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Hat der Kreisnorden ein Ärzteproblem?

Viele Familien benoten hier die Gesundheitsversorgung schlecht. Dabei könnte es noch schlimmer kommen.

Wladimir Grez, Facharzt für Innere Medizin in Bad Muskau, hat einen ausgefüllten Arbeitstag, „vergisst darüber manchmal sogar die Mittagspause.“
Er muss noch neun Jahre bis zu seiner Rente arbeiten. Folgt er den Ratschlägen der Experten, wird er n
Wladimir Grez, Facharzt für Innere Medizin in Bad Muskau, hat einen ausgefüllten Arbeitstag, „vergisst darüber manchmal sogar die Mittagspause.“ Er muss noch neun Jahre bis zu seiner Rente arbeiten. Folgt er den Ratschlägen der Experten, wird er n © Joachim Rehle

Ein sensibles Thema ist die medizinische Versorgung. Wenn es um die Wohnortentscheidung einer Familie geht, ist eine schlechte Bewertung dieser Frage oft sogar Ausschlusskriterium. Deshalb ist die Frage danach im Rahmen des Familienkompasses besonders wichtig.

Der Landkreis Görlitz belegt bei diesem Thema den letzten Platz der 13 sächsischen Städte/Landkreise, in denen die Umfrage durchgeführt wurde. Unter den 146 Umfragegebieten kommen Weißwasser (Platz 108) und Weißwasser Umland (Platz 112) noch vergleichsweise gut weg. Unter den letzten zwölf Gebieten sind da Reichenbach (146.), Ebersbach Neugersdorf (145.), Löbau (141.), Bernstadt und Umland (139.) und Görlitz-Stadt (135.) zu finden.

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Überall im Landkreis haben die Umfrageteilnehmer die Fragen nach genügend Hausärzten, Fachärzten und der Wartezeit auf einen Arzttermin deutlich schlechter als im sächsischen Durchschnitt bewertet, überwiegend die Schulnoten vier oder fünf verteilt. Im Norden des Landkreises sogar noch etwas schlechter als im Süden und in der Mitte des Landkreises. Weißwasser und das Umland von Weißwasser schneiden insgesamt nur wegen der Bewertung bezüglich der Kinderärzte besser ab, obwohl auch da die Situation nicht rosig ist.

KVS: keine Facharzt-Unterversorgung

Aber hält dieses Umfrage-Ergebnis einem Faktencheck stand? Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) zumindest stellt im Planungsbereich Görlitz/Niederschlesischer Oberlausitzkreis keinen Mangel an Fachärzten fest, nicht bei Augenärzten, Chirurgen, Orthopäden, Frauenärzten, HNO, Haut- und Kinderärzten sowie Urologen. „Alle diese Planungsbereiche haben einen Versorgungsgrad von über 110 Prozent“, teilt KVS-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux mit. Das Empfinden vor Ort ist freilich ein anderes. Die KVS hält entgegen, dass fachärztliche Praxen zumeist in größeren Städten angesiedelt seien, um zentral eine flächenmäßig größere Region zu bedienen. Der Gesetzgeber sehe deshalb eine Entfernung von bis zu 50 Kilometer als zumutbar für die Patienten an. Aus Weißwasser also bis nach Hoyerswerda, Cottbus und (minimal über der Grenze) Görlitz und Bautzen. Auch Wartezeiten von zwei bis drei Monaten seien je nach Dringlichkeit hinzunehmen. Kritiker werfen der KVS allerdings vor, dass sie bei ihren Berechnungen die Bevölkerungsdichte und die Altersstruktur der Bevölkerung zu wenig berücksichtigt. Und das spiegelt sich letztlich ja auch in der Umfrage wieder.

Hausärzte händeringend gesucht

Viel kritischer ist die Situation allerdings bei den Ärzten, die die Menschen am häufigsten benötigen – den Hausärzten. Im Planungsbereich Weißwasser/Bad Muskau ist die Hausärzte-Situation besonders dramatisch. Der Versorgungsgrad beträgt hier laut KVS-Angaben gerade einmal 81,1 Prozent. Dabei könnte es noch viel schlimmer kommen. Das Durchschnittsalter der Hausärzte im Planungsbereich Weißwasser/Bad Muskau beträgt über 61 Jahre; zwölf sind älter als 60 Jahre. Das Ende ihrer Berufstätigkeit naht. Einer, der den Altersdurchschnitt anhebt, ist Karl-Peter Lippold, 75-jähriger Allgemeinmediziner in Krauschwitz, der 1975 (!) für eine freie Stelle ans Landambulatorium Krauschwitz kam. Er hofft auf eine Nachfolgerin, deren Einstieg sich wegen ihrer Familienplanung aber noch einmal verzögert hat. Er will mit Unterstützung seiner 70-jährigen Frau so lange „durchhalten“. Für viele ältere Hausärzte ist noch keine Nachfolge gefunden. Die KVS weist acht frei Stellen aus, hat zwei priorisierte und fünf reguläre Förderstellen ausgeschrieben, bei denen eine Praxisneugründung/ -übernahme mit 100.000 beziehungsweise 60.000 Euro gefördert wird.

So bewerten Familien die Ärzte-Situation

Die Bewertung für Weißwasser. Die Grafik zeigt ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen. Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung der Frage von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut) an, der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grünes Dreieck: Diese Frage wurde im ausgewählten Ort deutlich besser bewertet als im Sachsen-Schnitt. Rotes Dreieck: deutlich schlechtere Bewertung als im Sachsen-Schnitt. Gelbes Quadrat: Bewertung entspricht dem Sachsen-Schnitt (+/–10%).
Die Bewertung für Weißwasser. Die Grafik zeigt ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen. Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung der Frage von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut) an, der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grünes Dreieck: Diese Frage wurde im ausgewählten Ort deutlich besser bewertet als im Sachsen-Schnitt. Rotes Dreieck: deutlich schlechtere Bewertung als im Sachsen-Schnitt. Gelbes Quadrat: Bewertung entspricht dem Sachsen-Schnitt (+/–10%). © SZ-Grafik
Die Bewertung für das Umland von Weißwasser. Die Grafik zeigt ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen. Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung der Frage von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut) an, der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grünes Dreieck: Diese Frage wurde im ausgewählten Ort deutlich besser bewertet als im Sachsen-Schnitt. Rotes Dreieck: deutlich schlechtere Bewertung als im Sachsen-Schnitt. Gelbes Quadrat: Bewertung entspricht dem Sachsen-Schnitt (+/–10%).
Die Bewertung für das Umland von Weißwasser. Die Grafik zeigt ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen. Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung der Frage von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut) an, der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grünes Dreieck: Diese Frage wurde im ausgewählten Ort deutlich besser bewertet als im Sachsen-Schnitt. Rotes Dreieck: deutlich schlechtere Bewertung als im Sachsen-Schnitt. Gelbes Quadrat: Bewertung entspricht dem Sachsen-Schnitt (+/–10%). © SZ-Grafik

Zwei Lösungsansätze für das Hausärzteproblem

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