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Was vom Traum geblieben ist

Zehn Jahre nach der Kulturhauptstadtbewerbung hat sich erstaunlich viel in Görlitz entwickelt – auch ohne Titel.

© Wolfgang Wittchen

Von Frank Seibel

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„Es hätte die Stadt überfordert“

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Der damalige Görlitzer OB Joachim Paulick hält auch heute nichts vom Kulturhauptstadtprojekt.

Görlitz. Kalt und ungemütlich war es am 11. April 2006, dem Dienstag vor Ostern. Dennoch kamen etwa 2000 Menschen gegen Mittag auf den Untermarkt, um die Entscheidung in einem Wettkampf mitzuerleben, den letztlich ein großer Teil der Stadtgesellschaft aktiv mitgestaltet hat. Um 11.50 Uhr war der Traum dann ausgeträumt: Essen und das Ruhrgebiet gewinnt, Görlitz/Zgorzelec wird „nur“ Zweiter. Was ist von der Kulturhauptstadtbewerbung geblieben? Eine unvollständige Betrachtung.

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Eine Bewerbung mit Effekt

Was blieb vom Konzept des Brückenparks?

Die Grenze ins Zentrum rücken: Das war die Idee des Schlüsselprojektes im Bewerbungskonzept. Der „Brückenpark“ sollte Flaniermeile, Freizeitzone, Bildungslandschaft im eigentlichen Wortsinn und ein Eldorado für zeitgenössische Kunst sein. Die Stadthalle als modernes, multifunktionales Kultur- und Kongresszentrum als größter und wichtigster Baustein, die Hochschule, begrünte Uferzonen zum Spazieren und Verweilen, ein Forum für Moderne Kunst im einstigen Kondensatorenwerk, die Hochschule als Campus für alle Wissbegierigen. Die größten und teuersten Wünsche haben sich bekanntlich bis heute nicht erfüllt. Die Sanierung der Stadthalle hat immerhin begonnen, wenngleich nur eine Sparvariante vorgesehen ist. Noch ist auch ungewiss, wie die Halle einmal betrieben werden soll.

An ein Kunstforum in der Industriebrache an der Uferstraße war schon während der Bewerbungsphase nicht ernsthaft zu denken. Dieser Gedanke spielte nach dem verlorenen Finale nie wieder eine Rolle. Stattdessen planen nun private Investoren ein Hotel; aber auch hier ist der Ausgang völlig offen. Was aber geworden ist, ist die Gestaltung der Uferzonen zu beiden Seiten des Flusses. Auf der polnischen Seite ist der „Griechische Boulevard“ schon vor einigen Jahren neu gestaltet worden, zahlreiche Häuser wurden saniert, Restaurants sind hier eingezogen; 2006 gab es noch wenig Gründe, über die Altstadtbrücke in die Nachbarstadt zu gehen. Jetzt ist dieser Bereich eine Erweiterung der Görlitzer Altstadt und an sonnigen Wochenenden spazieren viele Polen und Deutsche zwischen Stadtbrücke und Altstadtbrücke.

Vor zehn Jahren war das Gelände neben dem Kondensatorenwerk noch zugewachsen und vermüllt. Vor zwei Jahren hat die Stadt Görlitz hier eine Ruhezone geschaffen, die vor allem eine große Wiese zum Ausruhen ist. Auf polnischer Seite ist auch der Stadtpark rund ums Dom Kultury neu gestaltet worden, sodass tatsächlich ein „Brückenpark“ entstanden ist, der von der ehemaligen Synagoge in der Otto-Müller-Straße bis hinters Dom Kultury reicht.

Wie funktioniert heute die deutsch-polnische Nachbarschaft?

Anfangs gab es viel Symbolik, schwülstige Reden und große Gesten. Als sich Görlitz und Zgorzelec am 5. Mai 1998 feierlich zur „Europastadt“ ausriefen, war die Altstadtbrücke kaum mehr als eine Idee in den Köpfen von Politikern wie dem früheren Landtagsabgeordneten Volker Bandmann (CDU). An jenem Tag spannten die Wirte von Vier- und Dreiradenmühle ein Seil über die Neiße und schickten sich in einem Korb Piroggen und Crêpes hin und her. Als sich Görlitz zur Bewerbung um den Kulturhauptstadt-Titel entschloss, war die Neiße noch eine EU-Außengrenze, und jeder „Brückenschlag“ hatte etwas Aufregendes und Innovatives. Aus diesem Geist heraus entstand die Idee zur Bewerbung. Heute gibt es kaum noch große Reden und Gesten. Alles ist ein bisschen alltäglicher und, wenn man so will, langweiliger. Polen gehört nun schon seit zwölf Jahren zur EU. In den frühen 2000ern verbanden die Bürgermeister beider Städte noch Männerfreundschaften, heute trifft man sich monatlich, um sich ganz leidenschaftslos gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Dafür radeln, skaten, segeln, schwimmen, grillen und trinken Polen, Deutsche und auch Tschechien nun mit- und nebeneinander am Berzdorfer See. Ohne Reden, aber meist gut gelaunt.

Was blieb vom Elan und der Euphorie in der Bevölkerung?

Das lässt sich natürlich nicht messen und kann, je nach Perspektive, ganz unterschiedlich eingeschätzt werden. Tatsache ist aber, dass der damalige Oberbürgermeister Joachim Paulick die Stadt zwar während der Bewerbung professionell vertreten hat, aber die Bewerbung sowohl inhaltlich als auch aus finanziellen Gründen ablehnte (siehe nebenstehendes Interview). So blieb der trotzig-optimistische Slogan „Wir bauen weiter“ am 11. April 2006 ein Lippenbekenntnis.

Was macht eigentlich KHS-Manager Peter Baumgardt heute?

Der Theaterregisseur und Kulturmanager Peter Baumgardt, Jahrgang 1958, war von 2002 bis 2006 Geschäftsführer und Künstlerischer Leiter der Kulturhauptstadtbewerbung. Zuvor hatte er als Leiter des Deutschen Pavillons auf der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover Erfahrungen mit kulturellen Großprojekten gesammelt. Der gebürtige Lübecker ging nach Abschluss des Görlitzer Projektes zunächst nach Kempten im Allgäu, wo er Intendant des Theaters wurde. Seit 2010 ist er Intendant der Europäischen Wochen in Passau, dem größten Kulturfestival im Dreiländereck von Bayern, Tschechien und Österreich. Die Europäischen Wochen finden dieses Jahr vom 17. Juni bis zum 7. August statt – „Kulturhauptstadt“ im kleineren Format.

Welchen Effekt gab es für Wirtschaft und Tourismus?

Weil allein schon der EU-Beitritt Polens Journalisten aus aller Welt in die Zwei-Länder-Stadt gezogen hat, lässt sich schwer sagen, welchen Anteil die Kulturhauptstadtbewerbung an der enorm gewachsenen Bekanntheit von Görlitz hatte. Der große Boom als Filmstadt „Görliwood“ setzte erst nach 2006 richtig ein, andererseits war das „Märchen“ vom anonymen Millionenspender schon seit 1995 ein riesiger Marketing-Erfolg. Tatsache ist: Die Zahl der Übernachtungen ist in den Jahren nach der Bewerbung stetig gestiegen. Zwischen Januar und Oktober 2015 wurden in Görlitz 226000 Übernachtungen gezählt. Das waren 84000 mehr als im Jahr 2006 – ein Zuwachs um mehr als ein Drittel.

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