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Waren es Mutschmanns Luftfäuste?

Erst dachte Thomas Hildebrandt, es sei ein großer Stock oder Reste eines Baumes, die plötzlich seinem Spaten Widerstand leisteten. Er grub an jenem trockenen Januartag nicht tief, nur so an die 20 Zentimeter, um einen feuerfesten Grillplatz für schöne Sommertage anzulegen.

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Von Jörg Marschner

Erst dachte Thomas Hildebrandt, es sei ein großer Stock oder Reste eines Baumes, die plötzlich seinem Spaten Widerstand leisteten. Er grub an jenem trockenen Januartag nicht tief, nur so an die 20 Zentimeter, um einen feuerfesten Grillplatz für schöne Sommertage anzulegen. Als er die sperrigen Teile freigelegt hatte, sah er plötzlich, dass es sich um arg verrostetes Metall handelte und sie irgendwie nach Waffe aussahen. Vielleicht eine Panzerfaust? Jedenfalls ließ Herr Hildebrandt das Zeug liegen – sicher ist sicher – und verständigte den Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD). Der kam und erkannte, dass es sich um einen nahezu sensationellen Fund handelte.

Noch elektrisierter war Wolfgang Fleischer vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem Thema „Sachsen und der 2. Weltkrieg“. Auch Fleischer sah sofort, was es war: eine Luftfaust, so ihr offizieller Name ab 4. Februar 1945, „eine Einmann-Waffe zur Tieffliegerabwehr. Ihre Entwicklung hatte das Oberkommando der Wehrmacht im Herbst 1944 nach der Landung der Alliierten in der Normandie in Auftrag gegeben, weil sich danach die Tieffliegerangriffe auf die Truppe häuften“, sagt Fleischer. Der Militärhistoriker verfügt inzwischen zum Thema Luftfaust über einen dicken Ordner. In ihm befinden sich auch russische und amerikanische Berichte mit Aussagen der Entwickler und Ingenieure. Ebenso wie für den ersten Düsenjäger der Welt und Raketenflugzeuge der Deutschen zeigten die Sieger auch für die Luftfaust großes Interesse.

„Diese Einmann-Waffe war damals einmalig“, sagt Fleischer, „sie war sozusagen der Stammvater der heutigen Boden-Luft-Raketen, die von der Schulter abgeschossen werden, hatte aber kein Suchsystem.“ Die Luftfaust verfügte über ein Magazin mit neun Raketen, die in nur 0,2 Sekunden hintereinander gestartet wurden. Ihre Anfangsgeschwindigkeit lag bei 900 Stundenkilometern und die Zielstreuung bei maximal 100 Meter, die wirksame Schussweite betrug 500 Meter. Ein weiteres Merkmal der Raketen war ihre Drallstabilisierung. Sie drehten sich während des Fluges. Im Ziel waren sie in der Lage, die Flugzeugzelle zu durchschlagen.

Entwickelt wurde die Luftfaust in der Leipziger Hugo Schneider AG, der Hasag, die Tausende Zwangsarbeiter beschäftigte. Die Akten sagen aus, dass zur Erprobung 100 Startgeräte mit 1 000 Magazinen und insgesamt 9 000 Raketen gefertigt wurden. Der Truppenversuch fand in Franken in der Nähe von Nürnberg statt. Dort wurden später Überreste gefunden. Auch in Leipzig-Grünau, wo sich ein Schießstand befand, wurden bei Erdarbeiten Teile sichergestellt. In Berlin muss die neue Waffe ebenfalls bereits eingesetzt worden sein – auf einem Trümmerfoto des Hotels Adlon ist sie deutlich zu sehen. Wie sich die Neuentwicklung beim Truppenversuch bewährte, ob mit ihr tatsächlich Tiefflieger abgeschossen wurden, ist unbekannt. Auf Grund der immer schneller vorrückenden alliierten Truppen erhielten die Leipziger Hasag-Ingenieure keine Rückmeldung mehr, heißt es in den Akten.

Ein Fall fürs Museum

Der Fund von Grillenburg im Tharandter Wald scheint ziemlich gut erhalten. „Er ist auf jeden Fall restaurierungswürdig“, sagt Wolfgang Fleischer. Wenn das neugestaltete Museum 2008 öffnet, soll die Waffe zu sehen sein. Dem Militärhistoriker ist der Fund auch deshalb besonders wichtig, weil bisher nicht bekannt war, dass die Luftfaust in Sachsen eingesetzt wurde. „Die Vermutung ist nicht abwegig“, so Fleischer, „dass sich NS-Gauleiter Martin Mutschmann diese Waffe beschaffte, um bei seinen Fahrten beziehungsweise bei Aufenthalten in seinem Grillenburger Jagdschloss eine zusätzliche Abwehrmöglichkeit gegen Tieffliegerangriffe zu haben. Die Macht, sich diese neue Wunderwaffe direkt in Leipzig zu besorgen, hatte er auf jeden Fall.“ Das Haus der Hildebrandts liegt nur knapp 150 Meter vom Jagdschloss entfernt.