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Weiße Handschuhe am Band

Die Legende Skoda lockt jährlich rund 100 000 Besucher aus dem In- und Ausland in die 40 Kilometer vor Prag liegende Industriestadt Mlada Boleslav (Jungbunzlau). Für den IHK-Unternehmerstammtisch ist die Automobilstadt ein schon länger auserkorenes Ziel gewesen.

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Von Marina Michel

Die Legende Skoda lockt jährlich rund 100 000 Besucher aus dem In- und Ausland in die 40 Kilometer vor Prag liegende Industriestadt Mlada Boleslav (Jungbunzlau). Für den IHK-Unternehmerstammtisch ist die Automobilstadt ein schon länger auserkorenes Ziel gewesen. 20 Unternehmerinnen und Unternehmer aus dem Landkreis Löbau-Zittau und aus Liberec nutzten kürzlich die Chance, sich im Nachbarland umzuschauen, das bald zur Europäischen Union gehören wird.

„Seit mehreren Jahren schon pflegen wir über die Kreiswirtschaftskammer Liberec einen engen Kontakt zu Firmen in Nordböhmen“, erzählt die Zittauer IHK-Chefin Gudrun Laufer. „Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen und sehen, was sich auf der tschechischen Seite entwickelt. Die tschechische Seite ist ihrerseits an Verbindungen zu uns interessiert.“

Die 45 000 Einwohner zählende Stadt Mlada Boleslav lebt mit und durch den Automobilbau. Mit einer Arbeitslosenrate von nur vier Prozent zählt sie neben Prag, Benesov und Budweis zu den Gewinnern der Wirtschaft in der Tschechischen Republik. Zu den 19 000 Skoda-Beschäftigten in Mlada Boleslav kommen weitere 3 000 in den beiden Zweigwerken Vrchlabi (Hohenelbe) und Kvasiny.

Wer nicht bei Skoda arbeitet, hat in vielen Fällen Beschäftigung bei einem der internationalen Zulieferer gefunden, die sich längst im Umland der Stadt niedergelassen haben. Ein Unternehmen wie Skoda hat keine großen Lager, sondern arbeitet „Just in time“, das heißt auf Abruf der Kunden. Nur dreieinhalb Stunden vergehen, bis ein Wagen fix und fertig das Werk verlässt. 82 Prozent sind für den Export bestimmt. Sie gehen hauptsächlich nach Deutschland, Italien, England und die Slowakei.

Langsam rollt der Zittauer Bus durch das Besuchertor. Das gesamte Gelände ist umzäunt und videoüberwacht. „In den Produktionshallen ist das Fotografieren verboten. Lassen Sie Ihre Kameras im Bus“, bittet Helena Canaky. Die junge Frau mit Skodaschildchen am Revers ist eine von vielen freiberuflichen Betreuern, die in der Hauptsaison rund 100 000 Besuchern aus aller Welt Einblicke in die Skoda-Produktion geben.

Erste Station ist die Motorenfertigung. Die großzügige Halle ist hell und blitzsauber. Keine Spur von vertrautem Ölgeruch. Kein belastendes Produktionsgetöse. Weiß und blasses Mintgrün dominieren selbst bei der Arbeitsbekleidung des Montagepersonals an den automatischen Fertigungsbändern. Dann stutzt der Besucher: Die Arbeiter tragen tatsächlich weiße Handschuhe. Das ist nicht nur auf der Motorenteststrecke so, sondern auch in der Endmontage, die zum Abschluss besucht wird. Es geht eben um Präzisionsarbeit. Der Mensch ist Teil eines automatisierten Prozesses. „Alle zwei Stunden wird deshalb der Arbeitsplatz gewechselt, damit die Arbeit nicht eintönig wird“, erklärt Helena.

Bei Skoda wird in drei Schichten gearbeitet, jeweils acht Stunden, inklusive einer halben Stunde Pause. Jedes Fertigungsteam hat seine abgetrennte Pausenecke, meist neben dem Bereichsbüro. Täglich liefert die zentrale Küche – eine österreichische Firma – 140 000 Speisen und 4 000 Sandwichs an die Kantinen der zehn Werkhallen. Skoda-Werker bekommen ein Essen für umgerechnet 60 Cent, externe Esser müssen 1,60 Euro zahlen. Auf dem Werksgelände befinden sich außerdem ein eigenes Krankenhaus, eine Krankenkasse und ein Heizwerk, das einige Teile der Stadt mit Wärme versorgt.

550 Euro verdient

der einfache Arbeiter

Wer bei Skoda arbeitet, zählt zu den Privilegierten. 550 Euro verdient ein Arbeiter am Fließband, 750 Euro ein Mitarbeiter des technischen Personals. Frauen, immerhin 25 Prozent des Personals, verdienen das Gleiche wie die Männer. Skoda-Werker bekommen fünf Wochen Urlaub und 100 Euro Urlaubsgeld. Zwei Mal jährlich können sie sich ein Auto mit zehn Prozent Nachlass kaufen, auf Ersatzteile gibt es fünf Prozent.

Um die Verdienste einzuordnen, nennt Helena Beispiele. Eine Sozialwohnung kostet in Mlada Boleslav durchschnittlich umgerechnet 133 Euro Warmmiete im Monat, eine 20 Jahre alte Drei-Zimmer-Eigentumswohnung durchschnittlich gute 30 000 Euro und eine nagelneue mehr als 53 000 Euro.

Am Nachmittag fährt der Bus nach einem kleinen Halt in Schloss Sychrov zurück nach Liberec und Zittau, zwei Städte, in denen sich zunehmend Automobilzulieferer etablieren. Der erzwungene Umweg über den Grenzübergang Seifhennersdorf zeigt, dass der Weg nach Europa aber noch einige Monate dauern wird.