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Warnsignale aus Dresden

Wissenschaftler legen ein weiteres Buch zu Pegida vor. Es setzt die Protestbewegung mit der AfD gleich.

© dpa

Von Thilo Alexe

Trifft ein Spitzenpolitiker den anderen im Erzgebirge. Fragt der eine, Bundespräsident Joachim Gauck: „Was ist das mit Pegida bei euch in Dresden?“ Antwortet der andere, Landtagspräsident Matthias Rößler: „Herr Bundespräsident, das sind unsere Nachbarn.“ Zwar befänden sich Rechtsextremisten und Hooligans darunter. „Aber die allermeisten sind ganz normale Leute.“

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Der CDU-Politiker Rößler, der die Anekdote bei der Vorstellung der Pegida-Studie der Autoren Werner Patzelt und Joachim Klose erzählt, fasst damit die Intention des bislang umfassendsten Bandes zu der Bewegung zusammen. Der Untertitel lautet: Warnsignale aus Dresden. Diese Signale sendet Pegida sozusagen zweifach aus. Es gehe, so der in Dresden lehrende Politologe Patzelt, den Montagsdemonstranten um „reale Probleme ihres Lebens“, die die Politik in den Griff bekommen müsse. Zudem sei Pegida Ausdruck für einen europaweit aufkeimenden Rechtspopulismus.

„Aber lange wurden diese Warnsignale missachtet“, betont Patzelt. Er sieht Pegida als „AfD der Straße“. Umgekehrt gilt für den Forscher: „Die AfD ist Pegida als Partei und in den Wahlkabinen.“ Mehr noch: Pegida sei unter einem anderen Namen erfolgreicher denn je.

Patzelt warnt davor, Pegida in eine Schmuddelecke zu stellen, und kritisiert den Umgang mit Pegida vor allem durch Politiker und Journalisten: „Im Namen von Pluralität wurde ausgegrenzt, was nicht ins Schema passte.“ Wenige Seiten später wirft er die Frage auf, warum „kaum jemand mit massenmedialer Wirkungsmacht“ eine sachliche Debatte über Einwanderungspolitik eröffnen will. So entstünde womöglich ein Diskurs mit Pegida-Demonstranten, „der den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern könnte“.

Gesprächsversuche sind jedoch durchaus gemacht worden, etwa in der Dresdner Kreuzkirche oder im Rahmen der Dialogforen der Staatsregierung. Allerdings waren die Ergebnisse wenig greifbar und manche Wortmeldungen dort recht ruppig. Landtagspräsident Rößler äußert dennoch die Hoffnung, dass es gelingt, die Spaltung in der Gesellschaft zu überwinden. Die Studie leiste dazu einen Beitrag.

Die Wissenschaftler befassen sich darin auch mit der Frage: „Sind Pegidianer Rechtsextremisten?“ Die verkürzte Antwort, die auf Interviews und Befragungen durch Studenten basiert: mehrheitlich nicht. Im Text heißt es dazu: „Nicht mehr als 13 Prozent der Kundgebungsteilnehmer lassen sich anhand ihrer Aussagen über den Nationalsozialismus als Rechtsradikale, vielleicht auch Rechtsextremisten einschätzen.“ Der Wert wirkt hoch, ist allerdings bei deutschlandweiten Befragungen kaum geringer.

Ein Plus des 667 Seiten umfassenden Konvoluts ist die schiere Menge an Daten, Dokumenten sowie Begriffserklärungen. Die Autoren beschäftigt unter anderem das Phänomen Pegida im Internet, und sie lassen Anhänger und Gegner anonymisiert zu Wort kommen – in Facebookposts, Leserbriefen oder E-Mails. Das ist durchaus beklemmend. Formeln vom „Gutmenschenbingo“ oder die Ansage: „Sie sind nicht diskursfähig! Gehen Sie arbeiten!“ dürften manche Leser aber über Drastisches auch schmunzeln lassen.

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Autor Klose, Sachsenchef der Adenauer-Stiftung, erklärt Pegida unter anderem mit Angst, die es ernst zu nehmen gilt. „Wenn jemand Angst hat, kann man ihm nicht gegenübertreten und sagen: Wir sind bunt.“

Werner J. Patzelt, Joachim Klose: Pegida, Warnsignale aus Dresden, Thelem-Verlag, 667 Seiten, 22 Euro