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Der Verkauf des alten Bauhofs ist vom Tisch

Das Ringen um den Erhalt hat die Schleifer Vereine zusammengeschweißt. Jetzt gibt‘s ein Konzept – und sogar ein Logo.

Thomas Schwarz (Kunstverein) freut sich mit InterimsBürgermeister Jörg Funda, Ortsvorsteher Wolfgang Goldstein (v.li.) und Mitgliedern anderer Vereine über Geld des Mitmach-Fonds.
Thomas Schwarz (Kunstverein) freut sich mit InterimsBürgermeister Jörg Funda, Ortsvorsteher Wolfgang Goldstein (v.li.) und Mitgliedern anderer Vereine über Geld des Mitmach-Fonds. © Joachim Rehle

Im Garten des alten Bauhofs Schleife sitzen Frauen und Männer bei Kaffee und Kuchen, lauschen einer Lesung oder einem kleinen Konzert. Zugegeben, das klingt nach Zukunftsmusik. Was aber vor allem an der Jahreszeit liegt. Denn so weit hergeholt ist die Idee nicht – seit es das Vorhaben gibt, das Objekt zu einer Vereins- und Begegnungsstätte auszubauen. Das jedenfalls haben die acht Vereine vor, die den alten Bauhof regelmäßig nutzen. An die 100 Menschen gehen dort ihren Hobbys nach.

DDR-Charme kein Hindernis

Eigentlich war vorgesehen, dass in dem ehemaligen Gemeindeamt ein Umsiedler aus Mühlrose ein Gewerbe betreiben könnte. Bis dahin durften es Schleifer Vereine nutzen. Ein Interessent aus Mühlrose fand sich nie. Verkauft werden sollte die Immobilie aber trotzdem. Im alten Gemeinderat geisterte die Zahl von einer Million Euro für eine Sanierung herum. Geld, was die Gemeinde Schleife nie und nimmer hat. Was aber, so hat sich inzwischen herausgestellt, auch gar nicht notwendig ist. „Wir brauchen kein neues Vereinsheim“, darin sind sich alle acht Vereine einig. Sie könnten sehr wohl mit dem DDR-Charme leben, den das Gebäude ausstrahlt, betont Thomas Schwarz vom Kunstverein.

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Die Ungewissheit sorgte für viel Unmut. Doch das ist jetzt ad acta gelegt. „Der Verkauf ist definitiv vom Tisch“, versichert Interims-Bürgermeister Jörg Funda (CDU) auf Nachfrage von Tageblatt. „Im alten Bauhof finden so viele Aktivitäten statt. Da wäre es das Falscheste, das Objekt zu verkaufen“, erklärt er. Er selber sei von der Atmosphäre der Solidarität, der Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe begeistert. Thomas Schwarz bestätigt das seitens der Vereine. „Das Bestreben, das Objekt als Vereinsheim zu erhalten, hat uns zusammengeschweißt“, bekräftigt er nachdrücklich.

200 Helfer beim Arbeitseinsatz

Das zeigte auch ein Arbeitseinsatz im Juli. An die 200 Helfer – viele Vereinsmitglieder brachten Familie und Freunde mit – rückten mit vereinten Kräften der Verwilderung im Außengelände zu Leibe und bepflanzten anschließend die Grünflächen neu. Seither wurde aber auch im Inneren des Gebäudes fleißig Hand angelegt. Die Heizung wurde überprüft, das Dach repariert, die ersten Fenster wurden ausgetauscht. Der Fußboden in dem großen Raum im Erdgeschoss, der einst als Standesamt diente, wurde abgeschliffen. In dieser Woche wird renoviert und danach eine neue Küche eingebaut. Diese stammt übrigens aus dem Hauswirtschaftskabinett der alten Schule. In dem Vereinsheim wird sie noch gute Dienste leisten.

Für die ersten Maßnahmen zur energetischen Sanierung nutzt die Gemeinde Schleife 12.000 Euro aus der Kommunalpauschale. Damit könnten Kosten für die Gemeinde wie auch die Vereine begrenzt werden. Jetzt, da es ein Konzept und den guten Willen aller gibt, ist sich Jörg Funda sicher, noch andere Finanzquellen finden und anzapfen zu können. In jedem Fall ist der alte Bauhof ein Schwerpunkt im Dorfentwicklungskonzept von Schleife.

Bei einem Verkauf des Objekts hätten die Vereine nicht gewusst, wohin. Kurzzeitig diskutierte Alternativen schienen allesamt ungeeignet. Insofern bestand die Gefahr, dass ein nicht unwesentlicher Teil des dörflichen Lebens verschwindet. Dass sie jetzt aufatmen können, setzt Ideen und Kräfte frei – erst recht in diesem, alles andere als gewöhnlichen Corona-Jahr, wo lange Zeit in Vereinen gar nichts passierte.

Diese Vereine und Gruppen finden hier Platz:

Brauchtumsverein Schleife: „Es ist schon viel geworden, weil alle mit anfassen“, freut sich Richard Masula vom Brauchtumsverein. Dieser nutzt seit 2003 einen Raum für seinen Fundus. Die 22 Mitglieder organisieren zum Beispiel das Zampern in Schleife und packen bei ihrem Durchschnittsalter von 30 Jahren bei der Renovierung handwerklich mit an.

Powerfrauen: Die Powerfrauen nutzen den Bauhof noch länger. Im Jahr 2000 fingen sie als eine Außenstelle des Arbeitslosenvereins an. Diese war nach Einführung von Hartz IV geschlossen worden. „Wir waren eine gute Truppe und wollten nicht einfach so auseinandergehen“, erzählt Marlies Meisel. Zwar in die Jahre gekommen, treffen sich die zwölf Powerfrauen, die sich der Domowina angeschlossen haben, noch immer regelmäßig. Kein Oster- oder Herbstmarkt findet ohne ihre Kuchen statt.

Kunstverein Schleife: Dem Kunstverein gehören fünf aktive und etliche stille Mitglieder an. Er ist aus dem großen Raum im Erdgeschoss ins Obergeschoss gezogen. Vor Jahren malte man noch gemeinsam. Jetzt gehe man anders heran und brauche damit nicht mehr so viel Platz, sagt Thomas Schwarz.

Historikverein Schleife: Er besteht seit 2015, kümmert sich um die Bewahrung der alten Feuerwehrtechnik, wie beispielsweise die beiden LOs. In einer Halle wird derzeit ein Barkas wieder flott gemacht. Mit ihrer Gulaschkanone sorgten die 23 Mitglieder schon bei unzähligen Veranstaltungen für das leibliche Wohl. Nachdem Corona bedingt in diesem Jahr viel ausgefallen ist, sind sie froh, dass sie im alten Bauhof jetzt eine Perspektive haben – und mit der Reparatur der Heizung auch Wärme und Wasser. „Die Motivation ist groß, die Ideen sind es ebenso“, sagt Vorsitzender Detlef Schulz. Etwa, was gemeinsame Aktionen mit Kita und Hort angehen.

Seniorengemeinschaft: Sie hat ihre Wurzeln in der Volkssolidarität. Nach der Wende war die Arbeit eingeschlafen, wurde 2015 aber wieder neu belebt. Die 35 Senioren treffen sich eigentlich noch im Vereinslokal am Jahnring. Sie wollen aber gerne in den alten Bauhof umziehen und „werkeln deshalb schon fleißig mit“, erzählt Petra Nakoinz.

Stickzirkel: Den gibt es schon seit DDR-Zeiten. Die zehn Frauen um Reni Linemann treffen sich jeden Donnerstag. Sie sticken sorbische Motive im Kreuzstich. Auf Anregung von Ortsvorsteher Wolfgang Goldstein stricken sie aber auch Babyschühchen als Willkommensgruß für die jüngsten Schleifer.

Heimatverein Schleife: Seit 2017 nutzt er den alten Bauhof. Seine 19 Mitglieder mit einem Durchschnittsalter von 56 Jahren pflegen ländliche Traditionen, arbeiten mit Kindern und Senioren, veranstalten das Familienfest am Dorfanger und viele andere Höhepunkte, so Roland Richter. Beim Verein hält man die Fäden für den Küchenumbau zusammen.

Keramikzirkel: Nach der Räumung der alten Schule Schleife, die abgerissen wird, war die Zukunft für den Keramikzirkel ungewiss. Der Töpferkurs findet im alten Bauhof sein Domizil.

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Zu Weihnachten wird gefeiert

Die Ideen von einer Vereins- und Begegnungsstätte „Alter Bauhof“ Schleife sind viel konkreter geworden. Ein generationsübergreifendes Miteinander soll es sein. Das Konzept überzeugt – in Schleife selber, aber auch Außenstehende. Aus dem Mitmach-Fonds des Freistaats bekommen die Vereine dafür 5.000 Euro. „Damit kann man nicht allzu viel anfangen, aber es ist ein toller Ritterschlag für das Projekt“, freut sich Thomas Schwarz. Denn es passiert viel in Eigenleistung. Auch gebe es Anfragen anderer Vereine und Gruppen, die sich sporadisch einmieten würden.

Mit Angeboten für groß und klein in einem Generationentreff, so ist man sich sicher, könnten viel mehr Interessenten in Schleife und Umgebung angesprochen – und womöglich neue Mitglieder gewonnen werden. Nachwuchs fehlt ihnen allen.

Für die bisher ungenutzte Toilette im Hof wurde ein Fördermittelantrag gestellt. Der behindertengerechte Ausbau ist eine der Voraussetzungen, um im Hof Feste feiern zu können. „Wenn die Bedingungen für öffentliche Veranstaltungen gegeben sind, kann man weiterdenken“, blickt Roland Richter voraus. Die Unterstützung aus dem Ortschafts- und dem Gemeinderat ist den Vereinen gewiss. Sogar ein Logo für die Vereins- und Begegnungsstätte „Alter Bauhof“ gibt es schon. Es symbolisiert die enge Verbindung des Deutschen und Sorbischen in Schleife. Noch in diesem Jahr könnte das Logo ganz offiziell präsentiert werden: Wenn die ersten Weihnachtsfeiern im „Alten Bauhof“ stattfinden.

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