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Durch Corona noch mehr Schikane im Job

Annegret Grothkopp hilft Mobbingopfern zur Selbsthilfe. Auch aus Weißwasser. Doch Ende 2021 ist Schluss damit.

Seit 23 Jahren leitet Annegret Grothkopp die Mobbingberatungsstelle Oberlausitz in Bautzen. Dorthin werden auch Betroffene aus Weißwasser und dem Umland verwiesen. Selber schon etliche Jahre im Ruhestand, ist für sie Ende 2021 nun endgültig Schluss.
Seit 23 Jahren leitet Annegret Grothkopp die Mobbingberatungsstelle Oberlausitz in Bautzen. Dorthin werden auch Betroffene aus Weißwasser und dem Umland verwiesen. Selber schon etliche Jahre im Ruhestand, ist für sie Ende 2021 nun endgültig Schluss. © Constanze Knappe

Der Mann ist seit Jahrzehnten in einer öffentlichen Einrichtung in Weißwasser beschäftigt. Er spricht von Verleumdungen und anderen Sachen, womit er aus dem Job gedrängt werden sollte. Nachdem er sich vor Jahren schon einmal Hilfe gesucht hatte, glaubte er, all das überwunden zu haben. Doch nun sitzt er erneut vor Annegret Grothkopp. Die Mobbingberaterin in Bautzen kennt Schicksale wie dieses zur Genüge. Dennoch sei jeder Fall anders und jede Person individuell. Ihre Aufgabe sei es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.

Sie weiß aber auch: „Wer nicht von Mobbing betroffen ist, interessiert sich nicht für das Thema“. Deshalb hat sie sich ebenso der Aufklärung der Allgemeinheit verschrieben, hält Vorträge bei öffentlichen Gesundheitstagen oder in Unternehmen. Als im Jahr 2000 die Krankenkasse DAK in ihrem Gesundheitsbericht auf die Gefahren von Mobbing und die Bedeutung der Opferberatung einging, habe man in der Oberlausitz das Fahrrad nicht noch einmal neu erfinden müssen, blickt Annegret Grothkopp zurück. Da gab es nämlich ihre Mobbingberatungsstelle schon, deren Träger die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen ist. Das Büro in der Muskauer Straße in Bautzen war 1998 eröffnet worden. Betroffene, die nicht selten „völlig durch den Wind sind“, sollten einen Anlaufpunkt haben.

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Im ersten Gespräch gilt es, eine Linie zu finden, damit dann „das Wirrwarr entknotet“ werden kann. Es müsse sortiert werden, weil Betroffene häufig nicht nur mit einem einzigen Problem konfrontiert sind. Dabei werde die Mobbinghilfe nicht selten zur allgemeinen Lebensberatung. Und so kennt Annegret Grothkopp auch das private Lebensumfeld der Ratsuchenden, etwa wenn nach einer Scheidung die Kinder zu dem einen Elternteil keinen Kontakt mehr haben. Oder wenn Arbeitnehmer, die nebenher zu Hause Angehörige pflegen, mit der Doppelbelastung völlig überfordert sind. Sie machen auf Arbeit Fehler – und werden so zu willkommenen Mobbingopfern. Und weil sie gemobbt werden, entstehen weitere Fehler. Ein Teufelskreis, den die Betroffenen ohne professionelle Hilfe in der Regel nicht durchbrechen können.

Frauen wie Männer sind Opfer

Dass sie sich auf ihre Verschwiegenheit verlassen können, versteht sich von selbst. Vertrauen sei nun einmal die wichtigste Voraussetzung, bekräftigt die gelernte Krankenschwester und studierte Sozialarbeiterin. Durch Zufall kam sie zu dem Job. In einem dreijährigen Studium zur Mobbingberatung holte sie sich das fachliche Rüstzeug dafür. Rückblickend sagt sie: „Wenn man sich einmal intensiv mit dem Thema beschäftigt, kann man nicht so einfach aufhören.“ Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass sie sich seit nunmehr 23 Jahren um Betroffene kümmert – um Frauen und Männer, die gleichermaßen gemobbt werden. Bevor die Schulsozialarbeiter eingeführt wurden, seien öfter auch Schüler bei ihr gewesen. Frauen sind eher bereit, sich Hilfe zu suchen, Männer tun sich schwerer damit, sich selber einzugestehen, dass sie ein Mobbingopfer sind. Aber in allen Fällen bedarf es eines hohen Maßes an Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl, um Zugang zu den Menschen zu finden.

Annegret Grothkopp hat 32 Stunden die Woche Betroffenen zugehört, ihnen Auswege aus dem Dilemma aufgezeigt, mit ihnen nach Lösungen gesucht, wie sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen, ihnen bei Bedarf über diverse Netzwerke Kontakte zu Ärzten, Psychologen und Anwälten vermittelt. Immer sei es ihr dabei wichtig gewesen, „die Probleme aus der Familie rauszunehmen, denn Partner und Kinder leiden mit“, sagt sie. In der Regel reichen ein bis zwei Gespräche aus, mitunter zieht sich ein Fall aber auch über Jahre hin, bleibt nur der Gang vors Arbeitsgericht. Die Beratung ist kostenfrei. Man muss auch nicht Mitglied der GEW sein. Betroffene kommen aus der ganzen Oberlausitz. Manche von sich aus, andere werden geschickt – unter anderem von Ärzten aus Weißwasser oder der Agentur für Arbeit in Niesky. Sie kriegt Anfragen aus ganz Deutschland.

Persönlicher Beistand nötig

In der Corona-Pandemie war die Mobbingberatung gefragter denn je. Auch deshalb, weil manche Chefs ausnutzten, dass es beim Homeoffice die Grenzen zwischen Job und Privat faktisch nicht mehr gibt, oder wenn Beschäftigte in der Firma den Kollegen zu Hause Informationen bewusst vorenthielten. Da persönliche Kontakte mit den Opfern in dieser Zeit nicht erlaubt waren, versuchte Annegret Grothkopp telefonisch zu helfen, so gut es ging. Dabei wäre gerade im Lockdown der persönliche Beistand so dringend notwendig gewesen.

Selber längst im Ruhestand war sie noch weitere zwölf Jahre für Betroffene da – aktuell noch zehn Stunden die Woche. Der Bedarf aber sei wesentlich höher. Wie das Beispiel jener Frau aus der Umgebung von Niesky zeigt, die mit ihrem neuen Vorgesetzten nicht klar kam. Weil sie sich daraufhin an die nächsthöhere Leitungsebene wandte, wurde ihr quasi das Leben zur Hölle gemacht. Die Firma sah die einzige Lösung darin, die Angestellte – nicht etwa die Vorgesetzte – in einen anderen Betriebsteil zu versetzen. Um ihren Job nicht zu verlieren, muss sie nun einen langen Arbeitsweg in Kauf nehmen. Auch das sei typisch, dass Mobbingopfer die Sache zumeist selber ausbaden müssen, weiß Annegret Grothkopp. Somit käme zu der seelischen Belastung noch zusätzlicher Frust.

Mobbing auf Dauer macht krank

Mobbing ist zu einem gesellschaftlichen Thema geworden. Anfang der 2000er-Jahre wurde hauptsächlich in Ämtern und Behörden gemobbt, längst ist Schikane auch in der Wirtschaft gang und gäbe. Durch Mobbing bedingte lange Krankheitsausfälle führten über die Zeit zu einem beträchtlichen volkswirtschaftlichen Schaden. Bei den Krankenkassen sieht man in der Mobbingberatung einen kostengünstigen Ausweg, quasi „eine menschliche Form der Konfliktbewältigung“, wie es Annegret Grothkopp formuliert. Seit Erlass des Gesetzes zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention (2015) zahlen Krankenkassen für Krisenbewältigung. Dass sie es nicht geschafft habe, dass auch Mobbing in dem Gesetz verankert wird, ärgert sie bis heute. Denn damit wäre die Finanzierung der Mobbingberatungsstelle in Bautzen, an der sich zuweilen auch der Landkreis Bautzen beteiligte, gesichert gewesen. Stattdessen wurde es jedes Mal zur Zitterpartie.

Mobbingopfer können gegen ihren Arbeitgeber klagen, wenn er nicht alles tut, um das Mobbing zu beenden oder am besten ganz zu verhindern. Zur Stärkung der Arbeitnehmerrechte gibt es in großen Unternehmen inzwischen Mobbingbeauftragte. Eine Garantie für ein Mobbing-freies Betriebsklima sei dies aber dennoch nicht.

Umdenken bei Arbeitgebern

„Offenbar ist bis heute noch immer nicht bis zu jedem durchgedrungen, dass ein Chef für seine Mitarbeiter verantwortlich ist“, so die Mobbingberaterin. Andererseits sei ein Umdenken zu beobachten. So suchen bei ihr nicht nur Mobbingopfer Rat, sondern zunehmend auch Arbeitgeber, die unsicher sind, was sie am besten unternehmen sollten. Schön sei es immer, wenn nach solchen Gesprächen mit dem Chef oder Personalleiter „das Problem im Sinne des Betroffenen bereinigt werden konnte“. Darauf ist Annegret Grothkopp dann schon ein bisschen stolz. Sie räumt aber auch ein, dass sie nicht für alles eine Lösung hat.

Vor zehn Jahren habe die Statistik 5.000 Hilfesuchende in der Mobbingberatung in Bautzen ausgewiesen. Danach habe sie irgendwann aufgehört zu zählen. Am Jahresende 2021 ist nun definitiv Schluss. Einerseits sei sie traurig, weil sie aus Altersgründen die Beratung nicht weiterführen kann. Denn die sei ihr zu einer Herzenssache geworden. Andererseits geht Annegret Grothkopp aber auch zufrieden, weil sie vielen Menschen helfen konnte. Einigen Mobbingopfern gab sie nur den Anstoß, wie man sich wehrt, bei Anderen hat sie sogar Prozesse begleitet. Mitunter steht deshalb jemand mit Blümchen vor der Tür, dem sie in ein neues Leben geholfen hat.

Es zeichne sich zwar ab, dass es ab Januar 2022 womöglich weitergehen könnte, gesichert sei das aber noch nicht, sagt sie.

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