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Auch Wäscherei kriegt Lockdown zu spüren

Ohne Gastronomie ist bei der Lebenshilfe in Weißwasser viel weniger zu waschen. Jetzt hofft man auf private Kunden.

Claudia Priebs und Christian Stoppe haben in der Wäscherei der Lebenshilfe in Weißwasser eine Aufgabe und Selbstbestätigung gefunden.
Claudia Priebs und Christian Stoppe haben in der Wäscherei der Lebenshilfe in Weißwasser eine Aufgabe und Selbstbestätigung gefunden. © Joachim Rehle

Waschen, trocknen, mangeln, bügeln und bei Bedarf auch imprägnieren – in der Wäscherei der Werkstätten der Lebenshilfe Weißwasser gGmbH wird Wäsche wieder frisch gemacht. Tisch- oder Bettwäsche, Handtücher oder Gardinen, ebenso Jacken, Hosen und Funktionsbekleidung bis hin zu Steppbetten. Claudia Priebs und Christian Stoppe freuen sich, dass sie eine Aufgabe haben. Und so Selbstbestätigung finden. Das sagen sie so natürlich nicht. Geschäftsführer Sascha Melcher aber schon, denn die Werkstätten der Lebenshilfe bieten Menschen mit Handicap, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, eine sinnvolle Betätigung.

Für heute haben die Zwei ihr Tagwerk geschafft. Von 7 bis 15 Uhr täglich, arbeiten sie 35 Stunden die Woche. Die Beiden sind zwei von eigentlich 24 Beschäftigten in der Wäscherei – in zwei Gruppen mit jeweils einem Betreuer. Dass sich derzeit nur vier von ihnen um die Wäsche kümmern, liegt am Lockdown. Genauer gesagt daran, dass Menschen mit Behinderung als Risikogruppe weitgehend zu Hause bleiben sollen. Zum anderen gibt es in der Wäscherei weniger zu tun als sonst. „Wenn Hotels, Pensionen und Gaststätten nicht öffnen dürfen, fällt im Gastrobereich natürlich auch keine Wäsche an“, sagt Sascha Melcher.

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Wäscherei nach der Krise erweitert

Die Wäscherei der Lebenshilfe-Werkstätten in Weißwasser gibt es seit Mitte der 90-er Jahre. 2010 wurde der Bereich erheblich erweitert – auch, um etwas unabhängiger von Aufträgen der Industrie zu sein, die in anderen Bereichen der Lebenshilfe-Werkstätten zuverlässig abgearbeitet werden. Der Ausbau des Dienstleistungssektors – Landschaftspflege gehört ebenfalls dazu – war eine Folge aus der Krise 2008/09. Investiert wurde in der Wäscherei in einen modernen Maschinenpark mit einer Dosiereinrichtung, die Waschmittel sparsam einsetzt und somit die Umwelt schont. Es gibt Waschmaschinen in unterschiedlichen Größen, so dass selbst bei kleinen Aufträgen die Wäsche vor dem Waschen nicht extra gekennzeichnet werden muss. Bewährt hat sich der Hol- und Bringedienst. Arztpraxen und der Rettungsdienst lassen ihre Wäsche bei der Lebenshilfe Weißwasser waschen, ebenso gewerbliche Unternehmen ihre ölverschmierte Berufsbekleidung.

Dienstleister für Feuerwehren

Auch Feuerwehren könnten die Dienstleistung nutzen. Nach einer sogenannten Gefährdungsbeurteilung ist die Wäscherei berechtigt, Einsatzbekleidung der Feuerwehren nach einem Brandgeschehen zu waschen. Daran würden hohe Anforderungen gestellt, sagt Sascha Melcher und verweist auf spezielle Waschverfahren. Die Mitarbeiter seien extra eingewiesen. Die erste Feuerwehr habe Kontakt aufgenommen.Corona-bedingt sind in der Wäscherei der Lebenshilfe-Werkstätten etwa die Hälfte der Aufträge weggebrochen. Sascha Melcher hofft, dies wenigstens teilweise durch Aufträge von Privatkunden ausgleichen zu können. Aber, so räumt er ein, die meisten wüssten das offenbar gar nicht. Der Weg in die Industriestraße Ost, um Wäsche hinzubringen oder abzuholen, gelte übrigens als Teil der Grundversorgung und sei erlaubt. Daher müsse niemand Angst haben, bei einer Kontrolle Ärger zu bekommen.

Die Umsatzeinbrüche wegen der Corona-Pandemie wurden 2020 teilweise durch Freistaat und Bund ausgeglichen. Doch wie es 2021 weitergeht, sei noch völlig offen.Gemeinschaftsleben ruhtDie Lebenshilfe-Werkstätten in Weißwasser sind ein gemeinnütziger Betrieb und damit nicht gänzlich dem freien Markt unterworfen. Dennoch müssen sie die Kosten für Material, Energie und Lohn selbst erwirtschaften. Zudem bekommen die betreuten Beschäftigten für ihre Leistungen ein Entgelt – als Zubrot zu ihrer Rente oder anderen Sozialleistungen. Das ist gemäß der „dynamischen Entgeltentwicklung“, wie es offiziell heißt, jedes Jahr ein bisschen mehr. In Summe 17.500 Euro pro Jahr zusätzlich, die die Werkstätten ebenfalls erwirtschaften müssen. Trotz Corona. Deshalb mussten die Preise für die Wäscherei zu Jahresbeginn 2021 erhöht werden.

Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 waren den Werkstätten für behinderte Menschen in Sachsen nur systemrelevante Tätigkeiten erlaubt, also nur die Wäscherei. Fast alle Beschäftigten wurden nach Hause geschickt – und die Mitarbeiter in Kurzarbeit. Denn wenn die Behinderten nicht da sind, braucht man auch deren Betreuer nicht. Mit dem heutigen Erkenntnisstand würde Sascha Melcher vieles anders machen, was auch an dem umfangreichen Hygienekonzept in den Werkstätten liegt und der allgemeinen Maskenpflicht dort. Mittlerweile dürfen Menschen mit Handicap in den Werkstätten auch in anderen Bereichen arbeiten, um den wirtschaftlichen Betrieb aufrechtzuerhalten. Das sei immer genau abzuwägen, sagt Melcher. Die meisten aber arbeiten nicht. Deshalb sei zu befürchten, dass sie während der langen Abwesenheit zu Hause in ein tiefes Loch fallen, was ihnen den Wiedereinstieg erschwert. Sie müssten dann den festen Tagesablauf erst wieder neu lernen.

Seit November finden die arbeitsbegleitenden Maßnahmen wie Sport und andere Kurse nicht mehr statt. Sascha Melcher bedauert das sehr. „Die Gemeinschaft erleben, das ist es doch, was die Werkstatt ausmacht und den Unterschied zum allgemeinen Arbeitsmarkt“, erklärt er. Mittlerweile sind zwar Physio- und Ergotherapie wie auch Logopädie während der Arbeitszeit wieder erlaubt, nicht aber Feste und Feiern.Mehrmals täglich wälzt der Geschäftsführer seinen dicken Corona-Ordner mit den unzähligen Verfügungen. Das Neueste ist eine Testverordnung. Jeder Beschäftigte in Werkstätten für Behinderte könnte sich einmal pro Woche mit einem Schnelltest testen lassen. Deswegen muss die Einrichtung jetzt auch ein Testkonzept erarbeiten.

Jubiläum erst im Spätsommer

Die Werkstätten der Lebenshilfe Weißwasser gGmbH gingen aus einer Elterninitiative hervor und wurden 1991 gegründet. Im Dezember 1998 wurde der Neubau an der Industriestraße Ost bezogen. Weitere Betriebsstätten kamen 2003 in Bad Muskau und 2009 auf der Industriestraße West in Weißwasser hinzu. Alles in allem gibt es 220 Plätze. Der Förder- und Betreuungsbereich ist gänzlich ausgelastet, der Berufsbildungsbereich ebenso. Lediglich im Arbeitsbereich sind noch Plätze frei.2021 blicken die Lebenshilfe-Werkstätten in Weißwasser auf ihr 30-jähriges Bestehen. An Feiern ist derzeit nicht zu denken. Vielleicht im Spätsommer, heißt es.

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