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Jugendliche schockiert von Brandstifter-Gerüchten

Die Polizei ermittelt noch zum Volkshaus-Brand. Brandstiftung ist wahrscheinlich – und die Gerüchteküche brodelt.

© Sabine Larbig

Schon Sonntagnachmittag kursieren in der Stadt diverse Spekulationen zu Ursachen des Volkshausbrandes. Die einen sehen dadurch von der AfD-Stadtratsfraktion vorgelegte Pläne gezielt sabotiert oder andere städtische Einrichtungen in ihrem Erhalt absichtlich gesichert. Da noch am Freitag im Volkshaus Dreharbeiten der Medienstube der Telux stattfanden, wurde auf der Straße und in sozialen Medien auch das Gerücht verbreitet, dass dies Ursache für den Brand sein könnte, da „fremde Jugendliche“ längere Zeit im Gebäude waren und dies beobachtet wurde.

Noch ist das Gerücht nicht vom Tisch, weshalb sich jene Jugendlichen an TAGEBLATT wandten. Auch sie sind schockiert: vom Brand und den Verdächtigungen. „Ja, wir haben Freitag im Volkshaus gedreht. Doch wir hatten die Genehmigung der Stadt, die Schlüssel und waren mit Freunden des Volkshauses da“, erklärt Connor Volkening. Entsetzt ist ebenfalls Tonie Jahnke. „Ich kam aus der Dusche, als auf meinem Handy ständig Videos, Anrufe, Meldungen von Bekannten eingingen, die mich über den Brand und die Gerüchte informierten oder fragten, ob was dran sei. Es war die pure Hölle, ich habe nur geheult.“

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Mit Connor und Florian Exner, einem weiteren Mitglied vom Videoprojekt, traf sich Tonie noch während der Löscharbeiten in Weißwasser. „Ich kann es nicht fassen, dass das Volkshaus brennt. Es war einst Herz von Weißwasser. Freitag haben wir noch ein Tanzvideo im ganzen Haus gedreht. Es war Folge zwei von fünf geplanten, weshalb wir vor Monaten auf Facebook und Instagram aufriefen, dass sich Zeitzeugen bei uns melden sollen, die in den Videos was zum Volkshaus erzählen würden. Und nun sind wir die, die es offiziell als Letzte betraten. Unvorstellbar“, sagt Tonie mit Tränen in den Augen.

Filmteam hatte eine Genehmigung

Sichtlich getroffen ist auch Florian. Er erzählt, dass sich das Team, zu dem noch Marvin Melcher sowie Robert Seidel von der Medienstube gehören, diese Woche wieder zu Aufnahmen im Weißwasseraner Traditionshaus treffen wollten. Filmen wollten sie mit Ex-Mitarbeitern, Menschen die dort Jugendweihen und andere Feste erlebten und Uli Teichert vom Ex-Karnevalsverein, der über Jahrzehnte im Volkshaus seine Heimstatt und Hochburg hatte. „Wir haben Freitag sogar noch Ideen diskutiert, weil uns das Projekt mega freute. Jetzt ist alles abgebrannt und vorbei. Ich kann es irgendwie nicht glauben“, bekennt Florian.

Die Jugendlichen filmen zwar weiter. Denn das Projekt der Medienstube widmet sich allgemein geschichtsträchtigen Gebäuden der Stadt, erzählt deren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft per Videos mit Zeitzeugen auf Kanälen wie Youtube. Hintergrund ist, dass viele Jugendliche zwar Gebäude oder deren Namen kennen, jedoch nichts von ihrer Bedeutung für Weißwasser und seine Menschen wissen. Daher waren für das denkmalgeschützte Volkshaus, einst aus Gewerkschaftsgeldern gebaut, gleich mehrere Folgen geplant.„Jetzt ist es eine Brandruine. Ein schwarzer Tag für Weißwasser“, meint Connor, der dabei war, als das Dach einbrach und vor ihm der Kronleuchter auf der Straße zerbrach. „Als wir drehten, hing die tolle Spezialanfertigung aus Weißwasseraner Glas noch“, erinnert er sich. Dass ausgerechnet die engagierten Jugendlichen als Brandstifter verdächtigt werden, schockiert sie. „Wir haben nichts gemacht, wehren uns gegen die Gerüchte“, so ihr gemeinsames Statement.Dass sie eine Genehmigung hatten und nicht allein vor Ort waren, bestätigte OB Torsten Pötzsch schon Sonntag auf Nachfrage von TAGEBLATT hinsichtlich der Gerüchte. Und er äußerte, dass es unangebracht sei, die Katatrophe zu instrumentalisieren, um daraus Kapital zu schlagen oder Verschwörungstheorien zu machen und zu verbreiten. Doch als er vom Brand erfahren habe, sei ihm gleich durch den Kopf gegangen, dass daraus „Schlagzeilen und Beschuldigungen“ würden. Immerhin seien Diskussionen zum Volkshaus seit Jahren emotional und politisch geladen.

Inzwischen hat sich der – ebenfalls kursierende – Verdacht der Brandstiftung erhärtet, nachdem Brandursachenermittler ihre Arbeit aufnahmen. Laut Polizeisprecher Kai Siebenäuger von der Polizeidirektion Görlitz dauern die Ermittlungen des Kriminaldienstes in Weißwasser wegen des Verdachtes der Brandstiftung an. Ebenso Spurenauswertungen. Zudem würden bereits eingegangene Zeugenhinweise ausgewertet und bearbeitet.Wie die noch unbekannten Brandstifter ins Volkshaus kamen, können sich Tonie, Connor und Florian nicht erklären. Es sei alles mehrfach gesichert gewesen. „Wie konnte man überhaupt den Brand legen, wo es gerade so viele Aktionen gab, um das Volkshaus zu retten?“ fragt Connor.

Ihre Drehs muss die Crew nun mit dem vorhandenen Material beenden. Doch sie planen eine öffentliche Erinnerungsaktion. Wenn es Corona und Bauzustand zulassen.

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