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Was hat der Siemens-Chef gesagt?

Der Blitzbesuch von Joe Kaeser in Görlitz bewegt viele. Er diente vor allem, Verhandlungen mit den Betriebsräten zu erleichtern.

© nikolaischmidt.de

Von Sebastian Beutler

Görlitz. Seit seinem Blitzbesuch am Dienstagmittag fragt sich Görlitz: Was hat Siemens-Chef Joe Kaeser wirklich vor den Beschäftigten gesagt? Und was bedeutet das nun für das Görlitzer Werk? Die SZ gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Zum Blitzbesuch von Joe Kaeser

Hat Kaeser die Schließung des Görlitzer Werkes zurückgenommen?
Nein. Joe Kaeser hat über den Strukturwandel in der Kraftwerksparte gesprochen, die Hintergründe für die Streichpläne von Siemens erläutert. Versprechungen, dass der Standort nicht geschlossen wird, hat er nicht gemacht, und dies auch ausdrücklich unter anderem gegenüber einem Mitarbeiter auf der Belegschaftsversammlung betont, der explizit nachgefragt hat.

Warum wird dann Kaesers Besuch als ein positives Signal gewertet?
Tatsächlich ist die Erleichterung bei der Görlitzer Politik, aber auch bei den Siemens-Mitarbeitern an der Lutherstraße groß, dass die Proteste bei Siemens Wirkung zeigen. Dass er anschließend auch noch ins Görlitzer Rathaus gefahren ist und sich eine halbe Stunde für Oberbürgermeister Siegfried Deinege Zeit genommen hat, wird ebenso als herausragendes Zeichen dafür wahrgenommen, dass Kaeser durchaus verstanden hat, was Siemens für Görlitz und die Region bedeutet.

Worin liegt nun der Fortschritt im Besuch Kaesers in Görlitz?
Niemand konnte erwarten, dass Kaeser das Streichprogramm für die Kraftwerksparte, an dem seit einem Jahr konzernintern gearbeitet wurde, in Görlitz mit einem Satz kassiert. Noch vor wenigen Tagen hatte er die Pläne verteidigt. Dass er nun in Görlitz – wenn auch vage – angedeutet hat, zu Gesprächen über die Zukunft des Görlitzer Siemens-Standortes über 2023 hinaus bereits zu sein, wird als ein erster Schritt auf dem Weg zu Verhandlungen gewertet. In diese Richtung wertete die IG Metall auch Kaesers Äußerung, dass einige der 14000 Stellen, die Siemens in den kommenden Jahren schafft, auch in der Lausitz angesiedelt werden könnten.

Was sind jetzt nächste Schritte in der Siemens-Krise?
Im Januar werden Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu Gesprächen zusammenkommen. Die Gewerkschaften bezeichnen diese Gespräche nicht als Verhandlungen, sondern als Sondierungen. Verhandlungen wollen sie erst führen, wenn die Siemens-Spitze die Schließung von Standorten vom Tisch nimmt. Kaeser ärgert sich über die Hinhaltetaktik der Gewerkschaften. Er will bis spätestens Ende September ein von beiden Seiten akzeptiertes Konzept haben, wie es in der Kraftwerkssparte weitergeht. Schon am Montag kritisierte er die Gewerkschaften vor Journalisten in München für ihre Verweigerungshaltung. „Für die Menschen, die betroffen sind, ist es am Ende einfach unverantwortlich“, sagte Kaeser. „Deshalb muss man Wege finden, wie die Sozialpartner am Beispiel von Siemens Transformation üben.“ Sollte dieses Verhalten anhalten, schloss er auch Alleingänge des Managements nicht aus, sagte aber auch: „Am Ende des Tages brauchen wir alle.“ Deswegen mahnte er auch in Görlitz, wenn es nicht gelinge, für den Standort eine Perspektive zu entwickeln, sei das ein Versagen der Sozialpartner.

Was tut die Politik derzeit, um dem Görlitzer Standort zu helfen?
Ministerpräsident Michael Kretschmer hält engen Kontakt zu den Görlitzer Betriebsräten, trat bereits in Fernsehsendungen zu dem Thema auf und fuhr gestern nach München, um mit Siemens-Chef Joe Kaeser sowohl über das Görlitzer als auch das Leipziger Werk zu sprechen. Heute kommt er zum Weihnachtssingen nach Görlitz. Kaeser hat diese Gespräche ausdrücklich begrüßt. Das könnte darauf hinweisen, dass es um Fragen der staatlichen Unterstützung beispielsweise bei der Qualifizierung von Mitarbeitern geht, wenn Siemens sich entscheidet, neue Produkte in Görlitz zu etablieren. Oberbürgermeister Siegfried Deinege hat nach SZ-Informationen gegenüber Kaeser nicht nur die Lage bei Siemens angesprochen, sondern auch bei Bombardier. Das Görlitzer Werk ist Partner beim Bau von Schnellzügen, für die Siemens den Zuschlag von der Deutschen Bahn erhalten hatte. Doch werden die Arbeiten nicht in Görlitz ausgeführt, sondern in Bombardier-Werken in Polen. Deinege bat darum, zu prüfen, ob das geändert werden könnte.

Schließlich versucht der Siemens-Chef, die Stimmung für Verhandlungen mit Selbstkritik zu verbessern. „Es gab einige Dinge, die nicht so toll waren, dass man Rekordergebnisse verkündet, und drei Wochen später kommt die Restrukturierung“, sagte er in München. „Ich verstehe das, wenn die Menschen sagen, also irgendwie ist das jetzt Ackermann hoch zwei“, sagte Kaeser mit Blick auf den früheren Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann und dessen hohe Renditevorgaben. Der Gewinn soll nach Kaesers Worten bei Siemens nicht das alleinige Kriterium sein: „Der Wert der Integration der Gesellschaft ist höher als ein Punkt Marge oder zwei.“ (mit dpa)

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