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Boxberg erhält einen Treff mitten im Dorf

Die einstige Schlecker-Filiale wird ein Klub für Jugendliche mit Ideen, zum Austausch – und auch nur zum Abhängen. Gleich nebenan passiert noch mehr. Zwei Vereine machen’s möglich.

Von Constanze Knappe
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Katja Schramm und Angelika Klinger vom Netzwerkprojekt des Schlupfwinkel-Vereins Weißwasser, Kristiane Wójcicki vom Verein Perspektive Boxberg und Ricarda Koschkar, ebenfalls vom Netzwerkprojekt (v.li.) haben sich nach eigener Aussage „gesucht und gef
Katja Schramm und Angelika Klinger vom Netzwerkprojekt des Schlupfwinkel-Vereins Weißwasser, Kristiane Wójcicki vom Verein Perspektive Boxberg und Ricarda Koschkar, ebenfalls vom Netzwerkprojekt (v.li.) haben sich nach eigener Aussage „gesucht und gef © Constanze Knappe

Noch ist in dem ehemaligen Schlecker-Laden an der Diesterwegstraße in Boxberg nicht zu erahnen, was sich dort in Kürze tun soll. In einem Nebenraum stapeln sich erste Möbel. Es sind Spenden für den neuen Nutzungszweck. Die Schüler der 10. Klasse der Freien Oberschule Boxberg möchten sich einen Jugendklub einrichten. In dieser Woche waren sie auf Klassenfahrt und deshalb nicht in dem Objekt zugange. Kristiane Wójcicki nutzte die Gelegenheit und ließ derweil den Fußboden von einer Fachfirma reinigen. Das habe sie den Schülern nicht zumuten wollen, erzählt sie. Nach deren Rückkehr warte noch jede Menge anderer Arbeit. Dafür werden helfende Hände gesucht, wie einem Aushang an der Tür des Ladenlokals zu entnehmen ist. Aufrufe dazu wurden über die Schüler in den 18 Ortsteilen der Gemeinde verteilt. Eröffnung soll am 18. Mai sein – am letzten Schultag der Zehntklässler.

Ein Jugendtreff fehlt schon lange

Kristiane Wójcicki war bis 2005 Schulleiterin der damals noch staatlichen Mittelschule Boxberg, die im Jahr darauf geschlossen wurde. Nun engagiert sie sich als Beraterin der Schulleitung und des Trägervereins der Freien Oberschule. Sie erzählt von der aktiven Arbeit des Jugendklubs Waschhaus, den es bis 2005 unter Federführung des CVJM in Boxberg gab; sogar unweit des Objekts, wo jetzt ein Neustart vorbereitet wird. „Heranwachsende brauchen einen Ort, wo sie sich nach der Schule austauschen, wo sie abhängen, aber auch neue Ideen und Aktionen entwickeln können“, heißt es beim Verein Perspektive Boxberg, dessen Mitglied Kristiane Wójcicki ist.

Seit der Schließung des alten Klubs, dessen Mitglieder längst dem jugendlichen Alter entwachsen sind, gab es einen solchen Treffpunkt nicht mehr. „Den Schülern blieb ja gar nichts anderes übrig, als sich an der Bushaltestelle oder an anderen öffentlichen Plätzen zu treffen“, sagt Ricarda Koschkar. Über den Schlupfwinkel-Verein Weißwasser war sie für einige Zeit als Sozialarbeiterin an der Grundschule in Boxberg tätig. Daher kennt sie die Problematik. Sie weiß, „dass ein fester Punkt, wo man sich treffen kann, als ein geschützter Freiraum fehlt“, und ebenso, dass an Treffpunkten im öffentlichen Raum oft der Müll einfach liegenbleibt.

Das aber könnte sich mit der Verantwortung für ein eigenes Objekt schnell ändern. Davon sind die beiden Frauen überzeugt. Mit einer Förderung der Sächsischen Jugendstiftung wird das Vorhaben angeschoben. „Von jetzt auf gleich“ sei der Fördermittelantrag bestätigt worden, erzählt Ricarda Koschkar, inzwischen für Netzwerkarbeit beim Schlupfwinkel-Verein zuständig. Die 1.500 Euro seien zwar nicht die Welt, aber eine gute Grundlage für den Start. Immerhin sei es der Höchstbetrag aus diesem Fördertopf. Im Februar 2022 hatten die Vereine Perspektive Boxberg und Schlupfwinkel Weißwasser eine Kooperationsvereinbarung unterschrieben. Ohne einen Partner aus der Kinder-und-Jugend-Arbeit hätten die Boxberger die Förderung nicht gekriegt. Aber diese Verbindung ist weit mehr als eine Zweckehe. Das ist den beiden Frauen, die sich vorher nicht kannten, anzumerken. „Wir haben uns gesucht und gefunden“, betonen sie.

Noch ist das Ladenlokal leer, wo in reichlich zwei Wochen der Jugendklub Boxberg eröffnet werden soll. Viel zu tun also. Dafür werden noch helfende Hände gesucht.
Noch ist das Ladenlokal leer, wo in reichlich zwei Wochen der Jugendklub Boxberg eröffnet werden soll. Viel zu tun also. Dafür werden noch helfende Hände gesucht. © Constanze Knappe

Beim Aufräumen, Saubermachen und Renovieren packten bislang 25 Schüler mit an. Kristiane Wójcicki stellte das Projekt außerdem den Neuntklässlern vor. Denn es soll ja weitergehen, wenn die Zehner nicht mehr da sind. Geführt werden soll der Jugendklub in Eigenverantwortung der Jugendlichen – nach dem Beispiel des Jugendklubs Nochten. Ricarda Koschkar, Katja Schramm und Angelika Klinger vom Netzwerkprojekt des Schlupfwinkel-Vereins begleiten die Schüler dabei, zum Beispiel beim „Jugendstammtisch“. Die Sozialpädagoginnen entwickeln mit ihnen Ideen für Aktionen, vermitteln Ansprechpartner und helfen bei der Umsetzung. Geplant ist, den Jugendklub täglich zu öffnen – zweimal die Woche nachmittags auch für Jüngere U14. Für letzteres brauche es Betreuer, gerne auch Großeltern, sagt Kristiane Wójcicki.

Austauschbörse hilft Familien

Während im Jugendklub in den nächsten zwei Wochen noch ordentlich gewerkelt wird, ist die Austauschbörse daneben (mit separatem Eingang) bereits fix und fertig eingeräumt. Diverse Bekleidung hängt an den Ständern, Spielsachen und Bücher liegen bereit. Bei dem niederschwelligen Angebot für Familien, wie es im Fachjargon heißt, geht es aber nicht einfach nur um den Kleidertausch von Sachen, die noch gut, aber zu klein geworden sind. Während die Kinder in dem Ladenlokal durch Ehrenamtler betreut und beschäftigt werden, gibt es dahinter einen „geschützten Bereich“, wo sich Eltern bei Alltagsproblemen beraten lassen oder ganz zwanglos mit anderen darüber austauschen können. „Die Eltern können sich ihren Kummer von der Seele reden, ohne dass es vor dem Kind passiert“, erklärt Ricarda Koschkar. Einen Näh- und Häkelzirkel gibt es bereits, der sich bisher noch im Dorfgemeinschaftshaus trifft, dann aber in die Austauschbörse umzieht. Weitere Angebote sind in Vorbereitung. Jeweils an zwei Vor- und zwei Nachmittagen soll die Austauschbörse geöffnet sein und abwechselnd durch zwei Fachkräfte und zwei Ehrenamtler betreut werden. Auch dafür hofft man noch auf ehrenamtliche Helfer.

Die Gemeinde ist mit im Boot

Die Lage des Jugendklubs sei top, sagt Ricarda Koschkar. Direkt zwischen Bushaltestelle und Schule und ohne ein Wohnhaus direkt daneben, so dass man auch mal Bänke ’rausstellen kann, zählt sie die Vorteile auf. Sie bezeichnet das Ganze als „eine coole runde Sache“. Aus Sicht von Kristiane Wójcicki wäre es „ein Zeichen für den Ort“.In dem einstigen Schlecker gibt es also bald eine Anlaufstelle für Jugendliche, Kinder und Familien inmitten von Boxberg. Indem das lange leerstehende Objekt nun genutzt wird, besteht weitaus weniger die Gefahr von Beschmierungen und anderem Vandalismus. Ein weiterer Grund, weshalb die Gemeinde Boxberg das Projekt fördert. Für ein Jahr können die Räume miet- und nebenkostenfrei genutzt werden. „Ohne diese Unterstützung hätten wir es nicht machen können“, so Kristiane Wójcicki.

Für die Gemeinde ist es eine vorerst auf zwei Jahre befristete, also „temporäre Zwischenlösung“. Die einstige Schlecker-Filiale soll abgerissen und an deren Stelle ein Ärztehaus gebaut werden. Kristiane Wójcicki und Ricarda Koschkar hoffen, dass sich bis zur Umsetzung dieses Strukturwandelprojekts Jugendklub und Austauschbörse soweit etabliert haben, dass sich an anderer Stelle ein Domizil dafür finden lä[email protected]@schlupfwinkel-weisswasser.de

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