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Warum Dynamo den Torwart wechselt

Marvin Schwäbe kehrt nach neun Spielen zurück. Der Trainer erklärt, was er sich dabei gedacht hat.

© Matthias Rietschel

Von Sven Geisler

Dieser Wechsel kommt überraschend, ist es aber irgendwie doch nicht. Das liegt am Ernst der Lage und dem Plan, diese zu meistern. Dynamo steckt in der 2. Fußball-Bundesliga im Abstiegskampf, das Gedränge ist so dicht, dass ein Punkt wie beim 1:1 gegen den Tabellenzweiten 1. FC Nürnberg nicht reicht, um Abstand zur gefährlichen Zone zu gewinnen. Immerhin bleibt es bei zwei Zählern auf den Abstiegsrelegationsplatz, auf den Heidenheim rutscht.

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In dieser Situation sind starke Nerven gefragt, Erfahrung und Selbstvertrauen. Davon traut Uwe Neuhaus also Marvin Schwäbe einen Tick mehr zu als Markus Schubert. Deshalb entscheidet sich der Trainer für den Torwart-Wechsel. Diese Option hatte er sich bewusst offengelassen, als er weiter auf den 19 Jahre alten Nachrücker aus dem eigenen Nachwuchs setzte, obwohl der zwei Jahre ältere Stammtorwart wieder fit war. Neuhaus betont, man könne Schubert keinen Vorwurf machen. Er hatte in den neun Spielen zuvor solide gehalten, aber eben nicht überragend.

Den Ausschlag für den Rücktausch im Tor gab letztlich eine grundsätzliche Entscheidung. „Wir haben uns zusammengesetzt und einen Weg gefunden, wie wir die nächsten sieben Spiele bestreiten wollen“, erklärt Neuhaus die Rückkehr zum System mit einer Spitze und zwei offensiv orientierten Mittelfeldspielern dahinter. Es sei ein eindeutiges Votum gewesen. „Damit hat die Mannschaft in den vergangenen zweieinhalb Jahren tolle Erfahrungen und viele gute Spiele gemacht.“

„Fußballerisch die Nase vorn“

Die Dresdner treten gegen Nürnberg tatsächlich anders auf als zuletzt, spielen mutiger von hinten raus und schneller nach vorn. „Ich glaube, einige auf der Tribüne haben heute ein paar Herztabletten gebaucht“, sagt Marco Hartmann. Der Kapitän meint das durchaus riskante Kurzpassspiel mit dem eigenen Torwart. Aber genau dafür setzt Neuhaus wieder auf Schwäbe, weil „Marvin fußballerisch die Nase vorn“ hat, wie er erklärt. „Da ist er auch von vielen Erstliga-Torhütern nicht zu erreichen. Das sollte der Mannschaft ein bisschen mehr Sicherheit geben, diese Spielweise durchzuziehen.“ Das könne man nicht wie einen Lichtschalter anknipsen: „So, jetzt spielen wir wieder 4-3-3 und das Bällchen so und den Gegner aus, wie es uns beliebt“, sagt Neuhaus. „Das wollten wir uns Stück für Stück wieder erarbeiten, und Marvin war ein wichtiger Teil dabei.“

Schwäbe hatte seinen Stammplatz im Winter wegen einer Knieverletzung verloren und Schubert seine Chance auf keinen Fall vergeigt. Sie kam vielleicht etwas zu früh und im ungünstigen Moment, weil die Mannschaft nach dem Fehlstart ins neue Jahr mit zwei Niederlagen verunsichert war. Die Umstellung auf zwei Spitzen hat punktuell geholfen, aber nicht die erhoffte Konstanz gebracht. Deshalb erschien die Rückbesinnung auf die bewährten Stärken sinnvoll zu sein. „Die Meinung der Mannschaft ist mir wichtig, erst recht in schwierigen Phasen. Da brauchst du die Überzeugung, und ich glaube, die hat man gesehen“, erklärt der Chefcoach.

Benatelli trifft, Hartmann rutscht aus

Und es funktioniert sehr schnell wieder sehr gut. Das 1:0, das Rico Benatelli als Abstauber per Kopf erzielt, ist kurz vor der Pause überfällig. „Die erste Halbzeit war bärenstark“, sagt Neuhaus. „Wir haben sehr viel investiert, von daher ist es schon ärgerlich, dass nicht mehr rausgekommen ist.“ Weil die Dresdner Enrico Valentini nicht an der Flanke hindern und Hanno Behrens frei zum Kopfball kommt. Es mag sein, dass Schwäbe unglücklich aussieht, aber der Aufsetzer ist extrem platziert.

Die Schuld am Ausgleich nimmt ein anderer auf sich. „Ganz ehrlich: Ich muss ihn einfach rausköpfen, rutsche aber in letzter Sekunde weg“, sagt Hartmann. Passiert. „Danach in die Spur zu finden, das Spiel wieder so nach vorn zu tragen – das war eine gute Reaktion“, meint Neuhaus. Er sieht zwar keine klaren Chancen mehr, bewertet den Punkt „gegen einen sehr starken Gegner“ aber als einen gewonnenen.

Daran hat Schwäbe nicht nur mit dem Fuß seinen Anteil, denn direkt nach dem Führungstor entschärft er mit einer Glanzparade den Schuss von Dresden-Rückkehrer Marvin Stefaniak „überragend“, wie der Trainer lobt. Und Schwäbe meint grinsend: „Ich wollte es ihm natürlich nicht gönnen, bei seinem Ex-Verein zu jubeln.“

Das erste Pflichtspiel in diesem Jahr sei für ihn etwas Besonderes gewesen, aber: Was bedeutet es für die Zukunft? Nichts sei endgültig. „Wenn wir unser Spielsystem ändern, kann viel passieren“, erklärt Neuhaus, „aber wenn wir weiter Fußball spielen wollen, macht es schon Sinn, dass er spielt.“ Der Satz mag nicht so gemeint sein, wie er interpretiert werden könnte, aber es klingt zumindest an, dass Schubert nicht automatisch als die Nummer eins in die nächste Saison geht. Schwäbe, der von Hoffenheim ausgeliehen ist, hat im Gespräch mit der SZ erklärt, dass er nicht dorthin zurückkehren möchte, um auf der Bank zu sitzen. Der Bundesligist würde ihn für eine Ablöse freigeben. Ob Dynamo bereit wäre, die zu zahlen?