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Warum der Osten anders tickt

Pfarrer Andreas Tasche aus Herrnhut sieht einen Grund in der Stasi. Seine eigenen Akten lassen ihn staunen.

© Matthias Weber

Von Anja Beutler

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Wenn Andreas Tasche heute in einem Gottesdienst diesen Satz zu Gott spricht, dann wohl mit besonderen Erinnerungen: „Greif überall dort ein, wo Regierende versagen.“ Diese Worte hat er vor 33 Jahren einmal in Niesky als junger Pfarrer in der Predigt gewählt. Und sie waren es wert, in seiner Stasi-Akte vermerkt zu werden. Bei der Lektüre der rund 220 überlieferten Seiten aus Stasi-Akten und Karteikarten überkommt den heute 61-Jährigen manchmal ein Kopfschütteln, gelegentlich ein Schmunzeln und oftmals großes Staunen. Unter dem Decknamen „Zinzendorf“ sind Berichte über Predigten, die Jugendarbeit unter seiner Ägide, über die Bücher in seinen Regalen, seine Reisen und Briefkontakte gesammelt. Eine Schriftprobe ist dabei und viele direkte Zitate aus Gesprächen. „Ich habe mich nie für so wichtig gehalten“, sagt der Mann, der heute für die Öffentlichkeitsarbeit der Herrnhuter Missionshilfe zuständig ist.

Dass in der heute noch belegbar dokumentierten Überwachungszeit von 1985 bis 1989 erst in Niesky und dann im thüringischen Neudietendorf je vier Spitzel auf ihn angesetzt waren, verblüfft ihn bis heute: „Ich war keineswegs der größte, mutigste Widerständische in der Herrnhuter Brüdergemeine, aber ich habe mir erlaubt, kritisch zu denken und zu reden – und ein wenig auch zu handeln“, resümiert Tasche heute. In der Tat legen die Berichte, die Tasche beim SZ-Gespräch in seinem Büro im Herrnhuter Vogtshof vorlegt, nicht den Einruck nahe, dass es die Staatssicherheit hier mit einem ihrer gefährlichsten Feinde zu tun gehabt hat.

Umfangreiche Aufzeichnungen

Doch die Stasi spürte, dass Andreas Tasche schon im Vikariat und auf seiner ersten Pfarrstelle in Niesky die Kraft hatte, vor allem die Jugendlichen an sich zu binden – aber auch bei den älteren Gemeindegliedern Eindruck zu hinterlassen: „Sangesfreudig“ sei er, gern gestalte er Kindernachmittage und sei auch „gegenüber älteren Menschen sehr zuvorkommend“ beschreibt ihn ein inoffizieller Stasi-Mitarbeiter – ein IM mit Decknamen Axel Walter – in Niesky. „Ein besseres Führungszeugnis hätte mir auch die Kirche damals nicht ausstellen können“, sagt Tasche mit Ironie. Mitunter seien noch nicht mal seine eigenen Aufzeichnungen zu seinen Predigten aus der Zeit so gut wie in den Protokollen.

Was aber hat ihn verdächtig gemacht – außer dass er aus einer christlichen Familie kam? „Ich war Pazifist, für Frieden und gegen den Wehrdienst, für Verständigung und Abrüstung“, zählt er auf. Bei einem Schuleingangsgottesdienst bat er Gott um Schutz für die Kinder in der sozialistischen Schule, in der Glaube ja keine Rolle spielt. Heute wäre das keiner Erwähnung wert, damals waren das „bedeutsame Fakten“, die IMs über ihn sammelten.

Dass solche Interpretationen auch schnell hätten ernsthafter werden können, weiß Tasche mit Blick in seinen Bekanntenkreis nur zu gut. „Ich bin kein Opfer und habe mich auch nie als eines gefühlt“, macht er deutlich. Er habe keine Einschränkungen erlebt, nicht im Gefängnis gesessen oder Repressalien erlitten.

Einmal war er wahrscheinlich knapp vor ernsthafteren Konsequenzen: 1985 lagen in der Nieskyer Kirche rund 200 Flyer mit einem Beschluss der Brüder-Unität aus, in dem es um die Wehrpflicht ging. Die weltweit agierende Kirche hatte sich darauf verständigt, Kirchenmitglieder, die den Wehrdienst absolvierten, nicht fallen zu lassen – aber auch nicht diejenigen, die sich zu einer Verweigerung als „zeichenhaften Friedensdienst“ entschieden. Das war für die DDR starker Tobak – Tasche hatte am Ende wohl Glück, dass es keine weiteren Verwicklungen gab.

Ähnlich war das auch am 1. September 1989, als die Brüdergemeine und die damalige Landeskirchengemeinde in Neudietendorf gemeinsam am 50. Jahrestag des Überfalls auf Polen eine Buß- und Gedenkfeier abhielten. „Da man sich nicht auf eine Kirche einigen konnte, vereinbarten wir, im Gottesdienst schweigend von einem zum anderen Ort zu wechseln und die Feier sozusagen zu teilen“, erinnert sich Andreas Tasche. In Stasi-Lesart war das in Zeiten der Montagsdemos ein „Schweigeweg unter Glockengeläut“.

Erleichterung nach Akteneinsicht

An die große Glocke gehängt hat Tasche seine Stasi-Akte nie. „20 Jahre lang habe ich gar nicht erwogen, sie einzusehen“, sagt er. Erst als er in einem Buch über die Bespitzelung in der Brüdergemeine in den Fußnoten sah, dass aus seiner Akte zitiert wurde, habe er in der Gauck-Behörde nachgefragt. Zwei Jahre später konnte er sie einsehen. „Zum Glück haben mich keine Personen aus meinem engsten Kreis bespitzelt“, schildert er seine Erleichterung. Von sechs der acht Spitzel kennt er die wahre Identität heute. „Wenn ich heute in Niesky predige, sehe ich einige noch heute in der Gemeinde“, sagt er. Angsprochen habe er sie nie. „Sie haben mir eher leid getan – reich geworden sind sie bei meiner Observation sicher nicht“, erklärt er. „Wenn ich wüsste, dass ihnen die Vergangenheit Kummer macht und sie mit mir reden wollen, würde ich es tun“, erklärt Tasche.

Denn das ist seine große Kritik: „Wir hätten viel zeitiger mit einer Aufarbeitung anfangen müssen“, sagt er und meint dabei ausdrücklich auch die Kirche. Denn viele, die bei der Stasi wirklich gut verdient haben, haben auch nach der Wende einen guten Job gefunden – unter anderem bei der Treuhand, legt er seine Sicht dar. Diese Dinge richtig aufzuarbeiten und zu benennen, sich dafür Zeit zu nehmen, wäre wichtig gewesen. Warum der Osten anders tickt, hat für Andreas Tasche jedenfalls auch sehr viel mit diesem Kapitel deutscher Geschichte zu tun. „Wir müssen alle gemeinsam dafür kämpfen, dass die Demokratie in Deutschland erhalten bleibt und dass der Rechtsstaat gegen seine alten und neuen Feinde weiter gestärkt wird“, sagt der Herrnhuter Pfarrer.