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Der Mann, der auf die Blume setzt

Christoph Pietryka ist neuer Chef am Amtsgericht in Weißwasser. Welche ungewöhnlichen Methoden er einsetzt - und was Corona für Prozesse bedeutet.

Amtsgerichtsdirektor Christoph Pietryka.
Amtsgerichtsdirektor Christoph Pietryka. © Joachim Rehle

Weißwasser. Urlaub vor und nach Weihnachten ist für Christoph Pietryka nicht drin. Denn bis auf die Feiertage, auf die sich der Amtsgerichtsdirektor freut, weil er sie ganz ruhig mit der Familie verbringen kann, wird in Weißwasser durchverhandelt. So auch heute.

Das liegt zum einen daran, dass Polizei und Staatsanwaltschaft „fleißig arbeiten“, sagt er. Andererseits verhandele er gerne an Arbeitstagen vor Feiertagen. „An solchen Tagen sind die Menschen eher bereit, etwas abzuschließen oder einen Streit zu beenden. Ich schlage daher häufig solche Termine vor. Was an so einem Tag geschafft wird, benötigt im Jahresverlauf zwei Wochen und mehr. So ist meine Erfahrung.“ Als Beispiel nennt er eine Verhandlung an einem 23. Dezember, 8 Uhr morgens, um ein Wegerecht mit 30 Beteiligten in Bautzen. „Es ist tatsächlich eine Einigung gelungen und nach der Vor-Ort-Begehung gab es sogar Kekse und Kaffee aus der Thermoskanne für alle.“

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Credo: Transparenz und Diplomatie

Erfahrung, um sowas hinzubekommen, hat der 57-Jährige ausreichend. Nach dem Studium arbeitete er viele Jahre als Staatsanwalt in München. Später wechselte er ans Amtsgericht Bautzen, wo er stellvertretender Amtsgerichtsdirektor war, bevor er im September 2020 in Weißwasser die Nachfolge von Martin Hinrichs antrat. Erfahrungen hat er ebenfalls als gerichtsinterner Mediator bei sogenannten Güte-Richtersitzungen. Denn, so Pietryka, heute würden auch Gerichte auf Gespräche und Kommunikation, also Mediation, statt Hammer-Schwingen und Härte setzen, obgleich ein Urteil immer angemessen sein müsse. Aber gerade im Familienrecht sei Kommunikation wichtig. „Dort erlebt man Sachen, die man sonst nirgendwo erlebt.“

Viele Fälle könnten allerdings durch einen moderierenden Richter gelöst werden. So, wie beim besagten Wegerecht-Fall. Dabei setzt Christoph Pietryka sogar auf eine besondere Blume: die amtliche Entschuldigungsblume. Die Plasteblume mit Vase auf seinem Tisch hat er in Bautzen eingeführt. Auch in Weißwasser will er sie bei Familienfällen zum Einsatz bringen. „Manchmal kochen die Emotionen. Um das zu reduzieren, kann man aufstehen, die Blume nehmen und sich beim Gegenüber entschuldigen.“ Die Wirkung der Geste sei verblüffend. „Sie schafft eine ganz andere Atmosphäre, und plötzlich können Beteiligte sachlich miteinander reden.“ Allerdings, so der Richter, sei der Inhalt dieser nicht öffentlichen Verhandlungen nicht vergleichbar mit dem, was beispielsweise im Fernsehen gezeigt werde. „Das hat nichts mit der Realität zu tun.“

Im Strafrecht funktioniert die Entschuldigungsblume natürlich nicht. Da geht es um die Durchsetzung des staatlichen Bestrafungsanspruchs. Für Pietryka schließt dies im Gerichtssaal allerdings höflichen, zivilisierten und vernünftigen Umgang miteinander nicht aus. Überhaupt ist der Weißwasseraner Amtsgerichtsdirektor der Meinung, dass Vernunft, diplomatisches Vorgehen, Transparenz und Offenheit, genauso wie die Aktenkenntnis, zu einer Verfahrensführung gehören. Dies stellt er auch in Weißwasser unter Beweis. Doch während sich Christoph Pietryka in Bautzen mit Fällen aus Zivil-, Familien- und Nachlassreferaten befasste, hat er in Weißwasser aktuell nur Strafsachen auf dem Tisch. Somit kann er sich zwar auf ein Rechtsgebiet konzentrieren. „Allerdings ist derzeit sehr viel zu tun, und ich hoffe, dass es sich bis Ostern 2021 etwas legt.“

Corona als Herausforderung

Denn Gerichtsarbeit in Zeiten der Pandemie sei für alle Beteiligten eine besondere Herausforderung. Erst recht, wenn an allen Wochentagen von 8 Uhr morgens bis spät nachmittags verhandelt werde, manchmal bis zu 20 Zeugen zu vernehmen seien. „Wegen der Hygiene- und Abstandsregeln können wir meist nur im großen Saal verhandeln. Wir müssen ständig lüften und Pausen einlegen. Richter, Schöffenrichter, Staatsanwalt, Verteidiger, Angeklagter sitzen voneinander abgeschirmt in Glaskanzeln. Dort ist es eng und stickig, Akten haben keinen Platz, können nicht einfach weitergereicht werden. Man muss trotz Mikrofon sehr laut sprechen. Mimik und Gestik gehen wegen des Mund-Nase-Schutzes verloren. Doch sie sind wichtig bei der Frage der Glaubwürdigkeit von Zeugen oder Angeklagten. „Das alles ist anstrengend, erschwert die Konzentration“, umschreibt der Gerichtsdirektor den Justizalltag. Hinzu komme, dass der eine oder andere Staatsanwalt oder Verteidiger durch Krankheit oder Quarantäne ausfalle, die Leute andererseits ihre Verfahren oder Akten geschlossen haben und nicht lange Zeit auf Urteile oder Verfahrenseinstellungen warten wollen. Zwar wird auch am Amtsgericht auf Homeoffice und Online-Arbeit gesetzt. Beispielsweise bei der Bearbeitung von Verkehrsunfällen, Grundbuch- und Nachlasssachen. Alles andere muss aber weiter im Gerichtssaal stattfinden.

Christoph Pietryka findet in dieser schwierigen Zeit persönlich Halt und Entspannung in der Kunst. Der Blick auf die Wände seines Büros, die inzwischen voll mit farbenfroher, moderner Kunst hängen, hilft ihm bei der Arbeit. Es ist sein Kontrastprogramm zu den vielen Kisten voller Akten in seinem Amtszimmer.

40 Anklageschriften am ersten Tag

„An meinem ersten Arbeitstag habe ich 40 Anklageschriften zusammengestellt“, erzählt er. Und auch, dass er noch keinen Tag in seinem Berufsleben als langweilig empfunden habe. „Kürzlich hatte ich hier in Weißwasser einen fantastischen Fall über eine Gulaschkanone. Es war mein erster Gulaschkanonenfall und zudem ein sehr kurioser Fall, obgleich ich schon drei Urteile zu gebrauchten Klo-Deckeln schrieb, über die sich Leute stritten, oder zum Diebstahl eines Deos im Wert von 1,45 Euro.“

Kuriositäten seien aber eher die Ausnahmen. Oft gehe es um Trunkenheit im Straßenverkehr, Auseinadersetzungen im Milieu, Drogendelikte. Immer öfter gebe es auch Beleidigung von Polizeibeamten oder Betrügereien. „Da werden Handys bis zu 50 Mal verkauft und keiner kommt auf den Gedanken, erst nach Wareneingang zu bezahlen.“ In einem solchen Fall habe er die Auflage erlassen, dass der Geschädigte bis Heiligabend sein Geld zu bekommen hat, um „den Glauben an das Gute im Menschen“ wieder zu erlangen. So stehe es sogar im Protokoll. „In einem anderen Betrugsfall habe ich kürzlich sogar wie auf dem türkischen Basar über die Strafsumme verhandelt. Das ist nicht verboten und letztlich kamen 1.000 Euro für die Tafel in Weißwasser heraus. Ich dachte da einfach nur an die armen Menschen und einen Weihnachtsbraten für sie.“

So sympathisch kann Justizia sein.

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