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Warum Dynamo spät erwischt wird

Die Dresdner haben in der Schlussphase schon sechs Punkte eingebüßt – eine Ursachenforschung.

© Huebner/Voigt

Von Sven Geisler

Uwe Neuhaus spricht den wunden Punkt gleich selbst an. „Wieder Endphase, wieder individuelle Fehler“, sagt Dynamos Trainer nach den zwei späten Gegentreffern zum 3:3 in Darmstadt. Wieder haben die Dresdner am Schluss noch Punkte eingebüßt, die sicher zu sein schienen – insgesamt sind es in dieser Saison schon sechs. Dagegen steht nur ein Spiel, das sie durch ein spätes Tor für sich entschieden haben: Lucas Röser erzielte zum Auftakt gegen Duisburg das 1:0 in der 88. Minute. Zwei Punkte auf der Habenseite.

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Dynamos erfolgreiche Schlussoffensiven

Eine der unglaublichsten Aufholjagden: In der ersten Runde des DFB-Pokals holt Dynamo am 30. Juli 2011 einen 0:3-Rückstand gegen Bayer 04 Leverkusen auf. In der Verlängerung gelingt Alexander Schnetzler (M.) das nicht nur von Marvin Knoll (l.) und Sascha Pfeffer umjubelte 4:3.
Eine der unglaublichsten Aufholjagden: In der ersten Runde des DFB-Pokals holt Dynamo am 30. Juli 2011 einen 0:3-Rückstand gegen Bayer 04 Leverkusen auf. In der Verlängerung gelingt Alexander Schnetzler (M.) das nicht nur von Marvin Knoll (l.) und Sascha Pfeffer umjubelte 4:3.
Auch in der Ära Uwe Neuhaus gelingt den Dresdnern Ähnliches. Zum ersten Mal passiert es am 5. Spieltag der Aufstiegssaison 2015/16: Kurz vor Schluss liegen die Schwarz-Gelben vor heimischer Kulisse mit 1:2 gegen den Halleschen FC zurück. Doch Michael Hefele (85. Minute) und Giuliano Modica (88.) drehen das Spiel zu Dynamos Gunsten.
Auch in der Ära Uwe Neuhaus gelingt den Dresdnern Ähnliches. Zum ersten Mal passiert es am 5. Spieltag der Aufstiegssaison 2015/16: Kurz vor Schluss liegen die Schwarz-Gelben vor heimischer Kulisse mit 1:2 gegen den Halleschen FC zurück. Doch Michael Hefele (85. Minute) und Giuliano Modica (88.) drehen das Spiel zu Dynamos Gunsten.
Schon einen Spieltag später gelingt das der Neuhaus-Elf erneut. Beim Auswärtsspiel bei Werder Bremen II liegen die in Schwarz-Weiß-Gelb spielenden Dresdner 0:1 zurück. Dann trifft Andreas Lambertz zum 1:1 und fliegt wenig später mit Gelb-Rot vom Platz. Doch in der Nachspielzeit verwandelt Justin Eilers einen umstrittenen Elfmeter zum 2:1-Erfolg.
Schon einen Spieltag später gelingt das der Neuhaus-Elf erneut. Beim Auswärtsspiel bei Werder Bremen II liegen die in Schwarz-Weiß-Gelb spielenden Dresdner 0:1 zurück. Dann trifft Andreas Lambertz zum 1:1 und fliegt wenig später mit Gelb-Rot vom Platz. Doch in der Nachspielzeit verwandelt Justin Eilers einen umstrittenen Elfmeter zum 2:1-Erfolg.
Zum Abschluss der Saison und zum Abschied aus der 3. Liga beweisen die Dresdner noch einmal Moral. Vor eigenem Publikum liegen sie am 14. Mai 2016 gegen die SG Sonnenhof-Großaspach zurück. Doch Marvin Stefaniak (78. Minute) und Tim Väyrynen (88.) vermeiden einen bitteren Beigeschmack bei der Aufstiegsfeier.
Zum Abschluss der Saison und zum Abschied aus der 3. Liga beweisen die Dresdner noch einmal Moral. Vor eigenem Publikum liegen sie am 14. Mai 2016 gegen die SG Sonnenhof-Großaspach zurück. Doch Marvin Stefaniak (78. Minute) und Tim Väyrynen (88.) vermeiden einen bitteren Beigeschmack bei der Aufstiegsfeier.
Gegen den VfL Osnabrück stand es am 19. September 2015 bis in die Nachspielzeit 1:1. Aber Offensivmann Justin Eilers sicherte mit seinem nicht mehr für möglich gehaltenen 2:1-Siegtreffer (90. +2) doch noch die volle Punktzahl.
Gegen den VfL Osnabrück stand es am 19. September 2015 bis in die Nachspielzeit 1:1. Aber Offensivmann Justin Eilers sicherte mit seinem nicht mehr für möglich gehaltenen 2:1-Siegtreffer (90. +2) doch noch die volle Punktzahl.
Auch in der ersten Zweitligasaison unter Neuhaus bewies Dynamo Comeback-Qualitäten. Gegen Eintracht Braunschweig lag die Truppe um Stefan Kutschke schon aussichtslos mit 0:2 zurück. Doch dem Stürmer gelang innerhalb von zwölf Minuten (69. bis 81.) ein siegbringender Hattrick zum 3:2.
Auch in der ersten Zweitligasaison unter Neuhaus bewies Dynamo Comeback-Qualitäten. Gegen Eintracht Braunschweig lag die Truppe um Stefan Kutschke schon aussichtslos mit 0:2 zurück. Doch dem Stürmer gelang innerhalb von zwölf Minuten (69. bis 81.) ein siegbringender Hattrick zum 3:2.
Bis zum nächsten spät gedrehten Spiel dauerte es dann bis zum 27. Spieltag. Im Heimspiel gegen Heidenheim glich erst Erich Berko (75. Minute) die 1:0-Führung der Ost-Württemberger aus, Vier Minuten vor Schluss stellte Stefan Kutschke noch auf 2:1 für Dynamo.
Bis zum nächsten spät gedrehten Spiel dauerte es dann bis zum 27. Spieltag. Im Heimspiel gegen Heidenheim glich erst Erich Berko (75. Minute) die 1:0-Führung der Ost-Württemberger aus, Vier Minuten vor Schluss stellte Stefan Kutschke noch auf 2:1 für Dynamo.
Ein wichtiger später Treffer gelang Akaki Gogia am 13. Spieltag gegen Fürth. Sein Tor in der 86. Minute bedeute zwar das 2:0, doch die Franken schlugen in der Nachspielzeit noch einmal zu. Dank des Doppelpackers Gogia reichte es trotzdem zu drei Punkten.
Ein wichtiger später Treffer gelang Akaki Gogia am 13. Spieltag gegen Fürth. Sein Tor in der 86. Minute bedeute zwar das 2:0, doch die Franken schlugen in der Nachspielzeit noch einmal zu. Dank des Doppelpackers Gogia reichte es trotzdem zu drei Punkten.
Mit seinem Treffer an alter Wirkungsstätte sicherte Pascal Testroet (81. Minute) am 17. Spieltag kurz vor Weihnachten den 2:1-Auswärtserfolg bei Arminia Bielefeld.
Mit seinem Treffer an alter Wirkungsstätte sicherte Pascal Testroet (81. Minute) am 17. Spieltag kurz vor Weihnachten den 2:1-Auswärtserfolg bei Arminia Bielefeld.

Die Bilanz bleibt alarmierend, und sie ließe sich einfach erklären. Konditionelle Probleme schließt der Chefcoach jedoch als Ursache aus. Es sei vielmehr eine Kopfsache, sagt er. Das macht die Sache kompliziert, eine einfache Lösung gibt es nicht. Für die individuellen Patzer sowieso nicht, sie gehören dazu, wobei Neuhaus eher von Fehlerketten spricht. Die verunglückte Kopfball-Rückgabe von Sören Gonther vor dem 0:1 gegen Bielefeld ist die Ausnahme. In Darmstadt lässt sich die Schuld an den späten Gegentoren kaum einem Spieler konkret zuschreiben. Vielmehr ist es ein kollektives Versagen. Das mag zugespitzt formuliert sein, trifft es aber genau.

„Als der Druck größer geworden ist, haben wir es verpasst, wirklich nachzurücken, das Feld wieder eng zu halten“, sagt Jannik Müller, und der Innenverteidiger räumt ein: „Wir hatten den Sicherheitsgedanken drin, wollten tiefer verteidigen.“ Schon nach dem 2:3 in Bochum, das in der 88. Minute gefallen war, hatte er das Zurückweichen als Fehlerquelle ausgemacht. Nun lief es in Darmstadt ähnlich. „Sie werfen alles nach vorne, sechs, sieben Stürmer sind drin. Wir haben versucht, alles zu verteidigen, das aber leider nicht geschafft“, meint Müller. „Das ist brutal bitter.“

Cleverness, Routine und Abgezocktheit hätten gefehlt, um den Vorsprung über die Zeit zu bringen, meint Neuhaus, der den erneuten Nackenschlag unter Erfahrung verbucht. Die Erkenntnisse liegen schließlich auf der Hand. „Wir waren nur auf Sicherheit bedacht, aber da müssen wir mehr Ruhe bei eigenem Ballbesitz reinbringen“, fordert der Trainer, also „einfach mal die Zeit runterspielen“.

Dabei scheinen sie mit dem Tor zum 3:1 in der 80. Minute alles im Griff zu haben, doch als der kurz zuvor eingewechselte Terrence Boyd nach einer Ecke trifft, ist die allgemeine Verunsicherung spürbar. „Da wird es noch mal eklig“, sagt Kapitän Marco Hartmann. Und so kommt, was kommen muss: „Dann fällt einem der Ball vor den Fuß und er trifft den perfekt“, wie Müller den Ausgleich durch Ex-Dynamo Tobias Kempe in der dritten Minute der Nachspielzeit schildert. Nach Bochum (2:3), Fürth (1:1) und Bielefeld (0:2) wurden die Dresdner bereits zum vierten Mal in dieser Saison in der Schlussphase kalt erwischt. „Das ist nicht alles Pech, das würde ich auch nie sagen“, meint Neuhaus.

Es passiert in jedem zweiten Spiel

Für ihn ist das aber auch eine Sache der Wahrscheinlichkeit. Ein Gegner werfe schließlich nicht in der 20. Minute alles nach vorn, wenn er zurückliegt, sondern in den letzten zehn, zwölf Minuten. „Dann sind auch die Wechsel entsprechend und es wird hopp oder top gespielt. Deswegen werden ja die meisten Spiele erst spät gedreht oder unentschieden gestaltet.“

Soweit die logische Fußball-Mathematik. Warum aber passiert das – statistisch gesehen – in jedem zweiten Spiel gegen Dynamo? Dagegen haben die Schwarz-Gelben in dieser Saison noch kein Spiel zu ihren Gunsten gedreht, ein Umstand, den Hartmann mit seiner Kritik nach der Heimschlappe gegen Bielefeld gemeint hat. „Ein 0:1 hier in dem Stadion ist nichts. Das muss man verinnerlichen, hier so ein Spiel noch drehen zu können“, sagte er. Im Aufstiegsjahr sicherte sich Dynamo allein im eigenen Stadion zwölf Punkte durch ein erfolgreiches Aufbäumen. In der vorigen Zweitliga-Saison waren es immerhin sechs. In bester Erinnerung ist das 3:2 gegen Eintracht Braunschweig, als Stefan Kutschke mit seinem Dreierpack in der 69., 74. und 81. Minute aus einer klaren Niederlage einen knappen Sieg machte.

Allerdings sind einige nicht mehr dabei, die das erlebt haben, inklusive des Torschützen. Dieses Gefühl, diese Mentalität, lässt sich nicht einfach auf neue Spieler übertragen, einer veränderten Mannschaft mitgeben. Sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen, und das sind im Moment vorwiegend negative. Das Positive daran: „Ich glaube, dass uns dieses Spiel – so weh es auch tut – weiterbringen wird, wenn wir die Lehren daraus ziehen“, sagt Neuhaus.

Es hat etwas mit dem Vertrauen in die eigenen Stärken zu tun, sich auch in Druckphasen nicht verunsichern zu lassen. In Darmstadt war das jedoch der Fall. „Wenn man 3:1 führt, kann man nicht jeden Ball hinten rausschlagen und hoffen, dass er bei einem Mitspieler landet“, moniert Neuhaus. Allerdings hatte auch der Trainer mit seinen Wechseln das Signal zum Rückzug gegeben. (mit SZ/cdh)