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Warten auf Damaskus

Die bunten Tage von Köln sind verweht. Die Jugend der katholischen Welt, die gesungen, gefeiert, getanzt und gebetet hat, ist wieder in alle Winde zerstreut. Der alte Mann aus Rom, der allem Treiben seinen...

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Von ErichBöhme

Die bunten Tage von Köln sind verweht. Die Jugend der katholischen Welt, die gesungen, gefeiert, getanzt und gebetet hat, ist wieder in alle Winde zerstreut. Der alte Mann aus Rom, der allem Treiben seinen Segen gegeben und mit den Weihen der Amtskirche ausgestattet hat, hat sich zurückgezogen in seine wahre Heimat, hinter die Mauern des Vatikans. Die Hoffnung auf eine Auflösung des Widerspruchs zwischen zukunftstrunkener Jugend und einem konservativen Klerus – verspielt?

Die Gelegenheit schien günstig. Deutschlands Massenblatt schleimte den Heiligen Vater und deutschen Papst an: „Wir sind Papst.“ Die Medien, voran das Fernsehen, voran das ZDF mit seinen messdienergleichen Reportern, webten am Ratzinger-Teppich; man hätte meinen können, Radio Vatikan habe die Berichterstattung über den Weltjugendtag übernommen. Der Bundespräsident im Konfirmanden-Anzug, der Kanzler im feierlichen Bratenrock, seine Bundes-Doris im züchtigen Schleierchen, die protestantische Kanzlerkandidatin schleierfrei, aber in schwarzer Paradeuniform, bildeten die Statisterie. Der deutsche Katholizismus schien drauf und dran, die deutsche Staatsmacht zu erobern. Der Jubel der Jugend – ob spontan oder organisiert – überspielte Zweifel und Sorgen.

Und mittendrin rollte in Köln, um Köln und um Köln herum im vom Polen Wojtyla geliehenen Glanz des Papamobils der bayerische deutsche Ratzinger, derzeit Papst Benedikt XVI. Mit sich zufrieden und fein lächelnd, die Arme ein wenig schüchtern zum Segensgruß erhoben, bewegte sich ein Mann, auf den sich die Hoffnungen des Katholizismus so eindrucksvoll konzentrierten. Und dennoch, er war nicht zu übersehen, der Gegensatz zwischen dem makellosen Weiß des Oberhirten, dem Purpur seiner Kardinäle und dem Violett der Bischöfe, dem kühlen Schwarz seiner Priester und der Buntheit der feiernden Masse, die nach Verbrüderung verlangte. Wie aber sollte überbrückt werden, was der einstige Sekretär der Glaubenskongregation, Nachfahrin der heiligen Inquisition, an Barrieren aufgebaut hatte zwischen der in Tradition und konservativem Gehorsamkeitsanspruch erstarrten Amtskirche und der auf ein Zeichen von oben harrenden Masse der Gläubigen? Von Ratzinger, dem Unnahbaren, ging dieses Zeichen nicht aus. Kein Wort zum vorehelichen Liebesakt, keines zur Verhütung, nichts zur Auflösung der Männerdomäne im Kirchenamt, gar nichts zum Zölibat.

Wie zur Zementierung des Glaubensrituals empfing der Papst zur Abendstunde den Priesternachwuchs im St. Pantaleon, dem Kölner Zentrum des Opus Dej, jener päpstlichen geheimnisumwitterten Organisation, die sich der Erhaltung des Überkommenen mit seinen inquisitorischen Unsitten verschrieben hat. Warum (unter Ausschluss der Öffentlichkeit natürlich) gerade hier? Kardinal Meißner, Kölns ungeliebter Oberhirte, hielt die Auswahl des Ortes für reinen Zufall: Aber was ist schon Zufall, alles ist vorherbestimmt, ließ der Kardinal vor Kameras augenzwinkernd wissen.

Alles Irdische ist menschlich. Wie also soll Ratzinger, der bis vor kurzem noch den Polen Wojtyla an der konservativen Leine geführt hat, die Hoffnungen der katholischen Jugend auf Lockerung der Zügel befriedigen? Gebet ist gut, Überzeugung ist besser. Da hilft es wenig, die jubelnde Masse mit „liebe junge Leute“ anzusprechen. Die wollen und brauchen mehr.

Ratzinger ist wieder zu Hause, er braucht Zeit nachzudenken, wenn er denn wirklich ein großer Papst werden will. Noch ist der auf dem Weg nach Damaskus, noch lässt der auf sich warten.