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Computer-Schätze aus Weißwasser

Die fantastische Sammlung des BSZ stand seit Jahren im Keller. Bald sollen Teile in Hoyerswerda zu sehen sein.

Gerhard Walter (links), ehemals Berufsschullehrer in Boxberg, knüpfte die Kontakte zum ZCOM in Hoyerswerda. Er und Karsten Reichert wissen, was Kleincomputer (1987) und Bürocomputer (1983) zu DDR-Zeiten draufhatten – und was heute alles selbstverständ
Gerhard Walter (links), ehemals Berufsschullehrer in Boxberg, knüpfte die Kontakte zum ZCOM in Hoyerswerda. Er und Karsten Reichert wissen, was Kleincomputer (1987) und Bürocomputer (1983) zu DDR-Zeiten draufhatten – und was heute alles selbstverständ © Joachim Rehle

Fans alter Rechentechnik dürften sich jetzt im Beruflichen Schulzentrum in Weißwasser (BSZ) vorgekommen sein, als fiele Ostern und Weihnachten auf einen Tag. All das, was seit Jahren im Keller vor sich hin schlummerte, war jetzt in der Caféteria aufgebaut. Und das aus gutem Grund: BSZ-Leiterin Petra Weidner übergab die Sammlung an Wolfgang Kunde, den Vereinsvorsitzenden vom Konrad Zuse Forum Hoyerswerda, und an die Vorstandsmitglieder Gerhard Walter und Karsten Reichert für das Computermuseum ZCOM.

„Wir platzen aus allen Nähten, brauchen jeden Raum“, begründete die Schulleiterin, warum jetzt ausgeräumt wurde. Früher habe die Berufsschule in Weißwasser ein eigenes Museum in der einstigen Ingenieurschule gehabt. Mit dem Umzug in das neue Berufsschulzentrum 2009/10 war kein Platz mehr dafür, die Sachen lagerten fortan im Keller. Es handelt sich zum einen um Geräte aus der schulischen Ausbildung in der DDR, zum anderen aber um Computer aus den Betrieben der Glasindustrie, die mit der Wende fast alle dichtgemacht wurden. Kurzum: gesammelte Werke.

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Lochstreifen, das waren noch Zeiten. Wolfgang Kunde schmunzelt. Der Vereinsvorsitzende vom Konrad Zuse Forum Hoyerswerda weiß um den Wert der „gesammelten Werke“ aus Weißwasser, die ein Stück technische Geschichte der DDR verkörpern.
Lochstreifen, das waren noch Zeiten. Wolfgang Kunde schmunzelt. Der Vereinsvorsitzende vom Konrad Zuse Forum Hoyerswerda weiß um den Wert der „gesammelten Werke“ aus Weißwasser, die ein Stück technische Geschichte der DDR verkörpern. © Joachim Rehle

Mit Herzblut am Laufen gehalten

Vieles davon trug Gotthard Bläsche, bis 2012 Schulleiter am BSZ, zusammen. So finden sich neben den Schülercomputern KC 85/87 Bürocomputer wie der A 4120, dazu verschiedene Messtechnik. Dass es kurz vor der Wende in DDR-Schulen schon Computer gab, weiß man natürlich in der Zuse-Stadt Hoyerswerda. In Weißwasser wohl eher nicht, zumal die Schulen in der Glasmacherstadt kaum damit versorgt gewesen sein dürften. Ein bisschen traurig sei er schon, dass die Zeugen der DDR-Rechentechnik-Geschichte nicht in Weißwasser bleiben, so der stellvertretende Schulleiter Peik Lange. Mit den allermeisten Dingen habe er ja selber noch gearbeitet. „Es steckt viel Herzblut der Kollegen drin, die das alles am Laufen gehalten haben“, weiß er.

Es lag nahe, die Sammlung dem ZCOM, dem Computermuseum in Hoyerswerda, zu überlassen. Den Kontakt stellte Gerhard Walter her. Einstmals Berufsschullehrer in Boxberg war er später freier Mitarbeiter am BSZ in Weißwasser. Als Vorstandsmitglied des Zuse Forums engagiert er sich sehr für das Museum. Dort wird die Sammlung aus Weißwasser nun erst einmal gesichtet und auf Funktionsfähigkeit überprüft. Ob Schätze darunter sind, vermochte Museumschefin Andrea Prittmann gestern noch gar nicht zu sagen. „Wir hoffen sehr, dass wir einiges in Sonderausstellungen zeigen und, wenn sich unsere Software an den alten Computern auslesen lässt, sogar vorführen können“, erklärte sie. Womöglich können Besucher dann aber auch selber daran hantieren – und sich so an eigene längst vergangene Tage erinnern.

„Ohne Computer geht heute gar nichts mehr“, betonte Peik Lange. Wie im richtigen Leben hätten die Azubis auch in der Ausbildung in allen Branchen damit zu tun, etwa bei Simulationen im Elektro-Bereich. Zudem verwies er auf jene Puppe, mit der in der Ausbildung der Krankenpflegehelfer und ebenso der Pflegefachkräfte beinahe jede Krankheit zu simulieren ist. „Fast wie am lebenden Objekt“ können an dem Computermenschen Kenntnissen vermittelt und Fähigkeiten trainiert werden. Für die Puppe brauche man einen Spezialisten. Technik wie diese sei einer der Gründe, warum immer mehr Krankenhäuser zunehmend auch Techniker ausbilden.

Ab dem neuen Lehrjahr bietet das BSZ Weißwasser erstmals die dreijährige Ausbildung zum Fachinformatiker an. Zunächst hatte Petra Weidner Bedenken, ob überhaupt eine Klasse voll wird. Doch diese Befürchtung habe sich zerschlagen. 21 Anmeldungen seien bislang dafür eingegangen und täglich kämen neue Anfragen.

In der Caféteria des Beruflichen Schulzentrums Weißwasser warfen Schulleiterin Petra Weidner und Wolfgang Kunze, Vereinsvorsitzender vom Konrad Zuse Forum in Hoyerswerda, einen gemeinsamen Blick auf die alte Rechentechnik. Die Sammlung des BSZ wurde vorma
In der Caféteria des Beruflichen Schulzentrums Weißwasser warfen Schulleiterin Petra Weidner und Wolfgang Kunze, Vereinsvorsitzender vom Konrad Zuse Forum in Hoyerswerda, einen gemeinsamen Blick auf die alte Rechentechnik. Die Sammlung des BSZ wurde vorma © Joachim Rehle

Unter dem Schlagwort Industrie 4.0 seien Fachinformatiker für die Vernetzung von Maschinen und Anlagen zuständig, erstellen Anwendersoftware. In vier Richtungen kann man sich spezialisieren, zwei werden in Weißwasser angeboten. Besonders viele Anmeldungen gebe es aus Krankenhausgesellschaften. „Kliniken setzen voll auf Digitalisierung“, weiß Peik Lange. In Arztserien im Fernsehen habe doch jeder nur noch ein Tablet in der Hand. Seit bekannt ist, dass diese Ausbildung in Weißwasser erfolgt, sind viel mehr Unternehmen bereit dazu, sagte die Schulleiterin. Sie hatte auch gleich die Begründung parat: Wenn sich die Berufsschule in Dresden befindet, bleiben die meisten Jugendlichen nach der Ausbildung dort und sind für die Unternehmen in der Region verloren.

Chaotisches Corona-Jahr

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Als „katastrophal“ bezeichnete sie das zu Ende gegangene Ausbildungsjahr. Schüler und Lehrer hätten „Federn gelassen“. Nach dem Ende der Schließzeit habe man nur einige Klassen und auch nur in den Prüfungsfächern unterrichtet. Die Defizite seien da. 750 Schüler waren im BSW Weißwasser in Voll- und Teilzeit eingeschrieben – darunter die erste Klasse angehender Erzieher sowie die letzte Klasse Verkäufer, die ihren Abschluss in Weißwasser macht. Danach geht‘s für die Azubis dieser Branche nach Görlitz. Die Beste des BSZ beendete trotz aller Corona-Widrigkeiten die Fachoberschule Wirtschaft und Verwaltung mit der Note 1,2. Die Mehrheit habe gute Leistungen erbracht, es sei keiner schlechter als befriedigend. Wie viele Berufsschüler es im neuen Lehrjahr werden, steht noch nicht fest. Petra Weidner hofft aber sehr, „dass es nicht noch einmal so chaotisch wird“.

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