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Was Deutschland in der Bildungspolitik von Sachsen lernen kann

Deutschland sollte sich beim Bildungsgipfel in Dresden auf ein vergleichbares Leistungsniveau bei allen Abschlüssen einigen – nach sächsischem Standard.

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Von Stanislaw Tillich

In zwei Tagen erleben viele Kinder einen der wichtigsten Momente in ihrem Leben: Den ersten Schultag. Die Schule prägt Kinder über Jahre hinweg so stark für ihr weiteres Leben wie sonst nur noch die Familie. Nicht für die Schule, sondern fürs Leben wird gelernt, sagt der Volksmund, was im Umkehrschluss heißt, dass alles, was in der Schulzeit versäumt wird, auch im Leben oft fehlt.

Noch immer verlassen zum Beispiel zu viele junge Menschen die Schule ohne Abschluss. Das ist nicht nur für jeden Einzelnen eine Tragödie. Es ist auch ein Verlust für die Gesellschaft, den sich unser Land weder sozial noch ökonomisch leisten darf.

Im Oktober tagt in Dresden der Bildungsgipfel, auf dem sich die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten verständigen will, wie die Sicherung von Fachkräften gelingen und das Versprechen vom Aufstieg durch Bildung noch besser eingelöst werden kann.

Übertrieben ist es nicht, wenn manche die Bildung als die soziale Frage unserer Zeit bezeichnen. Denn Bildung entscheidet nicht nur über die Chancen jedes Einzelnen, sondern auch darüber, ob wir unseren Wohlstand und den Bedarf an Fachkräften auf Dauer sichern können. Ich habe in meiner Regierungserklärung die Bildung bewusst in den Mittelpunkt gestellt. Sie steht gleichauf mit Arbeit und Solidarität als Kernziel für ein modernes und gerechtes Sachsen. Jedes Kind, egal welcher Herkunft, soll mit Lernbereitschaft, Fleiß und Wissen einen guten Start ins Leben und in den Beruf schaffen können.

Als Vater weiß ich aus eigener Erfahrung, wie neugierig Kinder sind. Kaum können sie sprechen, fragen sie uns Löcher in den Bauch. Diese Bereitschaft zum Lernen verkümmert im deutschen Bildungssystem allzu oft. Spielerisch lernen Kinder die Welt verstehen und üben mühelos fremde Sprachen. In Sachsen wollen wir diese kindliche Neugier noch stärker nutzen und schon im Kindergarten die Talente der Kinder entwickeln. Deshalb ist ab kommendem Jahr das Kultusministerium auch für diesen frühesten Bildungsabschnitt verantwortlich.

Dieser strukturellen folgt eine qualitative Weiterentwicklung: Ich möchte einen Bildungsplan, der definiert, welche Kenntnisse und Fähigkeiten Kinder in welchem Alter haben sollten – bis hin zur Motorik und zum sozialen Verhalten. Diese Vergleichbarkeit wird zeigen, wann ein Kind gezieltere Förderung braucht.

Bildungsstudien belegen es: Je früher ein Kind individuell gefördert wird, desto größer ist der Lernerfolg und umso geringer sind die herkunftsbedingten Bildungsunterschiede. Deshalb müssen wir stärker in den Anfang einer Bildungsbiografie investieren, statt wie heute am Ende zu reparieren, was schief gelaufen ist.

Dazu braucht es Tatkraft und Leidenschaft. Nur wer begeistert lehrt, kann Lernende begeistern. Ich kenne viele Lehrer in Sachsen, die es schaffen, ihren Klassen jeden Tag Lust auf den Lernstoff zu machen. Für diese hervorragende Arbeit danke ich allen engagierten Lehrerinnen und Lehrern und Erzieherinnen und Erziehern ganz herzlich. Auch in Zukunft liegt eine große Verantwortung bei den Eltern, die ihre Kinder zum Lernen und zur Leistung motivieren.

Lernen erfordert individuelle Anstrengung auch bei jedem Schüler. Wo die Leistungsbereitschaft fehlt, muss die Gesellschaft sie einfordern. Gerechte Bildungschancen für alle heißt auch, dass sich jeder nach seinen Kräften anstrengen muss. Auch das ist Solidarität.

Schon heute bietet unser Bildungssystem viele Wege zum Erfolg, sie müssen nur genutzt werden. Wer nach der Grundschule die sächsische Mittelschule besucht, erhält ein stabiles Fundament für die Berufsausbildung. Wer auf das Gymnasium wechselt, ist mit dem sächsischen Abitur bestens vorbereitet auf ein Studium überall in Deutschland. Eine individuellere Förderung der Schüler ist möglich, weil wir eine günstige Schüler-Lehrer-Relation haben: Kommen in Sachsen auf einen Lehrer knapp 15 Schüler, sind es im Bundesdurchschnitt mehr als 19. Wer eine Meisterprüfung bestanden hat, der kann – so sieht es das sächsische Hochschulgesetz vor, das noch den Landtag passieren muss, – künftig auch ohne Abitur ein Studium beginnen. Von dieser Durchlässigkeit braucht Deutschland noch viel mehr. Jeder Einzelne zählt.

Dieser Tage wird viel darüber diskutiert, wie die knappen Güter Öl und Gas unserer Wirtschaft zu schaffen machen. Dabei wird übersehen, dass wir mit Bildung unseren wichtigsten Rohstoff, die klugen Köpfe, selbst entwickeln und unser Land unendlich reich machen können. Mit klugen Köpfen lassen sich dann auch Energiefragen viel besser lösen. Bildung bringt für die Gesellschaft die besten Renditen. Sachsen gibt schon heute jeden vierten Euro für Bildung aus. Damit fördern wir etwa die Lust auf Naturwissenschaft und Technik.

Zugleich haben wir immer daran festgehalten, dass Mathematik Prüfungsfach im Abitur bleibt. Die vielen Schüler, die sich für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium entscheiden, sind ein Resultat dieser Entscheidung.

Viele entdecken erst spät ihre Leidenschaft für diese Fächer. Sachsen hat sich daher entschieden, dass ab kommendem Schuljahr neben Mathematik auch Biologie, Chemie und Physik bis zum Abitur belegt werden müssen. Auch das ist eine sächsische Innovation, die sich zur Nachahmung empfiehlt.

Die Mittelschule ist das Rückgrat unseres sächsischen Bildungssystems. Sie ist das Treibhaus für die Lehrlinge von morgen. Wir werden an den Mittelschulen die polytechnische Ausrichtung weiter stärken, um die Berufsorientierung zu erleichtern: Damit sich künftig noch mehr Schüler, und gerade Mädchen, für technische Berufe oder ein Handwerk entscheiden.

In der Öffentlichkeit wurde zuletzt die Bildung einseitig auf Eliteförderung reduziert. Gute Bildung braucht aber beides: Nur mit einer guten Breitenförderung kann sich eine Spitze entwickeln. Natürlich braucht unser Land exzellente Forscher, ohne sie gäbe es zum Beispiel den medizinischen Fortschritt nicht. Aber wir brauchen in noch größerer Zahl gut ausgebildete Ärzte, Schwestern und Pfleger, die diese Innovationen zum Wohl der Patienten anwenden können.

Deutschland hat sich leider daran gewöhnt, alles, was in der Bildungspolitik klemmt, auf die Länderverantwortlichkeit zu schieben. Aber für Sachsen kann ich sagen: Dass wir heute so gut dastehen, verdanken wir dem föderalen System, das uns erlaubt, eigene Wege zu gehen. Mit einem Berliner Bildungszentralismus würden sächsische Schüler noch immer 13 Jahre bis zum Abitur die Schulbank drücken. Dabei haben die Sachsen bewiesen, dass sie das Lernpensum in zwölf Jahren packen.

Vom Bildungsgipfel im Oktober erwarte ich, dass innovative Beispiele aus Sachsen, etwa die Naturwissenschaften als Pflichtprogramm bis zum Abitur, zum Standard für ganz Deutschland werden. Deutschland muss sich auf ein gleiches und vergleichbares Leistungslevel bei den Bildungsabschlüssen verständigen.

Auf welchem Weg die Bundesländer ihre Schüler auf dieses Leistungslevel bringen, muss aber weiter in der Hand jedes einzelnen Landes bleiben. Wenn der Wunsch nach einer Bildungsrepublik Deutschland wahr werden soll, kann uns der Wettbewerb zwischen den Ländern nur beflügeln.