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Dresden

Was Stadtplaner ändern müssen

Über die Stadt von morgen sollte nicht am Schreibtisch der Verwaltung entschieden werden, sondern gemeinsam mit Bürgern. Das fordern Kreative, Gründer, Engagierte.  

Debatte zur Stadtplanung von morgen: Der Verein Konglomerat hat auf dem Neustädter Markt Stadtplaner und Kreative zusammengebracht.
Debatte zur Stadtplanung von morgen: Der Verein Konglomerat hat auf dem Neustädter Markt Stadtplaner und Kreative zusammengebracht. © Sven Ellger

Sie haben ähnliche Erfahrungen gemacht: Sie arbeiten in der Start-up-Szene oder der Kreativwirtschaft, sie sind Künstler oder  engagiert in Nachbarschaftsprojekten. Was sie brauchen, um sich zu verwirklichen, ist Raum. Doch die Flächen in der Stadt sind umkämpft. Sechs Dresdner erzählen auf der Raumkonferenz des Vereins Konglomerat  ihre Geschichte bedrohter oder verlorenen gegangener Domizile. Und sie mahnen: Stadtplanung müsse sich ändern.  

© Sven Ellger

Ronald Kämmerer hatte sein Büro in der Könneritzstraße 25. Zumindest bis der DDR-Riegel abgerissen wurde, weil der Eigentümer neue Pläne für das Areal realisieren wollte. Zum Thema Raumnot in Dresden sagt der junge Mann rückblickend: "Wir waren rund 150 Mieter und hatten einen sehr kreativen, regen  Austausch. Der Verlust war natürlich ein herber Schlag. Es fehlt nach wie vor an Alternativen, an einem Knotenpunkt für verschieden Kreative an einem Ort.” Gern hätten die Mieter an anderer Stelle weiter zusammengearbeitet, aber in der Stadt hätten sie keine vergleichbare Fläche gefunden. Auch nicht zu den günstigen Mieten wie in der Könneritzstraße, die Gründer aber dringend brauchen. "Die Alternativen fehlen, weil es kaum noch Flächen dieser Art gibt." Für Kämmerer stellt sich die Frage, wie Dresden das Stadtgebiet angesichts der Raumnot künftig entwickeln will. 

© Melanie Schröder

Im Gemeinschaftsgarten Johannstadt engagiert sich Julia Mertens. Auch sie hat erlebt, wie Räume weichen müssen. An die Stelle eines Gartens wurde eine Garage gebaut, "so viel zum Thema Verdrängung", sagt sie. "Zum Glück hat die Stadt einen Alternative für uns gefunden. Bei uns ist erlebbar, wie Nachbarschaft ein Stück Stadt formt. Durch Projekte wie diese werden Menschen befähigt, selbst etwas zu schaffen, sich heimisch zu fühlen. Dabei entwickeln die Menschen ein Demokratieverständnis, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und eine Art Stadtbaustein entsteht.” Diese Form der Raumaneignung sei in Dresden dringend schützenswert. Stadtplanung dürfe nicht so verstanden werden, dass darüber nur Stadtplaner und Architekten entscheiden, sondern auch jeder Einzelne. 

© Sven Ellger

Auf der Suche nach Arbeitsateliers haben Paul Elsner und weitere Kreative vor Jahren in Pieschen Flächen von der Deutschen Bahn angemietet - in der Gehestraße. Heute ist die Initiative Geh 8 aus dem Stadtteil nicht mehr wegzudenken, obwohl die Existenz des Vereins kurzzeitig bedroht war. Mit dem Neubau des Schulcampus Pieschen war die Zukunft der Kreativen zunächst unklar. Das Grundstück ging in das Eigentum der Stadt Dresden über. "Wir konnten bleiben, aber es war ein Kampf." Unter anderem gegen Teile der Stadtverwaltung, etwa das Amt für Hochbau und Immobilienaufgaben. "In der Stadtplanung könnte man strategisch überlegen, wo sich Nutzungen für Kreative eignen und gewünscht sind, beispielsweise als Kategorie Gemeinwohlpotenzial im Flächennutzungsplan. So wären Künstler nicht gezwungen, sich in baurechtlich schwierigen Situationen festzusetzen. Eine kulturorientierte Stadtentwicklung wäre gerade zur Zeit der Kulturhauptstadtbewerbung wünschenswert”, sagt Elsner.

© Melanie Schröder

Johannes Feldbauer und Silke Pohl vom Verein Elixir wollten in Dresden einen etwas anderen Begegnungsort schaffen. Zur Hochzeit der Pegida-Demonstrationen planten sie mit anderen Initiativen, Stadtgesellschaft und Flüchtlinge in der Königsbrücker Straße 177/119 zusammenzubringen. "Das Gelände gehörte der Stadt und war zum Verkauf ausgeschrieben, da haben wir uns an die Verwaltung gewandt", so Feldbauer. "Viele andere Vereine haben ihre Unterstützung zugesagt, weil ihnen dasselbe fehlte wie uns: "Raum." Mit einer Stimme Mehrheit wurde im Stadtrat gegen das "Experimentierzentrum für interkulturelles Leben" entschieden, das Gebäude schließlich verkauft. "Warum, ist unklar. Das Gelände ist zu einem Symbol für eine völlig verfehlte Grundstückspolitik geworden", sagt Silke Pohl. "Jetzt sucht die Stadt händeringend nach Grundstücken für ihren Wohnungsbau.” Das Unternehmen Palasax will auf dem Areal 92 Wohnungen bauen.  

© Sven Ellger

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Frank Dresig engagiert sich im Wagenplatz-Verein Schotter und Gleise. Für ihn ist auch diese alternative Form des Lebens in Dresden bedroht. Aus dem ersten Quartier in der Leipziger Straße wurden er und andere Bewohner geräumt, auch ihr Quartier am Leipziger Bahnhof steht auf der Kippe, da das Gebiet in Zukunft entwickelt werden soll. Dresig findet, die Stadt muss auch Platz für Kreativquartiere wie Wagenplätze schaffen und bewahren - vor allem, weil die Nachfrage sehr hoch ist. Eigentlich bräuchte es einen zweiten Platz in Dresden. "Der Bedarf nach Wagenplätzen ist groß - zum Beipiel digitale Nomaden, Studenten, die nur ein paar Monate hier sind suchen nach Räumen.”