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Wann kommt die Straßenbahn?

Die Debatte um die Tram nach Ottendorf-Okrilla nimmt wieder Fahrt auf. Doch eine wichtige Studie lässt auf sich warten.

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© Archivfoto: Steffen Unger, Montage: SZ

Von Sebastian Kositz

Ottendorf-Okrilla. Formal betrachtet geht’s nur um ein paar Millimeter. Fünfzehn Millimeter, um genau zu sein. Die Breite einer Fingerkuppe. Doch wie so oft sind es letztlich klitzekleine Details, die einen sehr großen Unterschied ausmachen können. In Ottendorf-Okrilla sind bereits seit Jahren eine ganze Reihe von Fragen, Hoffnungen und Wünschen, aber auch Befürchtungen mit dem eigentlich so marginalen Unterschied von 15 Millimetern verknüpft. Und das im Moment wieder mehr denn je.

Im Fokus steht die Spurweite – und welche den Ansprüchen der Großgemeinde besser gerecht wird. 1435 oder 1450 Millimeter, Eisenbahn oder Straßenbahn. Genau die Frage nach der künftigen Anbindung über die Schiene nach Dresden sorgt schon länger für Diskussionen, die im Ort und in der Landeshauptstadt mal lauter, mal leise geführt werden. In den vergangenen Monaten war es jedoch auffällig ruhig geworden. Die von den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) gern hergezeigten Pläne für die Verlängerung der Linie 7 über Weixdorf hinaus nach Ottendorf verschwanden aus der Öffentlichkeit. Stattdessen hatte der für Bus, Tram und Eisenbahn in und um Dresden zuständige Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) immer wieder nur auf laufende Untersuchungen verwiesen.

Tatsächlich brüten die vom VVO beauftragten Experten seit mehr als einem Jahr über den verschiedenen Alternativen. Zug oder Straßenbahn, wie lassen sich Taktzeiten verbessern, mehr Menschen für den Nahverkehr begeistern – und zugleich die Kosten gering halten? Ursprünglich sollten die Ergebnisse dieser Analyse bereits im vergangenen Herbst vorliegen, später war von Anfang 2015 die Rede, inzwischen gibt es dazu von den Verantwortlichen gar keine Aussage mehr. Über inoffizielle Kanäle wird auf den Sommer verwiesen – doch auch das ist derzeit alles andere als gewiss.

Brache im Ottendorfer Zentrum soll erschlossen werden

Dabei nimmt die Debatte um Eisenbahn oder Tram in Ottendorf gerade neue Fahrt auf. Auslöser dafür sind die erst kürzlich präsentierten Pläne für die Neugestaltung des Areals des früheren Betonwerks. Gemeinde, der private Eigentümer der Brache und eine Handvoll Investoren wollen auf dem Gelände eine Mischung aus Einkaufen, Gesundheitsangeboten, altersgerechtem Wohnen und einfachem Gewerbe etablieren. Ein Vorhaben, das im Gemeinderat zwar einerseits wohlwollend zur Kenntnis genommen wird. Das Gremium hat für das Projekt „Neue Ortsmitte“ bereits die ersten rechtlichen Grundlagen geschaffen.

Zugleich provoziert die Neugestaltung der Brache im Ottendorfer Zentrum jedoch auch einige „Aber“. Die Zufahrten in das neue Gebiet hinein sind dabei ein heißes Eisen. Und Fakt ist: Mit einer Straßenbahn wäre das Areal besser von der B 97 aus zu erschließen. Denn anders als die Eisenbahnschienen ließen sich die Gleise der Tram – weil keine aufwendige Ampelkreuzung mit Schranken nötig ist – auch noch an anderer Stelle als am Südbahnhof überqueren. Somit ist beispielsweise eine weitere Zufahrt zur neuen Ortsmitte von der Bundesstraße in Höhe der Schutterwälder Straße denkbar.

Genau deshalb hat Ottendorfs Ortsvorsteherin Andrea Ohm (CDU) jetzt im Auftrag des Ortschaftsrates gleichlautende Briefe an den VVO, die DVB, die Kreisverwaltung in Bautzen und das Stadtplanungsamt in Dresden versendet. Darin werden noch einmal gebündelt die Vorteile der Straßenbahn aufgelistet – und die zusätzlichen Möglichkeiten für die neue Ortsmitte durch die Straßenbahn benannt. „Eine Stadtbahn würde diese Entwicklung unterstützen und beschleunigen“, heißt es in dem Schreiben. Zugleich wird – leicht verklausuliert – angemahnt, die Ergebnisse der Analyse für weitere Diskussionen möglichst bald zur Verfügung zu stellen.

Ortschaftsrat spricht sich für Anbindung aus

Seit jeher hatte sich einerseits der Ottendorfer Ortschaftsrat, zugleich aber auch die CDU für die Anbindung der Großgemeinde ans Dresdner Straßenbahnnetz ausgesprochen. Bereits der Amtsvorgänger von Andrea Ohm, Lothar Menzel (ebenso CDU und Ex-Bürgermeister von Ottendorf-Okrilla) plädierte vehement für die Verlängerung der Straßenbahnlinie. Die Kreisverwaltung in Bautzen – die für die Anbindung nach Ottendorf mit zu zahlen hat, ganz gleich ob Zug oder Tram – hatte in der Vergangenheit ebenso immer wieder für die Straßenbahn Position bezogen.

Ottendorfs Bürgermeister Michael Langwald (parteilos) verweist derweil stets darauf, erst den Ausgang der Untersuchung abwarten zu wollen. In Medingen und Hermsdorf stehen die Ortsvorsteher der Straßenbahn eher skeptisch gegenüber. Indes unterstützt aber wiederum die Wirtschaft in der Großgemeinde die Straßenbahnanbindung nach Ottendorf-Okrilla, wie eine Umfrage des hiesigen Gewerbevereins vor gut einem Jahr ergeben hatte. Zudem hatte die Umfrage gezeigt, dass sich bis zu einem Drittel der etwa 6 000 Beschäftigten im Gewerbegebiet vorstellen könnte, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, wenn das Angebot verbessert werden würde. Derzeit fahren nur zehn Prozent der Arbeitnehmer mit Bus und Bahn.

Die jetzt unter der Federführung des VVO in Auftrag gegebene Studie wird maßgeblich mit darüber entscheiden, auf welcher Spurweite die Ottendorfer künftig unterwegs sein werden. Insgesamt checken die Fachleute bei ihrer Studie acht Detailvarianten für eine künftig engere Verzahnung von Ottendorf und Dresden durch. Sowohl für den Zug- als auch für den Straßenbahnverkehr werden Realisierbarkeit, Verkehrsnachfrage, Wirtschaftlichkeit und mögliche Betriebskonzepte unter die Lupe genommen. Dabei werden ergebnisoffen die Vor- und Nachteile gegenübergestellt.