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Warum Erzieher fehlen

Die Linke lud zur Kita-Debatte auf Schloss Klippenstein. Und es gab viel zu bereden.

© Thorsten Eckert

Von Jens Fritzsche

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Radeberg. Einen Kita-Neubau wird es vorerst in Radeberg nicht geben. Aktuell werden in den zwölf Einrichtungen und von den vier Tagesmüttern 1 550 Kinder betreut, damit ist die Kapazität von insgesamt 1 665 Plätzen noch nicht ganz ausgereizt. Wobei Radebergs OB Gerhard Lemm (SPD) nicht verschweigt, dass es in einigen Einrichtungen dennoch größere Wartelisten gibt. „Aber wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel Geld in zwei neue Kitas und den Ausbau an bestehenden Einrichtungen gesteckt, ich denke, wir sind derzeit gut aufgestellt.“ Allerdings weiß natürlich auch der OB, dass eine Stadt wie Radeberg – die zunehmend für junge Familien aus dem nahen Dresden attraktiver wird – das Thema Kita und Kapazitäten stets genau im Blick haben muss. Es könnte also gut sein, dass Radeberg demnächst hier erneut Geld in die Hand nimmt.

Und überhaupt spielte das Thema Geld eine große Rolle, als die Linke zur Diskussion über die Kita-Betreuung in Sachsen ins Schloss Klippenstein eingeladen hatte. Die bildungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der Linken, Marion Junge aus Kamenz, wollte dabei einerseits erklären, was ihre Partei als größte Oppositionskraft unternimmt, um die Bedingungen in sächsischen Kitas zu verbessern – aber sie wollte andererseits auch von den Betroffenen erfahren, wo sie die größten Probleme sehen, „um das in unsere Vorstöße einfließen zu lassen“, so Marion Junge.

Und da konnte das Thema Finanzen eben nicht ausgespart werden. Dass zum Beispiel der Zuschuss des Freistaats an die Kommunen für die Finanzierung von Kitas in den vergangenen Jahren prozentual geringer gestiegen ist, als die Kosten für die Kommunen, ist einer der Kritikpunkte. „Unsere Kita-Ausgaben haben sich um 20 Prozent erhöht, während der Zuschuss des Freistaats lediglich um 15 Prozent gestiegen ist“, rechnete Lemm vor. Hinzu kommt der Fakt, dass Sachsen den Kommunen den Zuschuss nur für eine maximal neunstündige Betreuung pro Tag und Kind zahlt.

„Wir haben aber wesentlich mehr Kinder, die zehn Stunden betreut werden – so dass wir diese Stunde also selber tragen“, nennt Radebergs zuständige Sachgebietsleiterin Petra Weder einen weiteren Knackpunkt. Nicht wenige Kitas verzeichnen außerdem zunehmend den Nachfrage-Trend nach längeren Betreuungszeiten. „Viele Radeberger arbeiten ja in Dresden und pendeln – da wünschen sich viele längere Öffnungszeiten“, beschrieben Kita-Erzieherinnen aus dem Publikum ihre Erfahrungen.

In die Kinder investieren

Ein Trend, den auch die neue Leiterin der Kita „Am Sandberg“, Madlen Winkler, bestätigen konnte. Wobei ihr in der Diskussion vor allem das Thema Arbeitszeiten und Ausbildung auf den Nägeln brannte. So sei es eben nicht in jedem Fall eine Vorgabe der Träger der Kitas, dass die Mitarbeiter meist nur zwischen 30 und 35 Stunden pro Woche arbeiten, macht die Kita-Chefin klar: „Ich weiß, dass viele Kollegen gar nicht länger arbeiten wollen, weil sie es einfach körperlich und psychisch nicht schaffen!“ Denn der sogenannte Betreuungsschlüssel – also die Kinderzahl, um die sich eine Erzieherin oder ein Erzieher kümmern muss – fordere von den Mitarbeitern eine Menge ab.

Aktuell liegt dieser Schlüssel im Kindergartenbereich bei zwölf Kindern. Was allerdings nicht bedeutet, dass die zu betreuenden Gruppen auch nur zwölf Kinder haben dürfen. Denn nicht beachtet werden Urlaubs- oder auch Krankheitszeiten. Deshalb macht sich die Linke zum Beispiel für einen Schlüssel von 1:7,5 im Kindergartenbereich stark. „Wir haben ein Programm vorgelegt, mit dem es möglich und finanzierbar wäre, das schrittweise zu erreichen“, so Marion Junge. Der Freistaat müsste dafür über zwölf Jahre verteilt 762 Millionen Euro in die Hand nehmen; „aber wir haben ja aktuell auch eine Rücklage von einer Milliarde Euro“, rechnet sie vor. Der Freistaat müsse in seine Kinder investieren, „das ist eine Frage des Wollens“. Ein wichtiger erster Schritt ist für Marion Junge zudem, „dass Vorbereitungs- oder Nachbereitungszeiten in die Arbeitszeit einfließen“. Das sei in Sachsen nämlich nicht der Fall. „Die Erzieher machen das also nach Feierabend …“

Wie es in anderen Bundesländern geht, hat Kita-Chefin Madlen Winkler bei einer Weiterbildung in Frankfurt am Main erfahren. „In Hessen hat jede Fachkraft eine Hilfskraft zur Seite gestellt bekommen“, beschreibt sie, was ihr die hessischen Kollegen erzählten. Marion Junge notierte fleißig – „ein interessantes Herangehen“, findet sie. Ein Beispiel auch für Sachsen? Wobei ja bekanntlich das Thema Hilfskräfte derzeit gerade mit Blick auf die Schulen in Sachsen durchaus kritisch diskutiert wird. Der Freistaat versucht auf diese Weise, den Lehrermangel zu überbrücken.

Frage der Qualität

Einen Mangel an Fachkräften gibt es dabei auch längst im Kita-Bereich. „Ich würde gern zwei Kräfte einstellen, finde aber niemanden“, bedauert Kita-Chefin Madlen Winkler. Und die Erzieherinnen im Publikum wundern sich nicht wirklich, dass es in Sachen Fachkräftenachwuchs schwierig ist. Die Erzieher-Ausbildung sei einfach viel zu unattraktiv. Gerade im Vergleich zu anderen Berufen. Insgesamt fünf Jahre – zwei davon sozusagen als Grundausbildung zum Sozialassistenten – lernen die künftigen Erzieher. Ohne jegliche Einnahmen. Im Gegenteil, wer an privaten Schulen ausgebildet wird, muss noch Schulgeld zahlen. In anderen Berufen bekommen Auszubildende mitunter schon mal bis zu 700 Euro im Monat – und werden nach spätestens dreieinhalb Jahren zum Facharbeiter.

Wobei nicht wenige im Publikum auch noch ein erhebliches Problem mit der Qualität der ausgebildeten Erzieher hatten. Während an den beiden staatlichen Berufsschulen, die sich um die Erzieherausbildung kümmern – in Dresden und in Bautzen – nur Bewerber mit guten oder sehr guten Noten angenommen werden, könne an den privaten Schulen so ziemlich jeder diesen Beruf erlernen, lautete die barsche Kritik. Noch problematischer sei allerdings, dass die künftigen Erzieher bis auf wenige Praktikumswochen, kaum Kontakt zur Praxis haben. Viele wüssten letztlich gar nicht, ob sie für diesen Beruf wirklich geeignet sind. Kita-Chefin Winkler wünschte sich deshalb ein Praxisjahr, ähnlich dem Referendariat in der Lehrerausbildung.

Eine Menge Ideen und Wünsche jedenfalls, die Marion Junge nun mit in ihre Landtagsfraktion nehmen wird. Das eine oder andere dürfte sich also demnächst in der Debatte dort wiederfinden.