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„Die Angst fährt jetzt immer mit“

Corona ist ein unberechnbarer Teufel, weiß Notfallsanitäter Daniel Jakubik aus Schleife. Abschalten kann er bei seinem Hobby, der Natur- und Wildtierfotografie.

Daniel Jakubik ist Notfallsanitäter. Seine Freizeit nutzt er gern, um in der Natur Wildtiere zu fotografieren. Das Hobby hilft ihm, vom Alltag abschalten zu können.
Daniel Jakubik ist Notfallsanitäter. Seine Freizeit nutzt er gern, um in der Natur Wildtiere zu fotografieren. Das Hobby hilft ihm, vom Alltag abschalten zu können. © Silke Richter

Daniel Jakubik aus Schleife ist Notfallsanitäter und Praxisanleiter. Der 45-Jährige arbeitet seit zwanzig Jahren im medizinischen Bereich in dem Leben und Tod eng beieinander liegen. Der Umgang mit dem Corona-Virus bringt neue Herausforderungen mit sich, die es täglich zu meistern gilt. Darüber spricht Daniel Jakubik im Tageblatt-Interview mit Silke Richter.

Leben und Tod spielen in Ihrem Berufsalltag immer eine große Rolle. Warum haben Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden?

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Ursächlich war tatsächlich ein sehr tragisches Ereignis. Meine große Liebe starb auf tragische Weise und mein bisheriges Leben, wie man es als junger Mensch so kennt, geriet komplett aus den Fugen. Nichts war mehr, wie vorher. Von einer Minute auf die andere ist mein unbeschwertes, oft noch kindliches Ich verschwunden und ich stand an einem Scheideweg. Weiter wie bisher ging nicht. Ich brauchte eine komplette Umstrukturierung meines Lebens, um aus dem tiefen Tal zukommen.

Den Weg dahin sahen Sie in einem medizinischen Beruf?

Schon immer interessierten mich der Rettungsdienst und die Medizin allgemein. Bis zum damaligen Zeitpunkt hatte ich mein Potenzial als solches aber noch nicht erkannt. Dann traf ich eine Entscheidung, die mein Berufsleben völlig verändern sollte. Ich entschloss mich, meinen bisherigen Job zu kündigen und eine Ausbildung zum Rettungsassistenten zu beginnen. So kam ich ins „Blaulichtmilieu“ und entwickelte einen hohen Ehrgeiz, denn ich wollte sehr gute, professionelle Arbeit leisten, um anderen Menschen helfen zu können. Diesen Ehrgeiz und Anspruch habe ich auch heute noch an mich selbst, auch wenn es immer wieder Phasen im Berufsleben gibt, in denen man sich motivieren muss. Mein Beruf macht mir aber nach wie vor Spaß und diese Einstellung versuche ich auch an meine Azubis weiterzugeben, die ich als Lehrausbilder betreue.

Gab es Situationen, in denen Sie auch außerhalb Ihrer Arbeit Erste Hilfe Maßnahmen leisteten?

Ehrenamtlich in der Feuerwehr gab es das so manches Mal. Oft stehe ich auch als eine Art Telefon-Ratgeber zur Verfügung, die Leute rufen mich einfach an, wenn sie sich unsicher sind oder Hilfe brauchen. Das nervt manchmal schon etwas, anderseits freue ich mich, dass mein Rat so gefragt ist im Ort. Es kam auch schon vor, dass ich aufgrund der geschilderten Situation den Rettungsdienst über die Rettungsleitstelle (112) alarmierte und spontan als Ersthelfer zum Notfallort fuhr. Ein besonders tragischer Fall bleibt mir dabei für immer im Gedächtnis. Während einer Hochzeitsfeier kollabierte der Brautvater und musste reanimiert werden. Trotz schneller Wiederbelebungsversuche und weiterführender invasiver Behandlung durch den Rettungsdienst konnte er leider nicht ins Leben zurückgeholt werden.

Wie gestaltete sich Ihr Arbeitsalltag vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie?

Ein Dienst dauert 24 Stunden und der Wachablauf setzt sich zusammen aus Material- und Ausstattungsüberprüfungen, Reinigung, Desinfektion und anderen organisatorischen Tätigkeiten. Einen wichtigen Stellenwert hat die praktische Ausbildung der angehenden Notfallsanitäter. Das alles natürlich nur bis zu dem Zeitpunkt, bis der Funkmelder uns zum Einsatz alarmiert. Innerhalb einer Minute müssen wir ausrücken und das jederzeit, egal was wir gerade so machen. Die Anzahl der Einsätze pro Dienst ist nicht vorhersehbar, mal sind es vier, manchmal auch zehn. Man weiß nie, was einen erwartet und immer wieder erlebt man Dinge, die man so nicht für möglich hält. Vielleicht ist das auch der Reiz unseres Berufes, der einem auch emotional manchmal viel abverlangt.

Was hat sich in Ihrem Arbeitsalltag im Zuge der Pandemie verändert?

Vieles. Als erstes ist der Tagesablauf an sich anders, denn auch bei uns oder insbesondere bei uns gelten natürlich auch die AHA-Regeln, also: Abstand, Hygiene, Arbeitsmaske. Ansonsten ist in letzter Zeit eine immer höher werdende Zahl an Einsätzen mit Covid-19-Erkrankten zu verzeichnen, die aufgrund der Schutz- und Desinfektionsmaßnahmen etwas beschwerlicher sind und auch wesentlich länger dauern als ein normaler Einsatz.

Was bleibt Ihnen besonders im Gedächtnis haften?

Insbesondere die Schwere der Erkrankung bei manchen Patienten und die eigene Hilflosigkeit wirken nach.

Haben Sie selbst auch Ängste und wie verkraften Sie Ihre Arbeit in der momentanen Situation?

Na klar habe ich auch Ängste, insbesondere um meine Angehörigen. Die Ansteckungsgefahr im Dienst ist sehr hoch und die Krankheit ein absoluter Teufel, der unberechenbar ist. Mal mild, mal schwer, mal tödlich – man weiß vorher nicht, zu welcher Gruppe man gehört. Deshalb fährt die Angst zurzeit immer mit und ich schütze mich generell lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.

Was tun Sie, um in Balance zu bleiben und ausgeglichen zu sein?

Mein Ausgleich ist meine Familie – meine Freundin, die Kinder und meine Tiere. Wir leben mit unserer Hündin Polly, zwei Katzen und noch anderen Tieren zusammen. Was mich auch sehr erdet, ist mein Hobby, die Natur- und Wildtierfotografie. Da kann ich abschalten, den Alltag vergessen – da bin ich voll in meinem Element.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Ich hoffe, dass sich alles wieder normalisiert und dass die Menschen wieder anfangen, normal miteinander umzugehen. Respekt, Solidarität und Empathie sind allesamt wichtige Werte, die scheinbar verloren gehen. Aber soe sollten wieder eine Rolle spielen. Nur gemeinsam sind wir stark.

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