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Friedhof Reichwalde wird eine Stätte der Begegnung

Vor allem mit der Natur. Dafür wurden auf der Südseite 42 Bäume und 120 Sträucher gepflanzt. Möglich machte das die Fielmann-Stiftung.

Steffen Krausche an der neuen Bank auf Büchern, dem ersten Schritt zur Begegnung. Sie wurde aus den gefällten Eichenstämmen gebaut.
Steffen Krausche an der neuen Bank auf Büchern, dem ersten Schritt zur Begegnung. Sie wurde aus den gefällten Eichenstämmen gebaut. © Constanze Knappe

Nur ein paar Schritte abseits des Mittelwegs des Friedhofs Reichwalde könnte man fast vergessen, dass es sich um einen solchen handelt. Und das ist auch so gewollt. Der Friedhof soll als eine „Stätte der Begegnung“ attraktiver werden und einen neuen Raum-Eindruck vermitteln. Seit anderthalb Jahren läuft ein Projekt zu einer parkähnlichen Neugestaltung.

Die Idee dazu erwuchs aus der Tatsache heraus, dass der gut einen Hektar große Friedhof für Reichwalde längst zu groß geworden ist. Früher gehörten noch Ortsteile wie Schäferei, Ziegelei oder Wunscha dazu, die es zum Teil gar nicht mehr gibt. Zudem sind etliche jüngere Leute weggegangen, mitunter die Eltern später hinterhergezogen. Es wird im Vergleich zu früheren Zeiten quasi weniger gestorben.

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Was tun?, war im Sommer 2019 die Frage. Der Gemeindekirchenrat suchte nach einer alternativen Nutzung – auch, um den Pflegeaufwand zu minimieren. Steffen Krausche schlug vor, auf einem Teil der Fläche Bäume und entlang der östlich-westlichen Friedhofsmauer Sträucher zu pflanzen. Die neue Bepflanzung bringt Blütenpracht im Frühjahr, verbessert im Sommer das Kleinklima und erfreut im Herbst die Besucher mit der Färbung des Laubs. Eigentlich ist der Revierförster des Forstreviers Klitten gar nicht für Reichwalde zuständig. Aber da er schon mal selber in dem Ort wohnt, und das seit 27 Jahren, bot es sich an, die Kompetenz des diplomierten Forstingenieurs zu nutzen. In dem für den Kirchenwald mitverantwortlichen Wilfried Hottas war schnell ein engagierter Mitstreiter gefunden.

Alte Bäume mussten weichen

Mit einer Drohne machte sich Steffen Krausche erst einmal ein Bild von den Gegebenheiten. Nach der Wende war auf dem Friedhof schon einiges getan, beispielsweise ein Rundweg angelegt worden. Obwohl seither höchstens 20 Jahre vergangen sind, hat sich die Natur gewissermaßen gekümmert. Der Weg war vermoost und zum Teil zugewachsen. Auf dem sandigen Standort war zwar regelmäßig gemäht, aber auch das Mahdgut entfernt worden. Damit wurden dem Boden noch mehr Nährstoffe entzogen. Einige der großen Rot-Eichen mussten im Januar/Februar 2020 gefällt werden, da sie auf Grund ihres Alters und der deswegen ausgeprägten Bildung von Trockenästen zu einem Sicherheitsrisiko geworden waren. Mit einer Stubbenfräse des Forstunternehmens Klauke wurden sämtliche Überbleibsel entfernt. Der Aufwand des Fällens sei nun mal geringer, als alle zwei Jahre mit der Bühne hochzufahren, um die Kronen auszuästen, sagt Steffen Krausche. „Aber es ist immer ein Spagat der Verhältnismäßigkeit“, betont er.

Inzwischen sind nicht nur einige alten Bäume entfernt worden und der vorhandene Rundweg wieder hergestellt, der noch ergänzt werden soll. Mit einer Pflanzaktion schufen 15 freiwillige Helfer aus Reichwalde die Voraussetzungen für die neue Gestaltung des Friedhofs. Bei dem Arbeitseinsatz im vergangenen Herbst wurden 42 Pflanzlöcher – zumeist mit Muskelkraft – ausgehoben. Die Bäume mit den schon recht stattlichen Wurzelballen mussten mit einem Minibagger, dessen Einsatz die Firma Herz-Heizung ermöglichte, in die Erde gehievt werden: alles in allem 22 Winterlinden, acht Hainbuchen, sechs Sandbirken und sechs Ahorne. Mit der Mischung sollte nach den Worten von Steffen Krausche zum einen Struktur und zum anderen der Charakter eines Friedwalds geschaffen werden. Außerdem wurden 120 Sträucher wie Schneeball, Schlehe und Hundsrose gepflanzt, und zwar vorwiegend doppelreihig entlang der Friedhofsmauer. Wenn sie etwas größer gewachsen sind, werden sie den grauen Beton der Friedhofsmauer optisch verschwinden lassen.

Perspektivisch ein Friedwald

Die entstehende parkähnliche Anlage könnte perspektivisch als Friedwald genutzt werden, so die Idee von Steffen Krausche. Die prägende, über 80 Jahre alte Rot-Eiche am Eingang blieb erhalten. Mit einigen neuen Bäumen wurde die alleeförmige Gestaltung am Hauptweg ergänzt. Ausdrücklich habe man sich für Linden entschieden, weil sie das Symbol der Sorben sind.

Möglich wurde die Pflanzaktion durch eine Förderung der Fielmann-Stiftung. Seit Jahrzehnten engagiert sich das Unternehmen im Umwelt- und Naturschutz und pflanzt jedes Jahr für jeden Mitarbeiter einen Baum. Bis heute sind es mehr als 1,6 Millionen Bäume und Sträucher. Steffen Krausche hat seit mehreren Jahren Kontakt zu der Stiftung. Als Revierförster betreut er das Waldschulheim in Halbendorf/Spree und hat dort, gefördert von der Stiftung, mit Kindern mehrfach den „Baum des Jahres“ gepflanzt. Nachdem er die Unterlagen zur Neugestaltung des Friedhofs Reichwalde eingereicht hatte, ging es zu seiner eigenen Überraschung ganz schnell. Es gab „grünes Licht“ aus Hamburg und obendrein eine hundertprozentige Finanzierung der Pflanzaktion. Filialleiter Matthias Jahny in Weißwasser freut sich über das Fielmann-Engagement in der Region. „Ein Friedwald ist ein Ort der Ruhe, aber auch der Begegnung. Der Baum ist Symbol des Lebens, Naturschutz eine Investition in die Zukunft“, erklärt er. Die symbolische Scheckübergabe musste zwar wegen der Corona-Pandemie ausfallen, dem Projekt selbst tat dies jedoch keinen Abbruch.

Gießwasser aus dem Brunnen

„Alle Pflanzen sind nach dem kühlen und feuchten Frühjahr sehr gut angegangen“, so Steffen Krausche. Auf Stützpfähle wurde verzichtet, da die Bäume stabil genug sind und der Wind nur selten von Süden weht. Inzwischen wurden noch Mulchscheiben gelegt, um das Wasser- und Nährstoffangebot zu verbessern. Am Wegekreuz bei den Rhododendren wurde mit Hilfe von Gerd Mirle ein neun Meter tiefer Filterbrunnen gebohrt, der das Gießwasser liefert. Zweimal die Woche bewässert ein Mitarbeiter der Kirchgemeinde mit dem Schlauch die jungen Bäume. Nährstoffe wie Kalk und Mist sponsert die Niederschlesische Agrargenossenschaft Reichwalde. Sie hat der Kirchgemeinde schon öfter mit Technik bei Pflegearbeiten an den Gehölzen geholfen.

Noch wirken die hochstämmigen Bäume ein bisschen verloren. In zehn Jahren, so schätzt Steffen Krausche, werden sie eine relativ geschlossene Einheit bilden. Und er ist sich sicher, dass bis dahin der Gedanke eines Friedwalds weitere Freunde findet.

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