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„Die Weichen hätte man viel früher stellen müssen“

Bürgermeister Waldemar Locke über Strukturwandel, Umsiedlung und die tiefen Gräben in der Gemeinde Trebendorf.

Bürgermeister Waldemar Locke ist ehrenamtlicher Gemeindechef von Trebendorf. Er hofft auf Rückkehr zu mehr Normalität.
Bürgermeister Waldemar Locke ist ehrenamtlicher Gemeindechef von Trebendorf. Er hofft auf Rückkehr zu mehr Normalität. © Constanze Knappe

Ein weiteres Jahr voller Herausforderungen hat die Gemeinde Trebendorf gemeistert. Dennoch lagen bei manchen Einwohnern wegen der Corona-Pandemie oder bergbaubedingten Fragen die Nerven blank. Und 2021 stellt die Menschen noch weiter auf eine Geduldsprobe. Was das für die Gemeinde bedeutet, erklärt deren Bürgermeister Waldemar Locke (CDU).

Herr Locke, Corona schränkt das Leben der Menschen ganz gehörig ein. Wie beeinflusst das die Gemeinde?

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Wir haben einen gewissen Stillstand im kommunalen Bereich. Im März 2020 mussten wir sogar unsere Kita schließen. Das gab es vorher noch nie. Das Vereinsleben ist komplett zum Erliegen gekommen, was ich sehr bedaure. Welche Folgen das für die Gemeinde Trebendorf hat, ist noch nicht absehbar. Leider darf ich auch keine Bürgersprechstunden halten. Es soll alles möglichst per Mail erledigt werden. Der persönliche Kontakt zu den Bürgern ist mir trotzdem wichtig. Zudem besteht in der Digitalisierung im ländlichen Raum noch immer Nachholebedarf. Klein Trebendorf wird erst 2022 ans Glasfasernetz angeschlossen. Dabei waren wir drei Bürgermeister von Schleife, Groß Düben und Trebendorf unter den ersten, die 2017 in Berlin den Zuwendungsbescheid für das schnelle Internet abholen durften. Seither sind wir nur beweihräuchert worden. Mich ärgert das. Die Bürger haben kein Verständnis dafür.

Als im September die ersten zwei Häuser in Mühlrose abgebaggert wurden, war die Stimmung sehr aufgeheizt. Dabei wünschten sich die meisten Einwohner nichts sehnlicher, als in Ruhe gelassen zu werden. Wie ist der Stand?

Als wir im März 2019 den Umsiedlungsvertrag unterschrieben haben, gab es viel Für und Wider. Ich bekam nicht nur einmal den Vorwurf zu hören, dass wir das Dorf verkauft hätten. Es ging ein tiefer Riss durch den Ort. Die einen wollten weg, andere bleiben. 2020 entschlossen sich dann Leute, die eigentlich bleiben wollten, doch zu gehen. Mittlerweile haben die meisten damit abgeschlossen. Lediglich zwei bis drei Familien sind noch in der Findung. Ich denke, das alte Mühlrose ist Geschichte. Man sieht ja, wie der neue Ort wächst.

Als Bürgermeister wurden Sie nicht nur wegen der Umsiedlung angefeindet. Auch im Gemeinderat haben sich tiefe Gräben aufgetan. Wie schwer ist es, ein Bürgermeister für alle zu sein?

Als ich mich im September 2017 der Wahl gestellt habe, wusste ich, dass es schwer wird. Schon im Wahlkampf bekam ich die ganze Wucht des Gegenwinds zu spüren. Seither ist es nicht leichter geworden. Mit unzähligen Dienstaufsichtsbeschwerden wurde viel Zwietracht gesät. Kritik gehört zur Demokratie. Es ist gut so, dass jeder seine Meinung hat, und die muss auch ausgesprochen werden. Aber wenn Leute zu einer Demo vor dem Gemeinderat aufgehetzt werden und ich die Räte, die in sozialen Medien als Ratten beschimpft werden, schützen muss, dann ist eine Grenze überschritten. Dass Menschen hier bei uns so schräg drauf sind, das hätte ich mir nie vorstellen können. Sie schaden aber nicht in erster Linie mir, sondern dem Ansehen der Gemeinde, die immer wieder in die Schlagzeilen gerät, und unseren Bürgern. Die Stimmungsmache hat schon vor Jahren begonnen. Leider wurde das Frühwarnsystem nicht erkannt. Und eigentlich haben wir doch auch ganz andere Probleme.

Finanzieller Art zum Beispiel. Wie steht es denn um den Haushalt?

Durch Corona und andere Krankheitsfälle ist die Verwaltung stark dezimiert. Das erschwert die Vorbereitung des Haushalts. Bei einem Defizit von 200.000 Euro kann man keine Sprünge machen. Wir leben vom Selbstverzehr und können bloß noch Löcher stopfen. Ich möchte im Februar mit den Räten in Klausur gehen. Wir haben in der Haushaltkonsolidierung im vorigen Jahr 40.000 Euro eingespart. Mehr geht nicht. Sonst bekämen wir einen kompletten Stillstand, und das will doch auch keiner. Wenn irgendwie möglich, wollen wir eine Steuererhöhung vermeiden. Um die Erhöhung der Elternbeiträge kommen wir wegen der steigenden Ausgaben jedoch nicht herum. Wir sind froh, dass wir die Kita haben. Aber es ist eben auch die Einrichtung, die am meisten Geld kostet.

Wegen der finanziellen Lage rät die Kommunalaufsicht dringend zur Eingemeindung. Treiben Sie die voran?

Jeder, der nach Trebendorf kommt, staunt, wie schick hier alles ist. Aber das hat auch seinen Preis. Während andere Kommunen Ausgaben von 1.200 Euro pro Kopf haben, sind es bei uns 1.800 Euro je Einwohner. Es wird immer schwerer, das zu stemmen. So richtig in Schieflage gerieten wir durch die 1,3 Millionen Euro Steuerrückzahlung. Die Umsiedlung von Mühlrose gibt uns nun den Rest. Mit den dann noch verbleibenden 650 Einwohnern wird uns gar keine andere Wahl bleiben als die Eingemeindung. Ich habe immer gesagt, dass ich mich nicht dagegenstellen werde. Dennoch bin ich für alternative Vorschläge offen.

Trebendorf gehört zu den Kommunen, die vom Strukturwandel am meisten betroffen sind. Wie groß sind die Hoffnungen?

Einen Strukturbruch hatten wir schon seit der Wende, als im Bergbau 60.000 Leute entlassen wurden. Die Weichen hätte man viel früher stellen müssen. Als Vattenfall wegging, hätte das der Weckruf sein müssen. Trebendorf wartet auf den Strukturwandel. Doch wer kommt schon ohne direkte Anbindung an das Autobahnnetz hierher? Dem kleinen Mittelstand läuft das Personal weg, weil die neue Bafa-Behörde in Weißwasser andere Möglichkeiten bietet. Wir brauchen hier Industrie. Aber da wurden viele Rauchbomben gezündet. Ich will nicht pessimistisch sein. Grundstücke gibt es bei uns. Wir haben mit dem Bebauungsgebiet am Kranichweg ein tolles Wohngebiet. Ich bin froh, dass drei Interessenten in unserer Gemeinde bauen, weitere vier haben das 2021 vor. Allerdings dauert alles viel länger, weil die Banken wegen Corona mehr Sicherheiten verlangen.

Was hat die Gemeinde 2021 vor?

Eine Ausbildungsstätte für unsere sehr aktive Jugendfeuerwehr. Die Feuerwehr lebt ja von ihrem Nachwuchs. Das Projekt wollen wir mit Mitteln aus dem Strukturstärkungsgesetz realisieren. In Klein Trebendorf beginnt der Abwasserbau. Nach dem Ausbau des Glasfasernetzes müssen dort die Straßen saniert werden. Ideen gibt es ja genug, aber viel mehr gibt der Haushalt nicht her. Ich freue mich sehr darüber, dass die historische Lehmfachscheune aus Hinterberg in die Dorfmitte von Trebendorf umgesetzt wird. Das macht aber die Leag, die Gemeinde ist finanziell nicht beteiligt.

Bleibt da überhaupt noch Spielraum für freiwillige Leistungen?

Gar nicht, wenn man nach der Haushaltslage geht. Zuerst stehen die Pflichtaufgaben an. Darüber hinaus haben wir schon lange nicht mehr den Spielraum, den man hier gewöhnt war. Mit der Kommunalpauschale konnten wir einiges tun. Das Programm ist ausgelaufen. Ob es 2021 einen Nachschlag gibt, ist völlig ungewiss. Deshalb ist auch die Öffnung des Schwimmbads Mühlrose 2021 noch nicht in trockenen Tüchern.

Das gilt wohl auch für das Haus der Vereine. Im März soll ja nun das Urteil im Rechtsstreit zwischen dem Sportverein SV Fortuna Trebendorf sowie der Gemeinde fallen. Was erwarten Sie?

Es ist zweifellos unschön, dass der Sportverein die Gemeinde verklagt hat. Aber mit dem Urteil bekommen wir endlich Rechtssicherheit, was die Auszahlungen an den Sportverein zur Bewirtschaftung des Hauses der Vereine angeht. Die Gemeinde Trebendorf hält sich auch weiter an den Betreibervertrag – ohne Wenn und Aber.Was wünschen Sie sich für 2021?Ich hoffe sehr, dass sich die Situation beruhigt und wir alle miteinander wieder zu einer gewissen Normalität finden. Und natürlich wünsche ich mir für meine Familie und mich, dass wir alle gesund bleiben.

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