merken

Was man jungen Leuten zutraut

Zwei Minister, ein Grüner und Frauke Petry auf einer Bühne. Eine erstaunliche Diskussion.

© Ronald Bonß

Von Andrea Schawe

Es ist eine ungewöhnliche Runde, die sich um 8 Uhr in der Christlichen Schule Dresden zusammenfindet. In der vollen Aula sitzen an diesem Mittwochmorgen vier sächsische Spitzenpolitiker auf der Bühne: Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig, der auch SPD-Chef und Vize-Ministerpräsident ist, Kultusminister Christian Piwarz (CDU), der parlamentarische Geschäftsführer der Grüne-Fraktion im Landtag, Valentin Lippmann, und Frauke Petry (Blaue), immerhin bis 2017 AfD-Chefin. Mittlerweile sitzt sie fraktionslos in Bundes- und Landtag. Das Thema: „Vor der Landtagswahl: Wie geht es mit Sachsen weiter?“ Ihr Publikum: Schüler der 9. bis 12. Klasse.

Anzeige
Baumesse verschoben? Online informieren!
Baumesse verschoben? Online informieren!

Hören und sehen Sie kostenfreie Vorträge für Bauherren, Hauseigentümer und Immobilienkäufer. Einmal anmelden, drei Tage folgen!

Zum Warmwerden wird erst einmal geklärt, welche Fächer in der Schule so gar nicht gingen. Musik oder Kunst waren allgemein nicht so beliebt – außer bei Martin Dulig. Der mochte auch Geschichte und Deutsch. Sein „Hassfach“: Chemie. „Es ist auch trotzdem etwas aus mir geworden“, sagt Sachsens SPD-Chef.

Bevor es um die Zukunft geht, ein Blick auf die Bundestagswahl im September: Die AfD lag erstmals vor der CDU, mit 27 zu 26,9 Prozent der Zweitstimmen. Von Schock ist die Rede, Christian Piwarz widerspricht: „Geschockt sein mag zwar schön sein, bringt uns aber nicht weiter.“ Dass es so schwierig für seine CDU werde, habe aber keiner erwartet. Auch Dulig plädiert für den Blick nach vorn, anstatt immer nur über eine einzige Partei zu reden.

Die AfD ist trotzdem Thema. Schon im Vorfeld gab es im Internet Diskussionen, warum Petry überhaupt eingeladen wurde, das sei eine „haarsträubende Idee“, heißt es etwa bei Twitter. Doch die direkte Konfrontation lohnt sich, die Debatte ist fair und sachlich – in Dresden nicht selbstverständlich. Als Petry Rechtsextremismus als Problem in Sachsen relativiert, gibt es harschen Widerspruch. Die Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus gehe ihm auf den Keks, sagt Lippmann. Mit Blick auf die Gruppe Freital oder Ostritz müsse man die Relation beachten. „Man muss das doch klar sagen: Wir haben Probleme mit Rassismus in diesem Land, mit Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus“, sagt Martin Dulig. „Jahrelang wurde das in Sachsen verharmlost und dadurch hat sich das Problem nur verschärft.“ Er erntet tosenden Applaus. Piwarz wird noch drastischer: „Es kotzt mich regelmäßig an, dass keine Saison vergeht, ohne dass Football-Spieler mit dunklerer Hautfarbe in Dresdner Klubs von irgendwelchen Fascho-Bratzen angegriffen werden.“

Petry erklärt, dass sie wegen des zunehmenden Nationalismus und der Unwilligkeit, sich zu mäßigen, aus der AfD ausgetreten ist. Trotzdem sei sie verantwortlich für radikale und rechtsextreme Ansichten in der Partei. „Sie haben das Problem des Zauberlehrlings“, sagt Dulig. „Die Kräfte, die Sie gerufen haben, haben Sie nicht mehr in den Griff bekommen. Sie haben sie billigend in Kauf genommen, weil Sie so erfolgreich geworden sind.“

Die Fragen, die diskutiert werden, haben die Schüler entwickelt. „Das ist das, was die jungen Leute interessiert“, sagt eine Lehrerin, die moderiert. Jeder der Gäste hat zwei Minuten Redezeit. Im Hintergrund läuft dafür eine Grafik, auf der ein blauer Kreis innerhalb dieses Zeitrahmens das sächsische Wappen freilegt. Dann ertönt ein Gong. Frauke Petry ist die Einzige, die diese Zeit nicht immer einhält. Valentin Lippmann hat sich als erfahrener Oppositionspolitiker einfach eine höhere Sprechgeschwindigkeit angewöhnt.

Es geht in den fast anderthalb Stunden auch um politische Bildung, Politikverdrossenheit, Bildungspolitik, um den Klimawandel, den Ausstieg aus der Braunkohle, alte und neue Koalitionsoptionen und die Frage, ob das Wahlalter nicht auf 16 herabgesetzt werden soll.

Das ist eine der Thesen, die alle mit Handzeichen beantworten sollen. Petry und Piwarz sind mit einem Daumen nach unten dagegen, Dulig und Lippmann dafür. „Es ist eine grundsätzliche Frage, was man jungen Leuten zutraut“, sagt der Grüne-Politiker. Wieder Applaus. Den gibt es auch für Duligs Plädoyer für eine Gemeinschaftsschule. Einig sind sich die vier Politiker nur bei der Frage, ob es ein Wahlhöchstalter geben soll: Alle Daumen zeigen nach unten. „Das hat etwas mit Menschenwürde zu tun“, sagt Petry.