merken
PLUS Weißwasser

Horst Gramß und sein Lebenswerk

Einer von Weißwassers besten Glasgestaltern wird heute 85. Das Glasmuseum widmet ihm eine Sonderschau.

Horst Gramß hat Gläser, Vasen, Kelche, Schalen, Kerzenhalter und Schüsseln entworfen, die im In- und Ausland sehr beliebt und gefragt waren. Dafür heimste der Glasgestalter Goldmedaillen auf der Leipziger Messe und Designpreise ein.
Horst Gramß hat Gläser, Vasen, Kelche, Schalen, Kerzenhalter und Schüsseln entworfen, die im In- und Ausland sehr beliebt und gefragt waren. Dafür heimste der Glasgestalter Goldmedaillen auf der Leipziger Messe und Designpreise ein. © Joachim Rehle

Einer der letzten lebenden Glasgestalter in Weißwasser begeht heute seinen 85. Geburtstag. Horst Gramß selber winkt ab. „Auf die 85 lege ich keinen Wert. Es gibt doch so viele Leute, die älter sind“, sagt er. Aber eben nicht mehr so viele, die der Glasindustrie von Weißwasser in der DDR zu internationalem Ruhm verhalfen. Das Glasmuseum Weißwasser widmet ihm zu diesem Anlass eine Sonderschau. Auch wenn derzeit noch keiner sagen kann, wann es überhaupt wieder öffnen darf.

Viele Objekte in der Sammlung sind Gramß-Gläser. „Er hinterlässt ein großes Erbe, was vielen Menschen gar nicht so bewusst ist“, betont die Museumsleiterin. Den Reiz der Sachen beschreibt Christine Lehmann so: „Es sind klassisch schlichte, schöne Objekte, die so zeitlos sind, dass man sie sich auch heute noch hinstellt und nutzt.“ Ein Teil der Glaswaren sei sandgestrahlt oder mit Dekoren verziert. Das würde man heute wohl nicht mehr so machen. „Es war der Zeitgeschmack. Mit den Dekoren sollte auch Vielfalt gezeigt werden, die es in der DDR so nicht gab“, sagt sie.

Anzeige
Baumesse verschoben? Online informieren!
Baumesse verschoben? Online informieren!

Hören und sehen Sie kostenfreie Vorträge für Bauherren, Hauseigentümer und Immobilienkäufer. Einmal anmelden, drei Tage folgen!

Geboren und aufgewachsen ist Horst Gramß im thüringischen Glasmacherort Lauscha. Seine Eltern haben in Heimarbeit Christbaumschmuck gefertigt. In der Fachgrundschule lernte er Kunstglasbläser. Zu Acht seien sie in der Klasse gewesen, ihn wollte man an die Fachschule für angewandte Kunst nach Magdeburg schicken. Die Eltern waren davon alles andere als begeistert, bedeutete es doch, dass seine Hände für die Heimarbeit zu Hause fehlten. Dennoch willigten sie schließlich ein.

Es sollten nur zwei Jahre sein

Nach Abschluss der Fachschule 1957 blieben Horst Gramß zwei Möglichkeiten: Schmiedefeld am Rennsteig, wo es zwar eine Planstelle, aber kein Geld dafür gab, oder die Oberlausitzer Glaswerke (OLG) in Weißwasser, die ihm beides boten. Groß überlegen, das musste er da nicht. Vom ersten, in Weißwasser verdienten Geld kaufte er sich ein Fahrrad. Und er spielte bei Chemie Weißwasser Fußball. Man musste ihn auch gar nicht lange bitte, denn das hatte er schon zu Hause in Thüringen getan.

Zur Eröffnung des Lausitz Festivals in der Telux in Weißwasser wurde Horst Gramß mit einer Installation am ehemaligen Hartglaswannengebäude Respekt gezollt.
Zur Eröffnung des Lausitz Festivals in der Telux in Weißwasser wurde Horst Gramß mit einer Installation am ehemaligen Hartglaswannengebäude Respekt gezollt. © Joachim Rehle

„In Weißwasser wollte ich nur zwei Jahre bleiben, in der Zeit viel lernen und dann wieder zurück in die Heimat“, erinnert sich Horst Gramß. Doch es kam ganz anders. Bei einer Feier auf die deutsch-sowjetische Freundschaft lernte er seine spätere Frau Edeltraud kennen, die in der Bärenhütte beschäftigt war. 1958 wurde geheiratet. Als Reservist wurde er in eine Transportkompanie einberufen. Da zahlte sich aus, dass er zuvor seine Fahrerlaubnis gemacht hatte. Als er von dem Lehrgang zurückkam, bestellte ihn der Bürgermeister ein, um ihn zu überzeugen, Kraftfahrer bei der Feuerwehr zu werden. Diese hatte zu jener Zeit „zwar Autos, aber keine Fahrer“, weiß er noch. Er trat in die Freiwillige Feuerwehr ein, gehört ihr noch immer an. Zu 60 Jahren Mitgliedschaft ehrte ihn der Landesfeuerwehrverband 2019 mit dem Ehrenkreuz.

Es sprudelt nur so aus Horst Gramß heraus: Schließlich gibt es aus 85 Jahren eine Menge zu erzählen. Dass er fast 35 Jahre in ein und demselben Betrieb gearbeitet hat, macht ihn schon ein bisschen stolz.

Im In- und Ausland sehr gefragt

Für 425 DDR-Mark war er Chef der OLG-Entwicklungsabteilung, die die Muster entwarf. Weil es vor fast jeder Leipziger Messe Diskussionen zwischen OLG und Bärenhütte gab, wer da wohl von wem abgekupfert habe, bildete man eine gemeinsame Abteilung für Gestaltung, die auch für Betriebe in Rietschen und Reichenbach arbeitete.

Horst Gramß wurde deren Leiter. Für die Messen stattete er die Verkäufer mit Katalog und Dekorblättern aus, damit sie den Kunden die Neuheiten veranschaulichen konnten. Nicht selten hat er Ideen für neue Entwürfe gleich auf der Messe zu Papier gebracht. Gläser, Vasen, Krüge, Schalen – all das fand reißenden Absatz. Im In- und erst recht im Ausland. Gramß entwarf Bowlesets in Fassform, auch Bierschwenker für Abnehmer im Westen. In einem Sonderauftrag wurden jedes Jahr 1.000 Sektkelche mit der jeweiligen Jahreszahl drauf geordert. Nicht zu vergessen: die Ausstattung für den Palast der Republik in Berlin. Der Aufbaustab bestätigte die dafür entworfene Kelchserie. Zur ersten Auslieferung ist Horst Gramß mit dem Lkw mitgefahren. Zur offiziellen Einweihung waren auch Glasmacher aus Weißwasser eingeladen.

Für jeden Auftrag entstanden verschiedene Entwürfe. Einer davon wurde dann produziert. Was nicht in die Auswahl kam, schaffte es mitunter als Kleinserie in den Industrieladen in Weißwasser. Seine Skizzen hat der Glasgestalter aufgehoben. Daraus ist später eine Broschüre entstanden.

Horst Gramß ist den Glaswaren aus Weißwasser auch als Ruheständler eng verbunden. Nicht nur, weil er auf seiner Schrankwand eine ganze Reihe gläserne rote Objekte und auf einem Regal gegenüber alles in Blau zu stehen hat. Als Vorstandsmitglied im Förderverein ist er zweimal die Woche im Glasmuseum anzutreffen. Mit seiner Sachkenntnis hilft er, Anfragen zu beantworten, begutachtet Angebote aus Haushaltsauflösungen, „wenn Glassachen viel zu schade zum Wegschmeißen sind“. Nebenbei ließ er mal verlauten, sich nach diesem Geburtstag zurückziehen zu wollen. So ganz ernst scheint er das aber wohl doch nicht gemeint zu haben. „Man braucht eine Beschäftigung, sonst wird man ein bissel träge“, begründet er.

Ein großer Wunsch bleibt

Horst Gramß hat Tochter und Sohn, zwei Enkel und sechs Urenkel. 2005 verstarb seine Frau. Seit zwei Jahren trägt er einen Herzschrittmacher, ist aber noch recht fit, auch wenn alles ein bisschen langsamer geht. Seinen Geburtstag feiert er heute mit der Familie im kleinen Kreis. 100 will er nicht unbedingt werden, aber schon noch ein bissel machen, wie er sagt. Und dann hat er noch einen Wunsch: „Ich möchte ’ne Million gewinnen!“. Damit würde er ein neues Glasmuseum bauen. Das jetzige sei zwar schön, aber eben viel zu klein.

In der vorigen Woche wurde mit dem Aufbau der Ausstellung begonnen. Die Museumsleiterin hofft insgeheim, Ostern wieder öffnen zu dürfen. Doch ob dem tatsächlich so ist, das weiß noch niemand.

Mehr Nachrichten aus Weißwasser und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Weißwasser