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Biomasse-Wunder aus Fernost für den Tagebau-Rand

Zwischen Rietschen und Reichwalde gibt es ein Versuchsfeld mit Chinaschilf. Die Pflanze hat viel Nutzungspotenzial.

Das Einbringen der Miscanthus-Pflanzen auf dem Testfeld am Tagebaurand bei Reichwalde übernahmen Mitarbeiter der Firma Kühn und Wissenschaftler der Uni Hohenheim, die das Projekt begleiten. Der Anbau ist ein Knochenjob. Ist das Chinaschilf jedoch angewa
Das Einbringen der Miscanthus-Pflanzen auf dem Testfeld am Tagebaurand bei Reichwalde übernahmen Mitarbeiter der Firma Kühn und Wissenschaftler der Uni Hohenheim, die das Projekt begleiten. Der Anbau ist ein Knochenjob. Ist das Chinaschilf jedoch angewa © Joachim Rehle

Schon kommendes Jahr sollen meterhohe Miscanthus-Pflanzen, die auch als Chinaschilf oder fälschlicherweise Elefantengras bekannt sind, am Rand des Tagebaus Reichwalde stehen. So hoffen es Miscanthus-Experten wie der Gödaer Unternehmer Uwe Kühn und Dr. Andreas Kiesel von der Universität Hohenheim (Stuttgart), Fachgebiet nachwachsende Rohstoffe.

Am Donnerstag haben sie und Mitarbeiter Kühns auf einer ein Hektar großen Versuchsfläche vier Sorten Chinaschilf gepflanzt. Die Fläche hat die Lausitz Energie Bergbau AG (Leag) zur Verfügung gestellt. „Die Tagebaurandfläche wurde nicht mehr benötigt und zur landwirtschaftlichen Nutzung rekultiviert“, erläutert Dorit Wüstenhagen, Leag-Projektverantwortliche für solche Rekultivierungen im Lausitzer Revier. Nachdem bereits Lavendel, Wein und Szechuan-Pfeffer einstige Tagebaubereiche besiedeln, kommt nun Miscanthus hinzu.

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Ein Lausitzer als Vorreiter und Pate

Das meterhohe Grasgewächs wurde mit Bedacht ausgewählt. „Die Pflanze ist mehrjährig, kann extensiv und ohne Pflege angebaut werden. Man pflügt die Fläche einmal, dann bis zu 20 Jahre nicht mehr und erntet nur jedes Jahr“, erklärt Uwe Kühn. Der Unternehmer, der eine Gießerei und eine Messtechnik-Firma mit eigener Entwicklung und Programmierung führt und auch einen 16 Hektar großen Hof bewirtschaftet, stieß 2009 in Österreich zufällig auf die Turbo-Pflanze. Damals suchte er eine Möglichkeit, die Heizkosten für Betriebs- und Wohngebäude durch eine Alternative zu Heizöl zu minimieren. Kurze Zeit später baute er erstmals Miscanthus zur Eigennutzung an. Immerhin entsprechen 20 Tonnen Trockenmasse-Ertrag pro Jahr etwa 6.000 bis 8.000 Litern Heizöl.

Inzwischen weiß Kühn, dass Chinaschilf ein Allrounder und mehr als ein Wärmelieferant ist. Gehäckseltes Pflanzenmaterial kann als Kultursubstrat im Gemüseanbau, als Zusatz in Baustoffen und als Tier-Einstreu verwandt werden. Zudem können Pflanzenteile als Holz-Ersatz, beispielsweise in der Papierindustrie, zur Herstellung von Schaumstoffisolierungen am Bau oder zur Gewinnung von Biokraftstoff dienen. Und während Landwirte mit dem Anbau somit ein zusätzliches Wirtschaftsstandbein haben, dient das Schilf in der Landschaft gleichzeitig als Struktur- und Abgrenzungs-Element, wodurch Flora und Fauna profitieren. Auch, weil ein Miscanthus-Bestand fast 30 Tonnen Kohlendioxid pro Hektar und Jahr bindet und dadurch Humus im Boden aufbaut. Da das Schilf intern alle Nährstoffe recycelt, kommt es auch ohne Düngung aus.

Winterhart geworden

Trotzdem schien es vor zehn Jahren noch sinnlos, die Turbo-Gräser in Deutschland zu kultivieren, weil das Biomassewunder aus China den deutschen Winter nicht vertrug. Das hat sich inzwischen dank der Forschung geändert, weshalb es bereits Flächen gibt, wo Miscanthus angebaut wird – und es gibt auch Hersteller von Heizanlagen für den neuen Brennstoff. Ein Vorreiter des Siegeszuges der Asiaten in Deutschland und die damit zusammenhängende Entwicklung des Biomasselieferanten ist Uwe Kühn. Nicht nur in Sachsen und Deutschland, auch weltweit. Zum einen, da der Gödaer durch sein Wissen mittlerweile stellvertretender Vorsitzender der Internationalen Vereinigung für Miscanthus und mehrjährige Energiegräser e. V. ist.

Versuchsfläche in einem EU-Projekt

Noch sind die Setzlinge unterschiedlicher Schilfgras-Sorten vorgezogen und angeliefert. Doch, auch das wird in Reichwalde erprobt: eine Direktsaat soll möglich werden.
Noch sind die Setzlinge unterschiedlicher Schilfgras-Sorten vorgezogen und angeliefert. Doch, auch das wird in Reichwalde erprobt: eine Direktsaat soll möglich werden. © Joachim Rehle

Aber auch, weil er in seiner Firma inzwischen verrottbare Pflanzbehälter und bepflanzbare Schwimminseln für nitratbelastete Gewässer aus dem Schilf herstellt, Prüfflächen für das sächsische Landwirtschaftsministerium betreibt – sowohl für eigene als auch fremde Unternehmensprojekte rund um die Schilfpflanze. Und Kühn wirkt beim europäischen Forschungsprojekt „Miscomar“ als einer von 22 Partnern mit. Dieses EU-Projekt, welches sich Test, Zucht, Anbau, Verwendung und Vermarktung unterschiedlicher Sorten Chinaschilfs an verschiedenen europäischen Standorten widmet, wird von einer englischen Universität sowie der Uni Hohenheim federführend wissenschaftlich begleitet. Nun, im Nachfolgeprojekt Miscomar+, entsteht daher auch die Pilotfläche am Tagebaurand Reichwalde. Es ist einer von drei Etablierungsversuchen für Miscanthus in Deutschland. Bis 2023 läuft das geförderte Projekt, sind Wissenschaftler alle vier Wochen zum Messen, Dokumentieren und Testen vor Ort. „Wir haben vorgezogenes Saatgut eingebracht. Bis September ist die spannende und anspruchsvolle Anwuchsphase. Dann wissen wir, ob die Sorten auf dem marginalen Boden gedeihen. Danach ist alles nur wissenschaftliche Untersuchung und Begleitung und für die nächsten Jahrzehnte nur noch jährliche Ernte“, so Kiesel, Leiter der deutschen Teilprojekte.

Rietschen hofft auf billige Wärme

Was sich unspektakulär anhört, ist wissenschaftlich und praktisch bedeutsam: Wenn Miscanthus auf dem kargen Lausitzer Boden und trotz Klimaschwankungen so wächst wie erhofft, könnten mittelfristig Direktsaaten das Vorziehen von Pflanzen ersetzen, könnte langfristig die regionale Wirtschaft einerseits vom kostengünstigen Anbau, kurzen Kreisläufen und Wegen sowie andererseits Einwohner dauerhaft von billiger Heizwärme aus dem nachwachsendem Rohstoff profitieren. All dies waren Gründe, weshalb der Rietschener Bürgermeister Ralf Brehmer einst die Forscher, Leag und Unternehmer Kühn zusammenbrachte, nachdem er ein Versuchsfeld bei Bautzen sah. „Da dachte ich: Das wäre was für unsere Tagebau-Restfläche!“, erinnert sich Brehmer. Ihn reizte der Schilfanbau nicht nur, weil von Landwirten über Mieter, Gemüsebauern und Papierhersteller bis hin zur Bauindustrie viele davon profitieren würden. Auch, weil es zur Gemeinde Rietschen passt, die als Kommune den European Energie Award in Gold hat.

Mit seiner Idee und Begeisterung stieß der Ortschef bei den Miscanthus-Vorreitern offene Türen auf. Zwar wissen alle Beteiligten, dass in den ersten drei Jahren die Erträge noch niedrig sind und die Pflanzen auf der Demonstrationsfläche bei Reichwalde „nur“ etwa 3,50 Meter hoch werden. „Aber ohne Demonstration geht bei Landwirten, um sie für etwas zu begeistern, gar nichts. Das weiß ich aus Erfahrung“, bekennt Uwe Kühn, der auch deshalb froh ist, dass die Leag die Versuchsfläche schuf und diese generell zur landwirtschaftlichen Nutzung freigibt. Vielleicht wächst der Miscanthus am Tagebaurand ja dauerhaft; sind Rietschener Landwirte für Ernte und Vermarktung zuständig. Wissenschaftler Kiesel und Unternehmer Kühn würden es begrüßen.

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