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Warum dieser Vogel so viele Leute beschäftigt

Wegen der B 178 zwingt die EU die Behörden, den Ortolan umfassend zu schützen. Das verärgert viele Landwirte.

© Wikimedia

Von Gabriel Wandt

Singt er noch oder singt er nicht mehr, der Ortolan an der neuen B 178? Um diese Frage geht es schon lange nicht mehr. Jetzt geht es um ein Strafverfahren, in dem der Freistaat von der EU vorgeschrieben bekommt, wie der Ortolan zwischen Löbau und Weißenberg zu schützen ist. Hintergrund sind außerdem die vielen Proteste, die aus der Region gegen den Straßenbau eingegangen sind. Auch wenn die Straße bis Nostitz seit acht Jahren benutzt wird – die Streitigkeiten sind nicht ausgestanden. Und mit den jetzigen Plänen folgt neuer Ärger, soviel scheint sicher. Denn die Landesdirektion hat bekannt gegeben, wie der seltene Singvogel künftig geschützt werden soll. Diese Pläne erregen jetzt schon Kritik.

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Landwirte dürfen keinen Mais und Raps mehr anbauen

In zwei Gebieten sollen für Landwirte bald empfindliche Einschränkungen gelten. Bei Weißenberg sowie östlich von Glossen bis nördlich von Mauschwitz ist geplant, ein ortolangerechtes Bewirtschaften der Äcker vorzuschreiben. Das bedeutet unter anderem, dass kein Mais und kein Raps mehr angebaut werden dürfen, wie die Landesdirektion Sachsen mitteilt. Dazu kommt, dass Halme auf den Feldern genügend Abstand zueinander haben müssen, damit der Ortolan zwischen ihnen hindurchschlüpfen kann. Monokulturen und intensive Landwirtschaft sind ebenfalls unzulässig. Ziel dieser Vorschriften ist es, das Nahrungsangebot für den Ortolan zu erhalten. Dass der Singvogel in seinem Bestand gefährdet ist, führen Naturschützer auch darauf zurück, dass es auf den Feldern immer weniger Obstbäume gibt, aus denen er sich ernähren kann. Diese Einschränkungen gelten auf einer Fläche von mehr als 35 Hektar, das entspricht etwa 49 Fußballfeldern. Dazu kommen 14 Hektar Flächen, auf denen vorwiegend Getreide angebaut werden soll. Hierbei sind ebenfalls Raps, Mais und Sonnenblumen ausgeschlossen.

1000 neue Bäume sollen gepflanzt werden

Für den Vogel will die Landesdirektion zudem 15 vorhandene Baumreihen und Alleen vervollständigen lassen. Dabei sollen rund 1 000 Bäume gepflanzt werden. Dazu kommen rund 110 000 Quadratmeter neue Hecken. Das führe auch zu einer Verschönerung des Landschaftsbilds, teilt ein Direktions-Sprecher mit. Zudem sollen die Alleen die Zahl der sogenannten Singwarten erhöhen – das sind erhöhte Sitzpositionen, die die Vögel für die Nahrungssuche und fürs Imponieren brauchen. Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr, das das Projekt umsetzen muss, rechnet mit entstehenden Kosten von rund 1,9 Millionen Euro. Die Landesdirektion erklärt in ihrer Mitteilung, dass dies alles empfindliche Eingriffe seien, diese sich aber auf das unbedingt erforderliche Maß beschränkten.

Ortolane gibt es in Sachsen fast nur hier

Ist all das umgesetzt, geht man beim Freistaat davon aus, dass die Zahl der zwischen Kittlitz und Weißenberg lebenden Ortolane wieder deutlich steigt. Der B-178-Abschnitt von Nostitz bis Löbau greift laut Landesdirektion auf 1,6 Kilometern in ein besonderes Schutzgebiet und in drei Reviere der Ortolane ein. Durch Lärm und das Licht der Fahrzeuge bei Dunkelheit seien zudem zwei weitere Reviere entwertet worden. Es muss daher Ersatz für den Verlust von mindestens fünf Brutrevieren her. Ist der geschaffen, sollen auf den Feldern bei Glossen und Mauschwitz mindestens zehn Ortolanmännchen einen Lebensraum finden, der sich für sie zu einer Neuansiedlung eignet. Dresden rechnet damit, dass sich daraus dann mindestens neun Brutreviere entwickeln. Der Singvogel ist bei Überprüfungen in den vergangenen Jahren mehrfach nachgewiesen worden. Auf welchen Feldern genau er sich dabei befinde, spiele keine große Rolle, hatte Joachim Ulbricht von der Vogelschutzwarte Neschwitz schon 2015 gegenüber der SZ erklärt. Die Region nördlich von Löbau ist Teil des Vogelschutzgebietes „Feldgebiete der östlichen Oberlausitz“ und außerdem eine von nur zwei Gegenden in Sachsen, in denen der Ortolan hauptsächlich vorkommt. Es gehe vielmehr darum, dieses größere Gebiet, in dem sich der Vogel heimisch fühle, zu erhalten.

Unter den Bauern regt sich bereits der Protest

Mehrere Bauern streiten bereits darum, ob und welche Flächen sie abgeben müssen. Ein Landwirt, der bei Kleinradmeritz Felder hat, bekam beispielsweise eine Ausgleichsfläche angeboten, die zwölf Kilometer weit weg und inmitten von anderen Flächen liegt – ohne eigenen Weg dorthin. Zudem soll er von seinen Feldern einen 30-Meter-Streifen abgeben, der für den Ortolan reserviert werden soll. Dann hätte sein Grundstück keinen Kontakt mehr zum Weg – eine weitere ungeklärte Frage. Jörg Freiherr von Lüdinghausen wiederum ist mit selbst bewirtschafteten Flächen betroffen und mit solchen, die er verpachtet hat. „Es ist ein Wahnsinn“, kommentiert er das Vorhaben. Der Aufwand sei riesig, der Verlust an Flächen enorm. Dazu kommt, dass die Preise für Entschädigungen beim Ackerland nur theoretische Sätze seien. „Der Marktpreis ist wesentlich höher“, betont Lüdinghausen. Er kritisiert, dass diese Vorgaben überhaupt umgesetzt werden. Wenn diese aus einem Vertragsstrafverfahren resultieren, wäre es besser gewesen, der Freistaat hätte eine halbe Million Euro nach Brüssel überweisen, als nun diesen Aufwand zu betreiben. Nun wird er selbst Einspruch gegen die Pläne einlegen, der im Zweifel vor den Gerichten geklärt werden muss.

Das Umsetzen der Pläne wird noch dauern

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Bis es dazu kommt, dass Bäume gepflanzt und Ackerränder umgestaltet werden, wird es also noch dauern. Wie lange, ist völlig unklar. Jetzt folgt erst einmal das Auslegen der Pläne. Die werden in einem Zeitraum zwischen dem 4. und dem 18. Juli in den Verwaltungen von Löbau, Weißenberg und Hochkirch ausgelegt. Die konkreten Zeiten variieren von Ort zu Ort, je nach Veröffentlichung in den lokalen Amtsblättern. Danach wird sich zeigen, welche Einsprüche eingehen und wie diese dann auch geklärt werden können.