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Was machen mit den Bettelkindern?

© Stefan Becker

Seit Wochen beschäftigt das Thema die Ämter: Bildungsbürgermeister Hartmut Vorjohann schlägt ein Verbot des Bettelns von Kindern vor. Dieter Wolfer, Chef der Treberhilfe, erklärt, warum Verbote aber nichts bringen.

Dresden. Nachdem es eine Zeit lang ruhig um sie geworden war, sind sie nun wieder rund um den Altmarkt, in der Neustadt und am Schillerplatz zu sehen: bettelnde Kinder und Erwachsene. Laut Stadtverwaltung kommen sie vor allem aus Rumänien und der Slowakei. Seit Wochen beschäftigt das Thema die Ämter. Bildungsbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) schlägt ein Verbot des Bettelns von Kindern vor. Das wird kontrovers diskutiert. Im SZ-Gespräch spricht Dieter Wolfer, Chef der Treberhilfe und Sozialarbeiter in der Neustadt, über die Schulpflicht für die Kinder, Vorurteile und mögliche Lösungen.

Dieter Wolfer fordert mehr Bildung, damit Kinder nicht betteln. © Sven Ellger

Herr Wolfer, aktuell wird ein Verbot des Bettelns diskutiert, wie stehen Sie dazu?

Ich halte davon wenig. Wird das Betteln von Kindern verboten, treibt es die Familien in die Illegalität oder zu alternativen Tätigkeiten. Das kann von der Straßenmusik bis zu Diebstahl führen.

Viele Experten sprechen im Zusammenhang mit den Kindern von Kindeswohlgefährdung. Wie beurteilen Sie das?

Ich sehe dies anders: Kinder verbringen viel Zeit mit ihren Familien. Sie arbeiten, weil sie dies auch so aus ihren Ländern kennen – mit ihrer und für ihre Familie.

Was würde den Kindern aus Ihrer Sicht helfen?

Helfen müssen wir nicht nur den Kindern, sondern den ganzen Familien. Die Kinder sind der Schlüssel, um mit den anderen Familien in Kontakt zu kommen.

Wie sieht es mit der Schulpflicht aus?

Es würde den Kindern helfen, wenn sie eine Schule oder eine Kita besuchen dürfen. Bildung ist unser Ziel als Sozialarbeiter. Da die meisten aber keinen festen Wohnsitz in Deutschland haben, kennen sie keine Schulpflicht. Da sie meist nicht sesshaft sind, ist ein zeitweiser Aufenthalt in Schulen meist schwierig.

Wie können die Hilfsangebote konkret aussehen?

Nötig ist ein offenes und niederschwelliges Angebot, bei dem Spiele für die Kinder angeboten werden, es Kleidung und etwas zu essen und zu trinken gibt. Dabei werden sie von den Eltern begleitet und wir können langsam Kontakt und Vertrauen aufbauen.

Ist das bei Sinti- und Roma-Familien schwieriger als bei Ihren anderen Klienten?

Ja, sie sind oft verunsichert und ängstlich, da sie mit ständiger Ablehnung und Vorurteilen konfrontiert werden. Sie haben natürlich auch Angst, dass die Polizei und das Ordnungsamt ihre Aufenthaltsorte herausfinden oder dass sie dann wieder vertrieben werden. Daher ist es unglaublich schwer, sie überhaupt zum regelmäßigen Kommen und längerem Bleiben zu bewegen.

Wie viele Sinti und Roma nutzen denn aktuell Ihre Angebote?

Ungefähr 20 Erwachsene mit ihren Kindern, im Winter sind es bis zu 40 Menschen.

Sie sind mit ihrem Sozialbus im Alaunpark und in der Innenstadt aktiv, verteilen Essen und Getränke an Obdachlose. Wäre das nicht auch eine Option?

Das Busangebot wird seit dem 30. Juni nicht mehr vom Jugendamt gefördert. Aber wenn dieses fortgesetzt würde, könnte ich mir gut vorstellen, den Bus für Angebote zu nutzen, da wir die Menschen im öffentlichen Raum erreichen, Vertrauen aufbauen, erste Projekte gestalten, Hilfe und Beratung anbieten.

Warum stellen Sie keinen neuen Förderantrag?

Ich bin dazu mit den Konzepten intensiv mit dem Jugend- und Sozialamt im Gespräch.

Was bedeutet der Wegfall des Busses für Ihre Klienten?

Nicht nur für die Klienten, auch für die ehrenamtlichen Helfer, die zum Teil selbst obdachlos sind, bedeutet das einen herben Einschnitt. Ihnen bricht nicht nur schlicht die Versorgung mit Essen an zwei Tagen die Woche, sondern auch die Strukturierung ihres Alltages weg. Sie fühlen sich nicht mehr gebraucht und das belastet sie.

Wäre Ihr Kontaktladen und Ihre Straßenschule eine Möglichkeit für die Kinder?

Ich würde hier die Gruppen klar trennen. Kinder lernen anders und schneller. Die derzeitige Straßenschule in der Neustadt richtet sich an junge Volljährige ab 18 Jahren. Eine Straßenschule für Kinder aus Osteuropa und Schulverweigerer wäre eine gute Idee und sollte dann auch Kinder mit einer besonderen Pädagogik erreichen.

Ist denn die Finanzierung inzwischen geklärt?

Ja, dank des Stadtratsbeschlusses erhalten wir eine Förderung für die Straßenschule in der Neustadt für zwölf Monate. Zudem wird über Projekte für Schulverweigerer im Jugendamt nachgedacht.

Sind Sie zufrieden damit?

Noch nicht so ganz. Für die Schüler und auch für meine Mitarbeiter wünsche ich mir eine langfristigere Förderung. Vielen Schülern, gerade denen, die einen Hauptschulabschluss machen wollen, würde eine zweijährige Betreuung guttun. Das können wir aber im Moment noch nicht garantieren.

Das Gespräch führte Julia Vollmer.