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Warum die Görlitzer wieder mehr werden

Die Stadt verdankt ihr Wachstum vor allem Rückkehrern, vielen Babys – und den Nachbarn.

© Zeichnung: Andreas Neumann-Nochten

Von Sebastian Beutler

Zahlen können Schall und Rauch sein. Sicher. Aber diese hat es in sich. Die Kamenzer Experten des Statistischen Landesamtes haben ermittelt, dass Ende 2014 genau 54 193 Menschen ihren Hauptwohnsitz in Görlitz hatten – 151 mehr als Ende 2013. Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung leben damit wieder mehr Menschen in der Stadt als zum Ende eines Vorjahres. Görlitz wächst also – wenn auch auf niedrigem Niveau. Doch warum jetzt? Die SZ analysiert die Daten vom Statistischen Landesamt.

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Noch nie zuvor sind so viele Menschen nach Görlitz gezogen

Jahrelang zogen mehr Menschen von Görlitz fort, als herkamen. 1990 lag diese Differenz bei knapp 2 400 Personen. Erst langsam stabilisierte sich die Lage, einen Hoffnungsschimmer gab es erstmals 2008, als der Saldo aus Zugezogenen und Fortgezogenen positiv war. Mit 77 noch ziemlich bescheiden. 2014 aber zogen 2 716 Menschen nach Görlitz, nur 2 287 verließen die Stadt. Ein klares Plus von 429. Dabei ist Görlitz einen Tick weiblicher geworden, 218 Frauen blieben mehr in der Stadt, als weggingen. Bei den Männern waren es 211.

Die Schere zwischen Geburten und Todesfälle wurde wieder kleiner

1992 war der Tiefpunkt. Damals wurden nur 391 neue Görlitzer geboren, aber 1 038 starben. Das sogenannte Geburtendefizit betrug 647 – niemals nach der Wiedervereinigung war es so hoch. Nun ist es wieder geringer geworden: weil wieder mehr Kinder geboren wurden und weniger Menschen starben. Im vergangenen Jahr registrierten die Statistiker 475 Geburten und 767 Sterbefälle, macht ein Defizit von 292.

Unter den Zuzügen nimmt die Zahl der Rückkehrer zu

Görlitz hat seit der Wiedervereinigung unter einem kontinuierlichen Bevölkerungsverlust gelitten. Doch in den vergangenen Jahren nahm die Zahl der Rückkehrer wieder zu. Das haben Experten vom Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig ermittelt. Demnach kehrten zwischen 2006 und 2010 etwas mehr als sieben Prozent aller abgewanderten Menschen aus den Jahren 2005 bis 2009 wieder in den Landkreis Görlitz zurück. In den fünf Jahren zuvor lag diese Rückkehrerrate erst bei 4,4 Prozent. Damit liegt Görlitz etwas schlechter als der Landkreis Bautzen, wo diese Rate 8,4 beziehungsweise 6,0 Prozent betrug. Den Spitzenwert bei der Rückkehrerrate erreicht das Eichsfeld in Thüringen. Sie liegt dort zwischen 19 und 28 Prozent.

Die Görlitzer Bevölkerung wächst dank der Ausländer

Auch wenn die Gesamtbevölkerung leicht wächst, die Deutschen werden immer weniger in Görlitz. Allein 2014 sank ihre Zahl um 279 auf 51 323. Dass trotzdem mehr Menschen in der Stadt leben, liegt an der Zuwanderung von Ausländern. Deren Zahl wuchs innerhalb eines Jahres um 430 auf 2 870. Die größte Gruppe machen unter ihnen Polen aus. 2 020 zählte das Görlitzer Rathaus Ende 2014. Ein Hauptgrund: Seit 2011 können Polen überall in der EU arbeiten und leben. Und diese Entwicklung hält auch in diesem Jahr an. Danach lebten Mitte Dezember bereits 2 500 Polen in Görlitz. Das deckt sich auch mit aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für das ganze Land. Demnach nimmt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den osteuropäischen EU-Staaten kontinuierlich zu. Die größte Gruppe unter ihnen bilden Polen und Rumänen.

Die Ausländer in Görlitz sind deutlich jünger als die Deutschen in der Stadt

Die ausländische Zuwanderung wirkt auch wie eine Frischzellenkur für die Görlitzer Gesellschaft. So lag das Durchschnittsalter aller Görlitzer 2014 bei 47,8 Jahren. Männer waren im Schnitt 46,2 Jahre alt, Frauen drei Jahre älter. 1990 waren die Görlitzer im Schnitt erst 39 Jahre alt. Diese Alterung geht ausschließlich auf das Konto der deutschen Görlitzer: Deren Durchschnittsalter stieg seit 1990 von 39,2 auf 48,5, das der ausländischen Görlitzer sank: Von 36 auf 35,5 Jahre.

Die Stadt wächst im Kern, die Ränder verlieren weiter

Was die kühnsten Optimisten nicht erwartet hatten: Görlitz wächst in der Innenstadt, wo im November dieses Jahres knapp 16 000 Menschen lebten, in der Altstadt und in der Südstadt. Dagegen verlieren weiter Stadtteile wie Königshufen oder Hagenwerder Einwohner. In Biesnitz geht die Kurve auch etwas bergab: In vielen Familien, die nach der Wende in den begehrtesten Görlitzer Einfamilien-Stadtteil zogen, sind die Kinder groß geworden und ziehen aus.

Die Prognosen zeichnen aber ein düsteres Bild – auch für Görlitz

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Am Montag lesen Sie: Wie kann Görlitz bei künftigen Einwohnern punkten.