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Warten aufs Gewerbe vor dem großen Tor

Mal sollte die aufgegebene Kaserne in Schneeberg ein Sonnenkraftwerk werden, dann Trainingsgelände für Erzgebirge Aue. Nun wird’s ein Firmenpark.

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Von Tino Moritz

Gustav Struck bereut seine Entscheidung nicht. „Ich würde sie jederzeit wieder kaufen.“ Im Herbst 2009 griff der bayerische Unternehmer zu und erwarb die Jägerkaserne im sächsischen Schneeberg. „So richtig geschenkt wird einem eine Kaserne ja nicht“, sagt der 69-Jährige und fügt nach einer kurzen Pause freimütig hinzu: „Aber es war schon ein Schnäppchen.“ Etwa zwei Millionen Euro soll er dafür hingeblättert haben, heißt es aus der Schneeberger Stadtverwaltung. Bestätigen will Struck nur, dass es deutlich weniger als die vier Millionen Euro waren, die sich die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ursprünglich erhofft hatte.

Schwierige Investorensuche

Das Werbevideo, in dem die Behörde die Jägerkaserne als „außergewöhnlich gut ausgestattete Liegenschaft“ anpries, ist immer noch im Internet zu finden. Die Investorensuche gestaltete sich schwierig. Zwar gab es mehrere Bewerber, aber die erwiesen sich entweder als unseriös oder mussten aus finanziellen Gründen wieder abspringen. Einer hatte das Gelände gleich flächendeckend mit einer Fotovoltaikanlage überziehen wollen, das Interesse eines anderen ließ die Region kurzzeitig von einem modernen Trainingsgelände für den Fußballverein Erzgebirge Aue träumen.

Struck verspricht einen Gewerbepark. Reichlich ein Jahr nach seiner Übernahme stehen freilich der Großteil der einstigen Fahrzeughallen, Soldatenquartiere und auch das ehemalige Offizierskasino leer. Struck sagt, dass er das nicht anders erwartet hat. Er geht davon aus, bis 2012 alles vermietet zu haben. „So was dauert eben ein bisschen.“

Struck ist nicht nur Geschäftsführender Gesellschafter der GIS-Solar GmbH, sondern auch Besitzer mehrerer Spielcasinos in Tschechien. Als sich der Unternehmer das etwa 50 Hektar große Schneeberger Gelände sicherte, war die Bundeswehr schon lange abgezogen: Im Frühjahr 2008 hatten sich die letzten Gebirgsjäger verabschiedet. Damit fand die rund 300 Jahre währende militärische Tradition der Garnisonsstadt ein Ende.

Knapp 69 Millionen Euro flossen seit der Wende in die Modernisierung der Kaserne. „Sonst hätte ich sie auch nicht gekauft“, so Investor Struck. Der Bund der Steuerzahler sah in dem krassen Missverhältnis zwischen Sanierung und dem späteren Verkaufsangebot eine Verschwendung von Steuergeld.

Frieder Stimpel ist seit 1994 Bürgermeister. Der CDU-Politiker war auch bei der Verabschiedung der Soldaten zu Auslandseinsätzen dabei. „Proteste von den Schneebergern gab es dabei nie“, sagt er nicht ohne Stolz. Dass Rot-Grün 2004 das Aus für den Standort beschloss, war für Stimpel alles andere als rational. „Schneeberg hatte einfach keine Lobby.“ Eine so moderne Kaserne hätte man niemals aufgeben dürfen, findet er. Damals musste sich Sachsens Staatsregierung damit zufriedengeben, wenigstens den 60 Kilometer von Schneeberg entfernten Standort Frankenberg gerettet zu haben.

Wieder auf die Streichliste?

Dass Frankenberg wieder auf eine Streichliste gerät, diesmal durch die Reformpläne von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, kommt für Ministerpräsident Stanislaw Tillich nicht infrage. Der Verteidigungsminister indes fühlt sich nicht für die wirtschaftliche Strukturpolitik der Länder verantwortlich. Tillich wies vorsorglich schon im Frühjahr 2010 darauf hin, dass Sachsen inzwischen „die geringste Bundeswehrdichte unter allen Bundesländern“ aufweise.

Bürgermeister Stimpel hat immer noch schnell ein mittlerweile zehn Jahre altes Gutachten zur Hand. In dieser Expertise sagte Wirtschaftsprofessor Ulrich Blum, inzwischen Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, aus: Bei einem Abzug der Bundeswehr drohe der Region ein Wertschöpfungsverlust von umgerechnet rund 30 Millionen Euro. Um dies zu kompensieren, müssten etwa 150 Millionen Euro in eine gewerbliche Ansiedlung mit dauerhaften Jobs für 900 Menschen gesteckt werden.

Ein Retter mit 900 Jobs ist in Schneeberg nicht in Sicht. Der Ort hat seit der Wende ein Viertel seiner Einwohner verloren. Es gibt noch etwas mehr als 15.000 Schneeberger, die Statistik meldet rund 1000 Arbeitslose. „Schneeberg ist älter geworden, vor allem junge Leute sind weggezogen“, sagt Stimpel.

Mit dem Investor Struck kommt er gut aus. Stimpel will sich mit ihm demnächst auch auf eine Wiederinbetriebnahme der 1.800 Quadratmeter großen Schwimmhalle in der Kaserne einigen.

In einem Wohnblock der Jägerkaserne sind seit Herbst 2010 Asylbewerber untergebracht. Struck erhält dafür monatlich nach eigenen Angaben rund 30.000 Euro. Die NPD überzog die ganze Stadt mit ihren Plakaten „Touristen willkommen. Kriminelle Ausländer raus“.

Struck bezahlt einen Sicherheitsdienst dafür, das Gelände Tag und Nacht zu bewachen. Dennoch ist die Kaserne für die Schneeberger offen wie nie. Vereine und Schulen haben Zugang zu den Sportanlagen. Seit Strucks Übernahme kamen Wochenendspektakel wie Mineralienbörsen oder Nachtflohmärkte hinzu. In der Sporthalle finden nun „Bergland-“ oder Rassekaninchen-Schauen statt.

Im niederbayerischen Kirchham kaufte der Unternehmer schon 2006 die Rottalkaserne. Laut Struck ist das Areal zu 60 Prozent vermietet. In Schneeberg verfolge er den gleichen Kurs wie in Kirchham, sagt er. (dpa)