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Was die Jugend will

In Radebeul gibt es weniger Orte, wo Jugendliche sich ausleben können. Aber auch die Interessen der jungen Leute haben sich verändert.

© Norbert Millauer

Von Nina Schirmer

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Die passende Musik zum Fest

Wenn es in den Innenstädten nach gebrannten Mandeln riecht, die Tage kürzer und die Abende länger werden, dann steht die Weihnachtszeit vor der Tür.

Radebeul. Die Jugend heutzutage hat schlechte Manieren und keinen Respekt vor den Älteren. Die jungen Leute widersprechen ihren Eltern und tyrannisieren ihre Lehrer. Sie schwatzen, wo sie arbeiten sollten und legen ihre Beine übereinander. So beschrieb es Sokrates rund 400 Jahre vor Christus. Das Schimpfen über die Jugend ist also nichts Neues. Wohl eher eine sichere Konstante von Generation zu Generation. In Radebeul wirft eine Ausstellung ab dem 5. März einen Blick auf die Jugend in der Stadt. Mit zahlreichen Fotos, auf denen sich vielleicht der ein oder andere „Die-haben-keinen-Respekt-mehr-Nörgler“ selbst in seiner rebellischen Zeit wiedererkennt. Doch die Schau verfolgt auch noch ein anderes Ziel. Sie will die Jugendarbeit in den Fokus rücken. „Wenn überhaupt, wird meistens negativ über die Jugend gesprochen. Wenn es zu laut ist oder etwas kaputtgeht“, sagt Sozialarbeiter Robert Kaiser. „Wir wollen zeigen, welche Qualität es in der Jugendarbeit hier gibt.“

Zum Beispiel im Jugendclub Weißes Haus in Serkowitz. Vergangene Woche, in den Winterferien, konnten sich Jugendliche dort bei Workshops im Graffitisprayen ausprobieren. Ganz entspannt bei Musik und unter Anleitung. Doch solche Räume zum Ausleben sind in den letzten Jahren immer weniger geworden in der Stadt. In den 90ern gab es noch deutlich mehr Anlaufstellen. Den Treff im Eisenbahnwaggon zum Beispiel. Oder die selbstverwalteten Jugendclubs in Lindenau und auf dem Augustusweg. Am Mohrenhaus war mal die erste Skateranlage in der Stadt. Nach dem Abriss der Schule zogen die Jugendlichen vorübergehend auf den Parkplatz am Kaufland. Auch davon gibt es Fotos in der Ausstellung. Der Schulclub Ratskeller in der Wilhelm-Eichler-Straße hingegen hat überlebt und feiert in diesem Jahr 20-jähriges Bestehen. Schulclubleiterin Dajana König findet, dass es trotzdem vor allem für Jüngere zu wenig Möglichkeiten in der Stadt gibt. „Bis zur vierten Klasse gehen sie am Nachmittag in den Hort. Aber danach gibt es kaum Angebote.“ Erst recht, seit 2012 das Freizeitzentrum Rosenhof auf der Winzerstraße geschlossen wurde.

Die Sozialarbeiter beobachten aber auch, wie sich die Interessen der jungen Leute im Laufe der Jahre verändert haben. „Früher gab es wesentlich mehr Subkultur“, sagt Robert König. „Heute sieht man kaum noch Extreme.“ Die Jugendlichen heute seien weniger politisch interessiert, auch weniger Teil einer Rebellion. Unverändert geblieben ist aber der Wunsch der Jugendlichen nach Orten, wo sie sich treffen können. „Partys im Jugendalter sind wichtig“, sagt Robert Kaiser. „Früher gab es dafür deutlich mehr Angebote.“ Wer heute unter 18 ist, hat kaum Chancen in eine Disko zu kommen. Höchstens mit Muttizettel, also einer Erlaubnis der Eltern und einer volljährigen Aufsichtsperson. Auch sonst bräuchten die Jugendlichen Freiräume, wo sie rumhängen können, Musik hören, kreativ sein. Dajana König fände zum Beispiel einen offiziellen Platz für Jugendliche an der Elbe gut.

Zu diesem Thema, der Jugendarbeit in der Stadt und einem respektvollen Zusammenleben von Jung und Alt soll es eine öffentliche Talkrunde geben zur Vernissage der Ausstellung am 5. März im Bürgertreff, Bahnhofstraße 8 . Die Gäste bekommen neben Chroniken und Fotoalben, welche die Jugendsozialarbeit in ihrer ganzen Bandbreite zeigen, auch Graffitikunstwerke von jungen Radebeulern zu sehen. Eben jene, die beim Workshop im Weißen Haus entstanden sind. Was gefällt, kann gekauft werden. Der Erlös kommt der Selbsthilfegruppe Sonnenstrahl e.V. und damit von Krebs betroffenen Kindern und Jugendlichen zugute.

Die Ausstellung „Hingerichtet ist der Blick auf die Jugend“ läuft vom 5. März bis 11. April.