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Was tun, wenn’s brenzlig wird?

Die Dresdner Polizei bietet ein Verhaltenstraining an. Die Teilnehmer lernen, wie sie mit Rowdys umgehen können.

Von Christoph Springer

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Der Flegel legt die Füße auf den Sitz, natürlich mit Schuhen. Und er bewegt sich nicht vom Fleck, als der Fahrgast aussteigen will, der ihm auf dem Viererplatz schräg gegenüber sitzt. Soll er doch über meine Beine steigen, denkt sich der junge Mann wohl und rutscht etwas tiefer in seinen Sitz, um noch bequemer in der Straßenbahn zu liegen. Was tun?

Jan Wittmann lässt die Teilnehmer seiner Verhaltensschulung einen Moment lang rätseln. Dann löst er auf: Aufstehen ist richtig, den Flegel für alle hörbar ansprechen, ihn dabei niemals duzen. Hilft das nicht, kann man einen anderen Fahrgast auffordern, zu helfen. Und regt sich der Mann dann immer noch nicht, gibt’s die Möglichkeit, den Straßenbahnfahrer per Sprachruf zu informieren. Rufknopf drücken und laut und deutlich in die Anlage sprechen, dann muss der Fahrer sein Hausrecht durchsetzen, notfalls mithilfe der Polizei, auch wenn die Straßenbahn dafür zunächst stehen bleiben muss.

Das war eine der Szenen, die am Donnerstag rund 60 Zuschauer bei der Polizei miterlebt haben. Polizist Jan Wittmann hatte dazu Stühle wie in der Doppelsitzreihe einer Straßenbahn aufgebaut. Ein Kollege des 42-Jährigen gab den Flegel, eine Besucherin der Veranstaltung übernahm die Rolle des Fahrgasts, der aus der Bahn aussteigen wollte.

Die Veranstaltung war die erste in einer Reihe mit dem Titel „Wissen bringt Sicherheit“. Sie sollte das subjektive Sicherheitsgefühl stärken. Polizeipräsident Horst Kretzschmar ist überzeugt von dem neuen Angebot. „Ich habe durch Rollenspiele am meisten gelernt“, sagte er bei der Vorstellung der Reihe. „Die Fehler, die man dabei macht, bleiben länger in Erinnerung.“

Dass die Beamten mit dieser Reihe richtig liegen, zeigt die Nachfrage. „Vier mal ausgebucht“, meldete die Polizei am Donnerstag zu den vier Terminen, bei denen Körpersprache und Verhaltenstraining im Mittelpunkt stehen. Monika Benziger gehörte zu denen, die schon an diesem Abend auf der Teilnehmerliste der Polizei standen. „Jetzt kommt die kalte, finstere Jahreszeit“, begründete die 79-jährige, alleinstehende Dresdnerin ihr Interesse an dem Kurs mit Jan Wittmann. „Ich will mich darüber informieren, worauf ich achten muss.“

Der Polizist erklärte den 60 Teilnehmern unter anderem, dass der Wohlfühlbereich jedes Menschen etwa der Raum ist, den man mit einer Armlänge Abstand beschreibt. In Bus und Bahn gebe es diesen Freiraum häufig nicht. Wenn aber anderswo fremde Personen in diesen Bereich eindringen, sollte man sich besser zurückziehen, riet Wittmann. „Wenn ich mich in einer Situation befinde, in der ich mich nicht wohlfühle, suche ich eine Situation, in der ich mich wohlfühle.“ Das könne auch ein geplanter Rückzieher sein. Vor Widerspruch oder gar einem Angriff gegen den Störer warnt der Polizist. Schließlich dringt man damit in dessen Wohlfühlbereich ein, eine Auseinandersetzung ist dann programmiert. „Wenn sich der Täter breitmacht, wartet er darauf, dass Sie aggressiv werden“, erläuterte er das am Beispiel des Straßenbahn-Flegels.

Monika Benziger will sich vor allem merken, was sie an diesem Abend zum richtigen Umgang mit ihrer Tasche gelernt hat. Sie gehört direkt an den Körper, bestenfalls mit den Henkeln über der Schulter, hörte sie von Jan Wittmann. Der Arm liegt über der Taschenöffnung, die Hand greift auf der Unterseite um die Tasche. So ist sie auch in Bus und Bahn sicher, sagte der Polizist. Wer auch damit nicht zufrieden ist, könne ein Minialarmgerät nutzen, das für wenige Euro in jedem Elektronikmarkt zu haben ist. Diese batteriebetriebenen Geräte geben nach dem Auslösen lange Zeit einen schrillen Alarmton ab. Damit könnten Zeugen auf einen Angriff oder eine gestohlene Tasche aufmerksam gemacht werden. Pfefferspray ist dagegen keine Alternative, sagte Wittmann. Zu gefährlich, auch für den Pfefferspray-Besitzer selbst, lautet seine Begründung. Er könnte sich damit verletzten und den Täter zusätzlich reizen.

Die Wissen-bringt-Sicherheit-Reihe geht am kommenden Donnerstag mit der zweiten Ausgabe des Verhaltenstrainings weiter. Wie auch die zwei Folgeveranstaltungen ist dieser Termin bereits ausgebucht. Damit die Polizei möglichst viele Interessenten einladen kann, findet der letzte der vier Termine in einem Saal des Stadtmuseums statt, in dem Jan Wittmann mit seinen Ratschlägen und Rollenspielen 200 Besucher auf einmal erreicht. Polizeioberkommissarin Heike Matschke, die die Reihe mitentwickelt hat, schließt nicht aus, dass die Beamten solche Abende künftig auch im Umland anbieten.

In Dresden steht als Nächstes eine Veranstaltung mit dem Titel „Neuerungen aus dem Verkehrsrecht“ im Veranstaltungskalender. Die Beamten planen dabei unter anderem Demonstrationen mit einem Gurtschlitten, in dem simuliert werden kann, welche Kräfte bei einem Autounfall auf den Körper wirken.

„Wissen bringt Sicherheit“, 12. Dezember um 18 Uhr, Haus des Kfz-Gewerbes in Dresden , Tiergartenstraße 94; Anmeldung  0351 65243690 oder per : [email protected]