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Warum die Baukosten explodieren

Der derzeitige Bauboom treibt die Kosten hoch. Baufirmen sagen: Erst jetzt wird der Markt wieder normal.

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© Entwurf: Obermeyer Planen + Beraten GmbH

Von Franz Werfel

Sebnitz/Altenberg. Ob privater Hausbauer, eine Firma, die bauen will, oder bei Investitionen der öffentlichen Hand – jeder muss derzeit mehr Geld fürs Bauen bezahlen. Sachsens Statistischem Landesamt zufolge sind die Kosten für Wohngebäude im letzten Jahr um 3,6 Prozent gestiegen. Die drei Hauptgründe dafür sind offenkundig: Noch immer geben die Banken Kredite zu sehr günstigen Zinssätzen aus. Zweitens sind die Auftragsbücher im Baugewerbe und bei Handwerkern gut gefüllt. Sie müssen nun nicht mehr jedes greifbare Angebot um jeden Preis annehmen. Und drittens sorgen umfangreiche Investitionsprogramme von Bund und Land dafür, dass auch im öffentlichen Sektor viel gebaut wird. Förderprogramme sollen den Kommunen helfen, zu investieren. Das veranschlagte Geld reicht dabei aber nicht in jedem Fall, wie viele aktuelle Beispiele aus dem Landkreis zeigen.

Das derzeit prominenteste Beispiel, der Neubau des Leistungssportzentrums für Bob, Rodel, Skeleton, Mountainbike und Biathlon in Altenberg, wurde vor einer Woche in einer Sondersitzung des Kreistages verhandelt. 8,3 Millionen Euro haben die Bauplaner der Firma Obermeyer kalkuliert, 5,8 Millionen Euro davon sollten aus Töpfen von Bund und Land kommen. Nach Sichtung der ersten Angebote war klar, dass der Preis nicht zu halten ist. So erreichte das Landratsamt auf eine erste Ausschreibung für Abbrucharbeiten kein einziges Angebot.

Sieben Bieter gab es hingegen bei der europaweiten Ausschreibung für Rohbauarbeiten. Deren Angebote lagen aber mindestens 20 Prozent über der veranschlagten Summe. Das sei zwar angesichts der aktuellen Marktlage nicht außergewöhnlich, kommentierte der zuständige Bau-Beigeordnete Heiko Weigel (CDU) im Kreistag. Es bringt den Landkreis dennoch in eine schwierige Lage, weil die Gesamtfinanzierung des Bauvorhabens auf der Kippe steht.

Denn nach einer aktuellen Berechnung des Planungsbüros wird das Sportzentrum nun wohl 12,2 Millionen Euro kosten. Die Differenz von fast vier Millionen Euro kann der Landkreis aus eigener Kraft um eine Million verringern. Für die weiteren drei Millionen Euro bemüht sich Landrat Michael Geisler (CDU) derzeit um mehr Fördergeld bei Sportminister Markus Ulbig (CDU). In einer ersten Reaktion hat sein Ministerium angedeutet, dass es an dem Bau in Altenberg festhalten will. Der Bescheid über mehr Fördergeld steht aber noch aus.

Anderes Beispiel: Die Stadt Freital will bis Anfang 2019 das Potschappler Bahnhofsgebäude für 3,5 Millionen Euro sanieren. Knapp die Hälfte davon soll mit Fördermitteln bezahlt werden. Auf die erste Ausschreibung für den Rohbau erreichte die Stadt kein einziges Angebot. Freital wiederholte die Ausschreibung. „Im Ergebnis gingen zwar Angebote ein, diese lagen allerdings deutlich über der Kostenberechnung“, sagt Stadtsprecher Matthias Weigel. Um die Mehrkosten tragen zu können, will Freital weitere Fördermittel beantragen.

Zeiten der Kampfpreise sind vorbei

Drittes Beispiel: Als letzte größere Baumaßnahme für einen besseren Hochwasserschutz wollte die Gemeinde Lohmen in der Mühlenstraße eine neue Flutrinne bauen, Kosten: rund eine Million Euro. Baustart sollte noch im August sein. Weil die Gemeinde kein Angebot erreichte, verzögert sich der nun. Die SZ hat mehrere Baufirmen in der Region zur aktuellen Marktlage befragt und auch dazu, wie sie bei guter Konjunktur ihre Angebote berechnen. Öffentlich wollte sich keine Firma äußern. Als Hauptgeschäftsführer des sächsischen Baugewerbeverbandes kennt Klaus Bertram die Marktmechanismen sehr gut. Er sagt, die aktuelle Lage sei zufriedenstellend. Um gut zehn Prozent seien die Umsätze des Baugewerbes im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zu 2016 gestiegen. „Wir haben aber auch höhere Kosten durch neue Auflagen, wie etwa die Dämmverordnung oder bei der Entsorgung“, sagt er. Seit zwei Jahren habe sich der Markt stabilisiert und normalisiert. „Auf untere Kampfpreise der öffentlichen Auftraggeber müssen unsere Firmen nun nicht mehr bieten.“ Wenn Städte und Dörfer mit Steuergeld bauen, müssen sie laut Verordnung den wirtschaftlich günstigsten Bieter bevorzugen. „Aber der billigste Anbieter ist nicht immer der beste“, so Bertram.

Er weiß auch um die Praxis sogenannter Abwehrangebote. Das heißt: Mit einem sehr hohen Angebot signalisiert eine Baufirma, dass sie zwar prinzipiell Interesse an dem Auftrag hat. Bekommt sie den Zuschlag nicht, sei das verschmerzbar. „Erhält sie ihn aber, so freut sie sich über den erzielten Preis“, sagt Bertram. Wenn Firmen um Aufträge bieten, sei etwas Spekulation immer dabei. Vor dem Bauboom hätten Ingenieurbüros darauf spekuliert, dass schon jemand den Auftrag braucht und so den Unterbietungswettbewerb angeheizt. „Diese Situation hat sich nun gedreht“, so Bertram. Da die Firmen nicht mehr ausschließlich auf öffentliche Aufträge angewiesen seien, würde sie sich nun lieber an privaten oder gewerblichen Ausschreibungen beteiligen.

Ähnlich sieht es bei den Handwerkern aus. Waren deren Auftragsbücher in den vergangenen Jahren zwei bis drei Monate im Voraus gefüllt, haben viele mittlerweile ein halbes Jahr Vorlauf. Klaus Tittel, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südsachsen mit Sitz in Pirna, freut sich über die mittlerweile „gesunden Preise am Markt“, wie er sagt. „Früher haben die Betriebe zu uns gesagt, sie brauchen Aufträge. Heute würden sie gern mehr Personal einstellen und sind ständig auf der Suche nach Auszubildenden“, so Tittel. Die Auswirkungen bekommen auch private Hausbauer zu spüren – sie müssen länger warten, bis ihr Auftrag angenommen wird.