merken

Was wurde aus dem digitalen Helfer?

Zwei Dresdner Unternehmen schufen einst die Welcome-App für Flüchtlinge. Die eine Firma zog weg, die andere kämpft weiter. Vor allem mit der Sprache.

© dpa

Von Nora Miethke

Anzeige
Symbolbild Anzeige

Smarter Leben mit diesen Technik-Trends 

Erfahren Sie als Erster von den neuesten Trends, Tipps und Produkten in der Technikwelt und lernen Sie Innovationen kennen, die Ihr Leben garantiert leichter machen.

Dresden. Vor eineinhalb Jahren standen im September 2015 Menschen an Bahngleisen, um Flüchtlinge in Deutschland zu begrüßen. Damals ging die Welcome-App Dresden als erster digitaler Flüchtlingshelfer an den Start, entwickelt von den Dresdner IT-Firmen Saxonia Systems AG und Heinrich & Reuter Solutions GmbH (Heires). Das wenig später zur „Welcome App Germany“ ausgebaute Informationsangebot, das Asylbewerber durch den Behördendschungel geleiten sollte, erhielt bundesweit wie international sehr viel Aufmerksamkeit.

Die Willkommenskultur hat sich weitgehend verabschiedet. In Sachsen kommen kaum noch neue Flüchtlinge an. Saxonia Systems ist nach München umgezogen. Was heißt das für die App, ist sie gelöscht?

Nein, im Gegenteil. „Heires betreibt und entwickelt die App seit Mitte vergangenen Jahres allein weiter“, sagt Peggy Reuter-Heinrich. Das mittlerweile weit über eine App hinausreichende Softwaresystem kann in sechs verschiedenen Sprachen heruntergeladen werden und funktioniert auf Smartphones, Tablets wie auch stationären Rechnern. Die Inhalte wurden ebenfalls erweitert. Neben den wichtigsten Behördenadressen können Asylbewerber nun eine Kurzfassung des Grundgesetzes studieren, integrationsrelevante lokale Infos finden oder sich die Umgangsregeln mit Frauen erklären lassen. „Das alles ist in einfacher Sprache geschrieben, was eine Herausforderung war“, betont die Heires-Chefin. Die App richtet sich nicht mehr nur an Migranten, sondern auch an ehrenamtliche Helfer, Veranstalter von Sprach- und Integrationskursen sowie Behördenmitarbeiter.

Eine weitere Herausforderung war die Finanzierung der Weiterentwicklung. Die App wird ihren Nutzern kostenlos zur Verfügung gestellt. Heires entschied sich für ein Sponsorenmodell und die gezielte Ansprache von Kommunen. Über 25 Städte und Landkreise sind derzeit unter dem Dach der Welcome App Germany versammelt, darunter auch Chemnitz und sogar Berlin. Zehn Firmen und Vereine fanden sich als Sponsoren bereit, zwei davon aus Sachsen. So finanzierte die Aktion Zivilcourage die App für die Sächsische Schweiz.

In allen Städten zusammen hat die App insgesamt etwa 30 000 Nutzer, „leider noch nicht so viele wie gedacht“, meint Reuter-Heinrich. Auch würde sie sich mehr Resonanz und Zusammenarbeit etwa von der Stadt Dresden wünschen. Doch die IT-Expertin und ihre zehn Mitarbeiter lassen sich nicht entmutigen. Beharrlich entwickeln sie die Anwendung kontinuierlich weiter. So sind inzwischen auch die wichtigsten Deutschphrasen zum schnellen Spracherwerb hinterlegt. 50 Themenfelder sollen mit je zehn Phrasen behandelt werden. Eine Jobbörse könnte integriert werden, genauso wie ein Einwanderungskompass, der über die legalen Immigrationswege nach Deutschland informiert.

International findet das System nach wie vor Beachtung. Im vergangenen Herbst reiste ein Microsoft-Filmteam nach Dresden, um die App und ihre Macher zu porträtieren. Microsoft entwickelt mit einem großen Computerhersteller ein Tablet zum Spracherwerb mit einer deutsch-arabisch-englischen Tastatur. „Unsere App ist eine der gesetzten Apps“, so Reuter-Heinrich. Sie gründet derzeit eine neue Firma, die „IT hilft“ gGmbH, unter deren Dach auch die Welcome-App ziehen wird.