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Warum sich von Schirach erschießen wollte

Der Jurist und Autor gibt in seinem neuen Buch auch Auskunft über seine Depressionen.

Ferdinand von Schirach ist ein gern gesehener Gast im  Schauspielhaus Dresden. Am 10. Mai stellt er dort sein jüngstes Buch vor.
Ferdinand von Schirach ist ein gern gesehener Gast im Schauspielhaus Dresden. Am 10. Mai stellt er dort sein jüngstes Buch vor. © Thomas Kretschel

Von Bettina Ruczynski

Kurz vor seinem zehnten Geburtstag kommt der Junge in ein Jesuiteninternat. Es liegt in einem dunklen, engen Schwarzwaldtal, in dem der Winter sechs Monate dauert. „In der ersten Nacht denkt er, bald wird das Licht wieder eingeschaltet und jemand wird sagen: Du warst tapfer, jetzt ist es vorbei, du darfst wieder nach Hause.“ Der Junge irrt sich. Niemand kommt und erlöst ihn.

Wer den Pfennig nicht ehrt

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Ferdinand von Schirach, anerkannter Strafverteidiger, begnadeter Schriftsteller und bekennender Raucher, legt mit dem Bändchen „Kaffee und Zigaretten“ ein privates, ja intimes Buch vor. In seiner schnörkellosen, präzisen Prosa offenbart der weit gereiste Weltbürger Autobiografisches, erzählt von prägenden Erlebnissen und Begegnungen. Kluge Gedanken über Rechtsprechung, gesellschaftliche Entwicklungen und das bedrohte Erbe der Aufklärung, das es zu verteidigen und zu bewahren gilt, sind mit Beobachtungen, Anekdoten und Notizen zu einem eindrucksvollen Ganzen verwoben. Auf diesen 190 Seiten geht es um viel. Um die Idee des Rechts und die Würde des Menschen. Um Trauer und Melancholie, um Depression und die Sehnsucht nach Glück. Um Einsamkeit, Heimat und Entwurzelung. Das ist ergreifend und zugleich famoses Futter für Hirn und Herz.

Als der Junge 15 ist, stirbt sein Vater, den er schon viele Jahre nicht mehr gesehen hat. Allein fährt er zur Beerdigung. Ein paar Wochen später liest er den Abschiedsbrief des Dichters Heinrich von Kleist. „Kleist schoss der Freundin in die Brust und sich selbst in den Mund.“ Distanziert und dennoch nicht ohne Mitgefühl beschreibt Ferdinand von Schirach, wie sein jugendliches Alter Ego anderthalb Flaschen Whiskey trinkt, eine Schrotflinte aus dem Waffenschrank nimmt, in den Garten geht und abdrückt. „Am nächsten Morgen findet ihn der Gärtner in seinem Erbrochenen, die Schrotflinte liegt in seinem Arm. Er war so betrunken, dass er keine Patrone eingelegt hatte. Er spricht mit niemandem über diese Nacht, in der er sich selbst gesehen hat.“

Ferdinand von Schirach findet mit Büchern wie „Verbrechen“, „Schuld“, „Strafe“ und „Der Fall Collini“ in über 40 Ländern begeisterte Leser. Der Mittfünfziger ist ein Menschenkenner und ein Moralist ohne erhobenen Zeigefinger. Das ist eine seltene und kostbare Mischung, von der unter anderem sein Theaterstück „Terror“ lebt. Es wurde seit 2015 mehr als tausendmal aufgeführt und war auch am Dresdner Staatsschauspiel und am Bautzener Theater ein Zuschauermagnet.

Mit der Bürde der Vergangenheit – sein Großvater Baldur von Schirach war Reichsjugendführer unter Hitler, Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien – hat der Schriftsteller zwangsläufig zu leben gelernt. Interviews zu diesem Thema gibt er nicht. Doch in seinen Texten bezieht er Stellung. Im jüngsten Buch beschreibt er seine Entwicklung als eine bewusste Gegenbewegung.

Der Junge ist inzwischen ein Mann und mit seiner Freundin im Urlaub auf Kreta. „Irgendwann will sie wissen, warum er ist, wie er ist. Wie soll ein heller Mensch das Dunkle begreifen, denkt er. Er versucht es mit den Worten der Ärzte, sie hört zu und nickt. Depressionen seien keine Traurigkeit, sagt er, sie sind etwas ganz anderes. Er weiß, dass sie es nicht verstehen wird.“

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten. Luchterhand, 190 Seiten, 20 Euro

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Karten für die Lesung von Ferdinand von Schirach am 10. Mai, 19.30 Uhr, im Schauspielhaus gibt es für 25 Euro hier