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Weil beim Schlaganfall Minuten zählen

Durch ein Hightech-Netzwerk ist die Uniklinik Dresden mit der Region verbunden – auch mit dem Osterzgebirge.

© Thomas Albrecht/Uniklinik Dresden

Von Jens Fritzsche

Freital. Eine unterschätzte Gefahr ist das Thema Schlaganfall zwar längst nicht mehr; aber trotzdem noch immer die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. „Man kann es schon so dramatisch sagen, dass hier jede Minute zählt“, weiß Dr. Jessica Barlinn. Sie ist die Leiterin des an der Dresdner Uni-Klinik ansässigen Netzwerks „Schlaganfallversorgung in Ost-Sachsen“.

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Ein sperriger Name für eine im Prinzip einfache, aber vor allem erfolgreiche Idee. Denn wer im sogenannten flachen Land, unter anderem im Osterzgebirge, einen Schlaganfall erleidet, kann trotzdem zügig auf professionelle Hochschulmedizin setzen – ohne den zeitaufwendigen Weg nach Dresden. Denn über das Netzwerk sind unter anderem auch die Weißeritztal-Kliniken in Dippoldiswalde und Freital seit 2007 mit den neurologischen Experten an der Uni-Klinik in Dresden verbunden. Und so kann schon nach wenigen Minuten eine genaue Diagnose gestellt werden. „Möglich macht das eine sogenannte telemedizinische Einheit, die in der Notaufnahme der Kliniken stationiert ist“, beschreibt die Dresdner Neurologin. Quasi ein Computer, ausgestattet mit Kamera und Mikrofon. „Auf diese Weise können wir hier in Dresden den Patienten in Bautzen oder Kamenz sehen, mit ihm sprechen und natürlich auch bestimmte Ausfall- oder Lähmungserscheinungen feststellen, die für einen Schlaganfall typisch sind“, erläutert Dr. Barlinn. Hinzugezogen werden dann auch ohne Zeitverlust die Untersuchungsergebnisse der Mediziner vor Ort; MRT- und CT-Aufnahmen des Gehirns.

Im Schnitt greift die Klinik Dippoldiswalde 40 mal im Jahr auf das Netzwerk zurück, das Klinikum Freital 75 mal. In einer Art Videokonferenz können sich die Ärzte verständigen und notwendige Therapien besprechen. „Und das eben, ohne den Patienten erst über 50 Kilometer zu transportieren“, verweist Dr. Jessica Barlinn noch einmal auf das Zeitproblem beim Thema Schlaganfall. „Die im Regelfall angewendete Lyse-Therapie, bei der ein gerinsellösendes Medikament verabreicht wird, muss spätestens nach viereinhalb Stunden einsetzen.“ Deshalb ist das Netz auch rund um die Uhr aktiv; „die Bereitschaftsärzte können sich beispielsweise auch nachts via Laptop von zu Hause aus einloggen“, macht die Leiterin des Netzwerks deutlich. Die Helios Weißeritztal-Kliniken dürfen die Nachbehandlungen seit 2017 durchführen.

Die Idee zu solchen Netzen von einer Uniklinik hinaus in die vermeintliche Provinz wurde in Bayern geboren. Seit 2007 ist auch von Dresden aus ein Schlaganfall-Netz geknüpft worden. Mittlerweile gehören 13 Kliniken dazu, darunter auch das Fachkrankenhaus in Arnsdorf, an dem ebenfalls Spezialisten sitzen. „Es geht einfach darum, auch Krankenhäuser an unsere hoch spezialisierten Möglichkeiten anzubinden, die selbst keine Neurologie mit Fachleuten für das Thema Schlaganfall haben“, erklärt Dr. Jessica Barlinn. Die Ärzte vor Ort bleiben die behandelnden Ärzte für die Patienten, „holen sich aber bei uns den fachlichen Rat“. Wobei das Netzwerk nicht allein auf die Computer-Verbindung beschränkt ist. „Wir schulen zum Beispiel auch das Pflegepersonal, bieten entsprechende Weiterbildungen für Ergotherapeuten der Kliniken an, die mit den Schlaganfall-Patienten arbeiten“, zählt die Dresdnerin auf. Es gehe darum, die Bedingungen vor Ort zu optimieren. Mindestens einmal pro Jahr kommen die Dresdner Spezialisten dazu in die verbundenen Krankenhäuser.

Mit messbarem Erfolg? „Das ist immer schwierig“, weiß Dr. Barlinn. Allerdings gibt es Studien, die zum Beispiel festgestellt haben, „dass durch das erste Netzwerk in Bayern der Grad der Behinderung und auch die Sterblichkeit nach Schlaganfällen in diesem Bereich spürbar zurückgegangen ist“. Für das Dresdner Netzwerk gibt es solche Untersuchungen zwar bisher noch nicht, „aber natürlich ist allein durch die schnellere Diagnose eine erfolgreiche Therapie in jedem Fall vorweisbar“, ist die Dresdner Medizinerin überzeugt. Beeindruckende Zahlen gibt es aber dennoch. Im Schnitt 1 000 solcher Tele-Diagnosen gibt es mittlerweile jedes Jahr. „Im vergangenen Jahr sind wir erstmals über die Marke von tausend gekommen“, freut sich Dr. Barlinn über die positive Resonanz. Und ist überzeugt, „dass sich diese Tendenz weiter fortsetzen wird“. (mit SZ/aeh)