“, sagt der 33-Jährige, dessen Unternehmen unter anderem die Team Challenge in Dresden mit inzwischen mehr als 20 000 Firmenläufern organisiert.

Die Laufszene, sagt er, habe mit ihrer Wanderung ein Angebot unterbreitet, eine lang gehegte Idee umgesetzt und dabei genau den Zeitgeist getroffen. „Wandern ist der langsamere Laufsport, aber der genussvollere“, erklärt Schmidt und erzählt von einem Altersdurchschnitt des Adventure Walks, der bei etwa 35, 40 Jahren liegt.

Wieso diese neue Langstreckenwanderung also heißt, wie sie heißt, erklärt sich damit von selbst. Auch das Ansinnen ist offenbar ein anderes als bei den nicht minder herausfordernden Angeboten der Wander- und Bergsportverbände. „Das Leistungswandern hat große Bedeutung. Und die 100-km-Wanderungen sind etwas Besonderes. Hierzu gibt es auch eine sehr exakte Nachweisführung“, schreibt der sächsische Verband auf seiner Internetseite.

Sind 25 der 100-km-Touren geschafft, erhält der Wanderfreund ein Diplom. Spaß muss also auch da eine Rolle spielen, nur ist die Definition grundverschieden.

Immer jünger, immer bewusster

Zudem legt eine sogenannte Regelordnung fest, was überhaupt als sportliches Wandern durchgeht: „Gehen in einer sozialen Gruppe mit einer der spezifischen Ausdauer entsprechenden Geschwindigkeit, um über eine vorgegebene Strecke auf Wegen und Pfaden bei ständiger Orientierung und aufmerksamer Beobachtung der Umgebung ein vorbestimmtes Ziel zu erreichen.“ So kann man das natürlich auch ausdrücken – verbunden mit dem Zusatz, dass eine Wandergruppe aus sportpraktischen Gründen aus mindestens zwei Wanderern zu bestehen hat, von denen einer der Wanderleiter ist.

Ums Geld geht es den einen wie den anderen dabei vermutlich am allerwenigsten, zumindest für die immer jünger werdende Zielgruppe. „Sie wollen raus aus dem Alltag, wollen Entschleunigung – und trotzdem etwas Herausforderndes, das sie bis an die eigenen Grenzen bringt und manchmal auch darüber hinaus“, sagt Schmidt.

Was der 33-Jährige nicht zuletzt an sich feststellt, bestätigt Hohnsteins Tourismus-Chef. „Das Bewusstsein, dem Körper etwas Gutes zu tun und sich zu bewegen, ist gestiegen, gerade bei Jüngeren. Das passt in die ganze Philosophie, was und wo sie essen und wie sie mit Müll umgehen. Das ist ein großes Thema für junge Leute“, sagt André Häntzschel.

Das Phänomen Adventure Walk ist offenbar doch gar nicht so schwer zu fassen, lässt sich noch leichter erklären – und könnte sich darüber hinaus als Branchenöffner entpuppen. Womöglich wandert der eine oder andere jetzt öfter, so wie sich der 5-km-Firmenlauf in Dresden längst als Programm für Anfänger und Wiedereinsteiger etabliert hat, denen fünf Kilometer nicht mehr genug sind. Die mehr und mehr laufen wollen – und irgendwann den (Halb)-Marathon wagen.

In Hohnstein zumindest freuen sie sich schon jetzt auf das nächste Jahr, wenn am 19. Oktober die zweite Auflage des Adventure Walks stattfindet. „Für unseren Ort ist das beste Werbung. Denn jeder Wanderer kommt irgendwann mal wieder“, meint der Bürgermeister.