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Bewährungsstrafe nach fast tödlichem Beziehungsstreit

Der 27-jährige Weißwasseraner, der seine Partnerin fast getötet hat und selbst an ihrer Notwehr fast starb, reagiert erleichtert.

© David-Wolfgang Ebener/dpa

Die Emotionen des Angeklagten konnte man auch unter seiner Schutzmaske gut sehen. Er kämpfte im Moment der Urteilsverkündung mit den Tränen – und verlor. Es waren Tränen der Erleichterung, denn der Vorsitzende Richter Theo Dahm hatte gute Nachrichten für ihn: Er muss nicht ins Gefängnis, sondern kommt mit zwei Freiheitsstrafen von je 18 Monaten davon, die alle beide zur Bewährung ausgesetzt werden – Bewährungszeit vier Jahre. Dazu erteilte das Gericht mehrere Auflagen.

Dieses Urteil war angesichts der Schwere der Vorwürfe so nicht zu erwarten. Der Angeklagte führte eine „Auf-und-Ab-Beziehung“ zu einer gut vier Jahre jüngeren Weißwasseranerin, in der er zwischen November 2017 und Oktober 2019 nach Streitereien ums Geld oder das mögliche Ende der Beziehung mehrfach gewalttätig gegen sie wurde.

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Spirale der Gewalt bis Todesgefahr

Die Aufklärung der insgesamt sechs angeklagten Taten vor Gericht war unstrittig, weil vom Angeklagten selbst in vollem Umfang und vom Opfer, der Ex-Freundin nahezu deckungsgleich geschildert. Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu nannte das, was geschehen war, in seinem Plädoyer eine „Spirale der Gewalt“. Begann es noch mit „einfachen“ Körperverletzungen (Faustschläge, Tritte, massive Schubsereien), beinhalteten die Taten vier und fünf schon massives Würgen und Todesdrohungen. Das Verrückte an dieser Geschichte: Das gequälte Opfer kehrte nach ihrem Martyrium immer wieder zum Angeklagten zurück, es gab eine Versöhnung, bis es zum nächsten Streit und Gewaltübergriff kam. Nach der fünften Tat war der angeklagte Weißwasseraner in Untersuchungshaft genommen worden, von seiner Freundin (ohne sein Zutun) aber wieder herausgeholt worden. Sie nah nahm damals ihre Aussage nicht nur zurück, sondern bestritt sie im Nachhinein, nannte sie falsch.

Nur zehn Tage später eskalierte aber der letzte und heftigste Streit. Und diesmal wurde es lebensgefährlich: Nach fünf, sechs Faustschlägen und dem Herausreißen ganzer Haarbüschel würgte er sie so massiv, dass sie Todesangst hatte, ein Messer ergriff und in Notwehr nach hinten ausstach. Erst als sie ihn im Brustkorb traf und schwer verletzte, ließ er von ihr ab.Dass sich die junge Frau tatsächlich in Todesgefahr befand, bestätigten die rechtsmedizinischen Untersuchungen zum Beispiel an typischen Einblutungen im Gesicht und Folgen des Bluststaus durch das Würgen. Das Opfer muss demnach kurz vor ihrer Bewusstlosogkeit zugestochen haben. Auch der Angeklagte war dem Tode nahe. Der Stich in den Brustkorb verletzte das Fettgewebe des Herzbeutels, ein Lungenflügel brach zusammen. Eine Notoperation am Klinikum in Hoyerswerda rettete ihn.

Tötungsvorsatz oder doch keiner?

Vor Gericht ging es nun vor allem darum, ob diese letzte Tat noch eine gefährliche Körperverletzung ist oder eine versuchte Tötung. Lag ein bedingter Tötungsvorsatz vor, also nahm der Angeklagte den Tod der Frau in Kauf? Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu sieht das so. Der Angeklagte hatte während unter anderem während eines Termins zur Rekonstruktion der tat einen Kontrollverlust eingeräumt: „Es hätte alles passieren können.“

Die ausgesprochenen Todesdrohungen, das Ignorieren der Notwehrversuche des Opfers im „Tunnel der Gewalt“ führen den Oberstaatsanwalt dazu, eine Verurteilung wegen vesuchter Tötung zu zweienhalb Jahren Freiheitsentzug nur für diese letzt Tat zu fordern, dazu anderthalb Jahre für die anderen fünf. Verteidiger Mischael Denkhoff sah den Tötungsvorsatz nicht erfüllt. „Den Kontrollverlust hatte er ja auch bei den ersten fünf Körperverletzungen. Und schließlich wollte er ja, auch wenn man sein handeln nicht verstehen kann, die Beziehung fortsetzen.“ Letztlich folgte auch das Gericht dieser Argumentation. Richter Theo Dahm sagte zudem: „Wir sehen auch einen Lernprozess beim Angeklagten dahingehend, dass er seine Probleme mit Gewalt und einer anschließenden Entschuldigung bei dieser Partnerin immer wieder lösen konnte.“

Letztlich blieb es also bei einer Bewährungsstrafe, die nur deshalb zustandekam, weil dieser Angeklagte für einen Fall dieser Art wirklich ungewöhnlich war: keine einschlägigen Vorstrafen, smart, in Arbeit und sogar in Verantwortung. Er muss, so weitere Auflagen, seine Schulden (die Streitauslöser waren) abbauen, ein gewaltpräventive Beratung besuchen und 100 Sozialstunden leisten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Vor allem die Staatsanwaltschaft könnte noch in Revision gehen. Der total erleichterte Weißwasseraner sicher nicht.

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