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Warum die Freiwilligen fehlen

Seit 10 Jahren gibt’s den Bundesfreiwilligendienst. Doch die Lebenshilfe in Weißwasser findet kaum noch Bewerber.

Sascha Melcher (links), Geschäftsführer der Werkstätten der Lebenshilfe Weißwasser gGmbH, kam einst selber als Zivi in die Behindertenhilfe. Mit Enrico Petrick hat er damals zusammen in der Gravurwerkstatt gearbeitet. Heute ist dieser für den Empfang
Sascha Melcher (links), Geschäftsführer der Werkstätten der Lebenshilfe Weißwasser gGmbH, kam einst selber als Zivi in die Behindertenhilfe. Mit Enrico Petrick hat er damals zusammen in der Gravurwerkstatt gearbeitet. Heute ist dieser für den Empfang © Constanze Knappe

Weißwasser. Fast alle sind wieder da. Sascha Melcher freut sich, dass in den Werkstätten der Lebenshilfe gGmbH Weißwasser (WfB) so langsam wieder Normalität einzieht. Viele der betreuten Beschäftigten waren fast ein halbes Jahr zu Hause, so der WfB-Geschäftsführer. Die Sorge, dass sie sich nach der langen Zeit erst wieder an den Alltag gewöhnen müssten, habe sich so nicht bestätigt. Die meisten sind richtig froh, dass sie wieder arbeiten dürfen.

Bis 31. Mai galt in den Einrichtungen für behinderte Menschen ein Betretungsverbot; danach die Option, dass die Werkstätten mit angepasstem Konzept für Hygiene und Arbeitsschutz wieder öffnen dürfen. Nach dem zweiten Impftermin am 28. Mai ging es 14 Tage später mit vollem Schutz in Weißwasser wieder los. Bis zum 24. Juni waren in der Hauptwerkstatt 1.363 Tests durchgeführt worden. Und das alles in Eigenregie. Unter Anleitung des Betriebsarztes waren Tester dafür qualifiziert worden. Und selbstverständlich sei alles akkurat dokumentiert, so der WfB-Chef.

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Unter denen, die die Betreuer zur Wiederöffnung begrüßten, war kein Bundesfreiwilligendienstler. Sascha Melcher bedauert das. Doch die WfB haben schlichtweg keinen Bufdi, wie die Nachfolger der einstigen Zivis genannt werden, gefunden.

Bis zu fünf Zivis waren seinerzeit aktiv

Am 1. Juli 2011 wurde der Bundesfreiwilligendienst eingeführt – nachdem die Wehrpflicht ausgesetzt worden war und damit auch der Zivildienst wegfiel. Dabei war gerade das eine wichtige Stütze im sozialen Bereich. Bis zu fünf Stellen für Zivis haben die Lebenshilfe-Werkstätten seinerzeit finanziert bekommen. Die jungen Männer halfen bei der intensiven Betreuung von Behinderten, schoben bei Spaziergängen die Rollstühle, fuhren Wäsche aus und anderes mehr. Sie wurden durch die Bundesstelle für Zivildienst in Köln zugewiesen, so dass meist vier gleichzeitig da waren.
„Generationen von jungen Männern waren hier, und sie haben alle etwas mitgenommen“, sagt Sascha Melcher.

Er weiß, wovon er spricht. Er kennt es aus eigenem Erleben. Der gelernte Glasformengraveur wurde nach dem Fachabitur als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und zum Zivildienst damals noch in die Niederschlesischen Werkstätten für Behinderte in Weißwasser geschickt. Er landete in der Gravurwerkstatt, die sich am Prof.-Wagenfeld-Ring befand. Zusammen mit einem Mitarbeiter durfte er Aufträge annehmen und Kundengespräche führen. Er fühlte sich wohl dabei und fragte sich bald, was er wohl tun müsse, um angestellt zu werden.

Wenn sich Sinn des Lebens und Arbeit verbinden

So entschloss er sich, Sozialpädagogik zu studieren und bekam dabei für den Zivildienst sogar einen Bonus. Nach dem Studium wurde er eingestellt, studierte 2009 bis 2012 abermals. „Ohne den Zivildienst hätte ich nie den Schritt in die Behindertenhilfe gemacht, weil ich gar keinen Bezug dazu hatte“, bekennt er rückblickend. Wie er sind über die Jahre viele im sozialen Sektor hängengeblieben, weil ihnen die Arbeit und das Betriebsklima in der jeweiligen Einrichtung gefielen und sie auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Lebens ihre ganz persönliche Antwort fanden.

„Von jetzt auf gleich brach dieser Personalpool der Zivis weg. Für uns war das eine Katastrophe“, erklärt Sascha Melcher. Der Zivildienst als Ersatz für den Wehrdienst war verpflichtend; was danach kam, war freiwillig. „Der Automatismus fehlte, und es gab auch keine Freiwilligen“, sagt er. Für Wohlfahrtsverbände und viele andere soziale Einrichtungen wurde das zu einer großen Herausforderung. In den Werkstätten für Behinderte in Weißwasser hat man sich gekümmert: Für jede der drei Gruppen im Förder- und Betreuungsbereich wurde ein Pflegehelfer eingestellt; die Wäsche fahren Senioren als Mini-Jobber aus. Und dennoch haben die WfB immer wieder Einsatzstellen für Bufdis über die Paritätischen Freiwilligendienste Sachsen gGmbH (Parisax) angeboten. Allerdings hätten sich nie mehr als zwei gleichzeitig gemeldet.

Corona-Zeit: Bufdis vorübergehend überflüssig

Das Bundesministerium für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben sieht im Bundesfreiwilligendienst eine Erfolgsgeschichte. Schon kurz nach der Einführung habe es die ersten 1.000 Freiwilligen gegeben. Inzwischen sind es 400.000 Frauen und Männer jedes Alters, zumal über den sozialen Zweck hinaus ein Einsatz auch in den Bereichen Kultur und Sport, Denkmal- und Naturschutz möglich ist. Aktuell gibt es bundesweit 78.000 Einsatzstellen.

Für Weißwasser weist das Bundesministerium acht Einsatzorte in Kitas, Vereinen, in der Station junger Naturforscher und Techniker, im Eissport und in der Verkehrswacht aus. Allerdings hat Corona dem Einsatz vielfach einen Riegel vorgeschoben. Das bestätigt auch Sascha Melcher. Während des Betretungsverbots in der Pandemie haben die WfB keinen Bufdi gebraucht.

Seit es den Bundesfreiwilligendienst gibt, fanden über Parisax etwa 30 Freiwillige eine Einsatzstelle im Nordkreis, ist von BFD-Referentin Manja Rudolph zu erfahren. Seit 2016 arbeitet Parisax mit den Lebenshilfe-Werkstätten in Weißwasser zusammen. Sechs Bufdis hat man in der Zeit hierher vermittelt. Andersherum würden Freiwillige aus Weißwasser und Bad Muskau täglich nach Görlitz pendeln. Dort gibt es auch noch freie Stellen in einer Wohnstätte für psychisch Kranke, an der freien Waldorfschule und im Waldorfkindergarten. Allerdings seien auch noch andere Träger in der Region aktiv. Viele Freiwillige zieht es jedoch in die Großstädte, deshalb wirbt man bei Parisax ausdrücklich für den ländlichen Raum.

Während in den Anfangsjahren zwei Drittel der Freiwilligen bei Parisax 27 Jahre und älter waren, sei das Verhältnis heute umgekehrt, erklärt Manja Rudolph. Dennoch sei der BFD auch etwas für Ältere. Als Beispiel benennt sie jene, die eine berufliche Chance suchen und auf diesem Wege „einen Fuß in die Tür kriegen wollen“ oder die etwas Neues ausprobieren möchten. Auch für Sascha Melcher hat dieser Aspekt große Bedeutung. Im August 2020 wurde in den Lebenshilfe-Werkstätten eine Frau als Pflegehelferin eingestellt, die dort 2019 ihren Freiwilligendienst geleistet hat.

Der WfB-Chef würde gern einen/eine Bufdi nehmen – zum Beispiel zur Unterstützung der Gruppenleiter, oder, weil ab 1. Juli die arbeitsbegleitenden Maßnahmen für Behinderte wie Fußballtraining und Walken in der Natur wieder erlaubt sind.

Sascha Melcher hofft aber vor allem darauf, dass bald die Masken am Arbeitsplatz wegfallen dürfen, da schon 78 Prozent der Beschäftigten vollständig geimpft sind.

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