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Die Pandemie macht Menschen gereizter

Physiotherapeut Stefan Seidel in Weißwasser nimmt sich ihrer Schmerzen an. Ein positiver Ausblick wäre hilfreich.

Physiotherapeut Stefan Seidel behandelt ein Schultergelenk nach einem Belastungsschmerz. Vor zehn Jahren hat der Weißwasseraner seine eigene Praxis gegründet – und darf sie bei Einhaltung der bekannten Hygieneauflagen auch in Corona-Zeiten öffnen.
Physiotherapeut Stefan Seidel behandelt ein Schultergelenk nach einem Belastungsschmerz. Vor zehn Jahren hat der Weißwasseraner seine eigene Praxis gegründet – und darf sie bei Einhaltung der bekannten Hygieneauflagen auch in Corona-Zeiten öffnen. © Joachim Rehle

Physiotherapeuten dürfen im Lockdown arbeiten. Stefan Seidel ist froh darüber. Nicht nur, weil er so mit seiner Praxis in Weißwasser Einnahmen erzielen und seine Mitarbeiter bezahlen kann. Spezialisiert auf Schmerz-Physiotherapie, denkt er ebenso an seine Patienten, die auf fortlaufende Behandlungen angewiesen sind. Und dennoch geht die Corona-Pandemie auch an dem 35-Jährigen nicht spurlos vorüber.

Umfangreiche Hygienemaßnahmen sind gefordert. Das beginnt schon mit dem Mindestabstand am Empfang. Selbstverständlich tragen alle Therapeuten einen Mund-Nasen-Schutz, was gleichfalls für die Patienten gilt. Und nach jeder Behandlung wird desinfiziert. „Das wurde auch schon vor Corona so gemacht, aber jetzt eben noch mehr als sonst“, sagt Stefan Seidel.

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Ohne OPs keine Nachbehandlung

Im ersten Lockdown im April 2020 hätten etliche Patienten ihre Termine abgesagt – aus Angst, erzählt er. Die Ausfälle seien aber vertretbar gewesen. Jetzt, in der zweiten Welle, sind Patienten an Corona erkrankt. Seit Januar sind schon sechs von ihnen verstorben. Andere mussten in Quarantäne und durften deshalb nicht zur Physiotherapie. Das macht sich bemerkbar, im Praxisbetrieb wie auch bei den Hausbesuchen. „Ein noch größeres Problem aber ist, dass derzeit so gut wie keine chirurgischen Operationen wie Kniespiegelung oder Schulter-OPs stattfinden“, erklärt der Physiotherapeut. Damit sei die Nachbehandlung solcher Eingriffe fast komplett weggefallen. Noch gebe es dadurch keine größeren Einbußen, sagt Stefan Seidel. Aber wenn sich der Lockdown womöglich bis März hinzieht und selbst im zweiten Quartal keine chirurgischen Eingriffe erfolgen, werde es auch für ihn ganz eng. Dann sei Kurzarbeit nicht mehr auszuschließen. Bislang musste er davon keinen Gebrauch machen. Zum Teil nahmen Mitarbeiter Urlaub oder er selber hat weniger gearbeitet.

Vom Arzt zum anderen Traumberuf

Geboren in Hoyerswerda, ist er in Weißwasser aufgewachsen. Eigentlich wäre Stefan Seidel gerne Arzt geworden. So, wie sein Vater, der Allgemeinmediziner Dr. Bernd Seidel. Doch ohne Abitur schien der Traumberuf für ihn in weiter Ferne. So stand die Frage, was er sonst noch tun könne, um Menschen zu helfen. Außerdem sollte der Beruf etwas mit Sport zu tun haben. So entschied er sich, Physiotherapeut zu werden. Bereut hat er das nie.Nach der Ausbildung in Weißwasser arbeitete er drei Jahre in Bad Muskau. Seit März 2011 ist Stefan Seidel sein eigener Herr. Seine Praxis betrieb er zunächst in Kombination mit der seines Vaters in Weißwasser. 2018 verstarb der Allgemeinmedizin Dr. Bernd Seidel jedoch. Seither nutzt der Sohn für seine Physiotherapie auch die einstigen Räume des Vaters mit. Begonnen hatte Stefan Seidel alleine mit allgemeiner Physiotherapie. Mittlerweile beschäftigt er fünf Mitarbeiter. Darunter auch seine Mutti Birgit, die sich am Empfang beispielsweise um die Termine kümmert. Die Patienten kommen von Boxberg bis Niesky, zumeist aber aus Weißwasser und Umgebung.

Stefan Seidel konzentriert sich auf die Schwerpunkte manuelle Therapie und Schmerz-Physiotherapie. „Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich Menschen die Schmerzen nehmen kann“, erklärt er. Zum einen durch die Behandlung, zum anderen aber auch durch viele Tipps zum Verhalten im Alltag, so dass Schmerzen gelindert werden oder aber sich nicht noch verschlimmern. Besonders wichtig ist ihm, der selber regelmäßig Sport treibt, dass aktive Menschen nach Sportverletzungen möglichst bald wieder fit und leistungsfähig werden. Früher spielte er Eishockey und Fußball, auch heute jagt der Weißwasseraner als Freizeitsportler noch dem Puck hinterher.

In den Anfangsjahren war es nie mit einem Acht-Stunden-Tag getan. Dass man als Selbstständiger mit viel Arbeit nicht automatisch viel verdient, weil dann auch Steuern und Abgaben höher werden, sei eine Erfahrung jener Zeit. „Man wird ruhiger“, fügt er hinzu. Seit Stefan Seidel Papa ist, nimmt er sich mehr Zeit – für seine Freundin und den vier Monate alten Sohn.Eigentlich würde der Physiotherapeut in diesem März das zehnjährige Bestehen seiner Praxis feiern. Daran aber sei angesichts der Pandemie und ungewissen Entwicklung vorerst nicht zu denken. Stattdessen hofft er, dass die Mitarbeiter gesund bleiben und alle zusammen weiter so gut durch die Krise kommen, wie es bisher der Fall war – ohne Corona oder Quarantäne.

Vor allem aber wünscht sich Stefan Seidel, dass sich die Lage beruhigt. „Viele Patienten sind verunsichert und gereizt“, hat er festgestellt. Dass sie ihren sportlichen Hobbys im Lockdown nur noch stark eingeschränkt oder gar nicht mehr nachgehen können, verstärkt bei manchen die Beschwerden und Schmerzsymptome. Wenn der körperliche Ausgleich zur beruflichen Belastung fehlt, würden auch seine guten Tipps nur bedingt helfen. „Die Menschen sind wegen Corona so unausgeglichen. Es wäre schön, wenn sie endlich wieder positiv ins Leben schauen könnten“, sagt er.

Hoffnung auf normalen Alltag

Für die Praxis hofft Stefan Seidel auf die Rückkehr zu einem normalen Alltag. „Damit ich meine Angestellten vernünftig bezahlen kann, denn wir sind ein gutes Team“, begründet er. Zum anderen wäre es wichtig, dass wieder Lehrgänge stattfinden dürfen, damit sich die Mitarbeiter weiterbilden können. Er selber hat vor drei Jahren eine Qualifikation zum Osteopathen begonnen. Diese sollte im Februar 2021 weitergehen. „Aber ob es dazu kommt, steht in den Sternen“, bedauert er.

Privat steht bei dem Weißwasseraner die Gesundheit seiner Familie ganz obenan. Wenn sein Sohnemann in seine Fußstapfen treten und Physiotherapeut werden würde, das fände er super. Aber das sei sowieso die spätere Entscheidung des Juniors selbst und außerdem noch ganz ferne Zukunftsmusik. Für die nahe Zeit hingegen hofft Stefan Seidel wie die meisten anderen Menschen darauf, dass wieder richtiger Urlaub möglich wird und man in der Freizeit seinen Hobbys nachgehen kann.

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