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Was der Großbrand im „Tivoli“ alles zerstörte

© nikolaischmidt.de

Die freie evangelische Gemeinde verliert über Nacht ihr neues Domizil. Auch die Hochschule ist betroffen.

Von Frank Seibel

Was für ein bitterer Kontrast: Während die Görlitzer Katholiken am Sonntagvormittag im Beisein von Ministerpräsident Stanislaw Tillich die vollendete Sanierung ihrer Sankt-Jakobus-Kathedrale feierten, vereinten sich die Christen der Freien evangelischen Gemeinde nur wenige Kilometer entfernt zu einem Mai-Gottesdienst, der von Erschrecken und von Traurigkeit geprägt war. 36 Stunden zuvor, um gegen 23 Uhr am Freitagabend, hat ein Feuer die Turnhalle des „Tivoli“ an der Kahlbaumallee völlig zerstört – jene alte Halle, die die Gemeinde im vorigen Sommer für 80 000 Euro gekauft und seither umfassend saniert hatte, um sie in diesem Frühjahr noch für eigene Veranstaltungen und für die sonntäglichen Gottesdienste nutzen zu können. Rund 700 000 Euro steckten in dem Bau, in zwei Wochen wollte die Gemeinde umziehen.

Im Sommer 2015 saß er zufrieden in der Turnhalle des „Tivoli“. Damals hatte seine Gemeinde das Haus gekauft. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Großfeuer am Görlitzer Tivoli

Die Bilder aus der Brandnacht geben einen Eindruck von der Größe des Feuers.
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Pfarrer Eugen Böhler musste sich sehr zusammenreißen, um die Gemeinde im Gottesdienst nicht mit der Traurigkeit alleinzulassen. „Meine Aufgabe als Pfarrer ist es, die Menschen wieder aufzurichten.“

Er selbst hat einen ganzen Tag gebraucht, um den „totalen Schock“ zu verarbeiten. Noch am Freitagabend gegen 22.30 Uhr sei er vor Ort gewesen, um nach dem rechten zu schauen. Zuvor hatten Mitglieder der Gemeinde noch Überbleibsel der Bauarbeiten aufgeräumt und in Müllcontainer vor dem Tivoli geworfen. Alles war abgeschlossen, erinnert sich der 42-Jährige. Er fuhr beruhigt nach Hause in die Bautzener Straße, am anderen Ende der Görlitzer Innenstadt. „Nachts um halb drei wurde ich aus dem Bett geklingelt“, sagt Böhler. Dass es die Polizei sein musste, ahnte er. Immer mal wieder sei er angerufen worden, weil mal wieder jemand versucht hat, einzubrechen. Doch diesmal: Das Tivoli brenne, ob er der Eigentümer sei.

Als Eugen Böhler kurze Zeit später in der Kahlbaumallee ankam, sah er zunächst vom verheerenden Feuer nicht viel. Die Außenmauern stehen, zur Straßenseite hin sogar unversehrt. Aber oben fehlt das Dach, alles verkohlt, noch immer sind Flammen zu sehen.

Blitzschnell muss alles gegangen sein. Kurz vor 23 Uhr wurde die Feuerwehr alarmiert: Flammen im hinteren Teil des Gebäudes, einer ehemaligen Mälzerei. Von dort aus hat das Feuer über zwei kleine Fenster auf den Dachstuhl der Turnhalle im vorderen Teil des Gebäudes übergegriffen. Explosionsartig erfassten die Flammen die gesamte Turnhalle, die eben noch frisch saniert war.

50 Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehr sowie von vier freiwilligen Wehren aus Görlitz und sogar der Wehr aus Niesky bekämpften das Feuer. „Mit diesem Großaufgebot wurde verhindert, dass die Flammen auf die benachbarte Bowlingbahn und andere Gebäude übergreifen konnten“, sagt der Polizeisprecher Thomas Knaup. Auch die Verwaltung der angrenzenden „Brandschutztechnik Görlitz GmbH“ war in Gefahr. Späte Gäste der Bowlingbahn im Eckgebäude mussten das Lokal verlassen. So wurde niemand verletzt.

Als Gemeindemitglieder am Sonnabend um 9 Uhr wie vereinbart zum Tivoli kamen, um weiter aufzuräumen, traf sie der Schock. Ihr Haus war mit einem rot-weißen Band abgesperrt, Feuerwehrleute waren noch immer im Einsatz, die letzten Reste des Feuers zu löschen. Mehr als tausend Stunden ehrenamtlicher Arbeit sind durch die Flammen zunichte gemacht worden, sagt Pfarrer Böhler. Auch der Görlitzer Architekt Christian Weise war entsetzt, als er von Böhler über den Brand informiert wurde. Er hatte die Gemeinde auf eineinhalb Jahre lang bei Konzeption und Planung begleitet. Was von diesen Gedanken noch für die Zukunft trägt, ist offen.

„Ich plane erst einmal weiter mit diesem Standort“, sagt Böhler. Das Konzept seiner Freien evangelischen Gemeinde ist es, keine abgeschiedenen sakralen Räume zu nutzen, sondern möglichst mitten ins gesellschaftliche Leben hineinzugehen. Daher sei das „Tivoli“ ein geeigneter Ort: An Wochenenden sollte die Halle der Gemeinde vorbehalten sein, auch für den Gottesdienst. Denn das Übergangs-Refugium in der Gartenstraße ist schon zu klein für die wachsende Gemeinschaft, zu der viele junge Familien zählen. Etwa 35 aktive Mitglieder und ungefähr 70 Gottesdienstbesucher zählt die Gemeinde nach Auskunft ihres Pfarrers. Doch nicht nur die Gemeinde ist vom Verlust betroffen. Auch die Hochschule Zittau/Görlitz hat die Turnhalle für ihre Sportangebote genutzt und hatte mit der Christengemeinde auch einen Mietvertrag für die kommenden Jahre abgeschlossen; ebenso die benachbarte TüV-Akademie. Was nun? Werden sie als Mieter noch bereit stehen? Auch diese Frage wird Eugen Böhler in den nächsten Wochen beschäftigen. Noch ist unklar, ob und wann sich die Tivoli-Halle wieder nutzen lässt, von der nur noch die Außenmauern stehen.

Noch ist auch unklar, wie das Feuer entstehen konnte. Auffällig ist, dass es erst zwei Wochen zuvor einen Brand in einer nahe gelegenen Industrieruine, der Wäscherei im einstigen Volltuchwerk, gegeben hat. Als Eugen Böhler erfahren hat, dass das Feuer nun in der ehemaligen Mälzerei im hinteren Teil des Tivoli-Komplexes entstanden ist, war er erleichtert. „Das ist der Teil, den wir nie betreten haben und auch nicht nutzen durften, nicht einmal als Abstellraum.“ Die Bauarbeiten fanden ausschließlich im Turnhallengebäude statt. So kann kein Handwerker und auch kein Helfer aus der Gemeinde den Brand ausgelöst haben, sagt der Pfarrer.

Und noch etwas lässt ihn aufatmen: die Welle der Solidarität, die seit Sonnabend die Gemeinde erreicht. Menschen aus der Stadt, andere Gemeinden und der Landesverband der freien evangelischen Kirchen haben Mut gemacht und Hilfe angeboten.