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Warum die Grundrenten im Osten höher sind

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat einen Ost- Rentenvorteil errechnet. Finanzexperte Winfried Fuest erklärt die Ursachen.

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Herr Fuest, Sie haben ausgerechnet, dass die Rentner im Osten 2008 durchschnittlich eine 17 Prozent höhere Rente als in Westdeutschland bezogen. Warum ist das so?

Die Rentenversicherung hat Ost-Rentnern voriges Jahr im Durchschnitt im Monat 917,80 Euro aufs Konto überwiesen, 133,47 Euro mehr als den Westsenioren. Die Hauptursache dafür ist, dass die Erwerbsbiografien Ost lückenloser sind als im Westen. In der damaligen DDR gab es statistisch, auf dem Papier so gut wie keine Arbeitslosigkeit. Von den längeren Erwerbszeiten profitieren heute insbesondere ostdeutsche Rentnerinnen. Ihr Vorsprung lag 2008 im Schnitt bei exakt 200 Euro: sie bekamen 856 Euro, ihre westdeutschen Altersgenossinnen nur 656 Euro – ein Unterschied von über 30 Prozent.

Die höhere gesetzliche Rente ist also vor allem eine Folge der tatsächlich anderen Arbeitsbiografie?

Richtig, aber nicht nur. Ein zweiter Aspekt ist die Hochwertung der Osteinkommen in der Rentenversicherung. Die wesentlich niedrigeren Löhne und Gehälter, die in der DDR gezahlt wurden, wurden entsprechend hochgerechnet.

Man hat bei der Rentenüberleitung so getan, als ob der DDR-Durchschnittsverdienst in Ostmark genauso hoch ist wie der West-Durchschnittsverdienst in D-Mark.

Genau. Rein technisch hat man die Ost-Verdienste dann mit einem Aufwertungsfaktor hochgerechnet. Der lag ursprünglich unmittelbar nach der Vereinigung mal bei 3,2 und liegt 2009 bei 1,1868. Daraus folgt: In der Rentenversicherung werden die Arbeitseinkommen immer noch um 18,7 Prozent höher bewertet wird als im Westen. Jeder Euro Beitrag im Osten ist damit mehr wert als im Westen.

Langsam. Zunächst gehört doch aber zum ganzen Bild, dass im Osten die gesetzliche Rente im Wesentlichen das einzige Alterseinkommen ist. Im Westen kommen häufig noch Betriebsrenten, Versicherungen, Immobilienerträge oder anderes hinzu.

Stimmt. Die Berechnungen beziehen sich nur auf die gesetzliche Rente. Die Vermögenssituation im Alter ist im Schnitt im Osten deutlich schlechter. Und die Altersversorgung stammt häufig nur aus der einen Quelle.

Weiter: Wieso ist jeder Euro Rentenbeitrag, der im Osten eingezahlt wird, mehr wert als im Westen?

Das hängt mit dem Aufwertungsfaktor zusammen, der die Einkommensunterschiede Ost-West ausgleichen und sie nicht ins Alter fortschreiben soll. Dadurch wird der Rentenbeitrag im Osten mehr wert als der im Westen. Ein Beispiel für ein Zwillingspaar: Wenn beide 30000 Euro im Jahr verdienen und 5970 Euro in die Rentenversicherung einzahlen, erreicht der Zwilling im Westen monatliche Rentenansprüche von 26,49 Euro, der im Osten von 27,53 Euro. Nach 18 Jahren Versicherungszeit hat der Ostrentner 82 Euro mehr.

Wenn man die Rentensysteme in Ost und West anpasst, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, müsste man wohl auch die Höherbewertung der Osteinkommen aufgeben, oder?

Ja. Ich würde allerdings die Aufwertung im selben Tempo der Zugewinne bei den Verdiensten abschmelzen. Eine abrupte Umstellung würde keine Rücksicht nehmen auf die unterschiedlichen Einkommensverhältnisse. Und da sollte man fair bleiben. Bei vielen Indikatoren gibt es zwar schon eine Ost-West-Angleichung. Aber bei den Einkommen ist die in den letzten zwei Jahren doch zum Stocken gekommen.

Zuletzt ist die unterbrochene Arbeitsbiografie im Osten eher die Regel als die Ausnahme. Muss man deswegen nicht mehr Altersarmut fürchten?

Die Altersarmut wird dann zunehmen, wenn die jetzige Erwerbs-Generation sich darauf verlässt, später allein von der gesetzlichen Rente leben zu können.

Gespräch: Peter Heimann