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Gablenzer sind von Bibern genervt

Die Tierpopulation nimmt stetig zu. Das ist ein Problem für viele. Doch Lösungswege sind langwierig und schwierig.

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A © Felix Heyder/dpa (Symbolbild)

Wer einen Biber beim Spielen, Schwimmen und Bauen in freier Wildbahn sieht, wird begeistert sein. Solche Beobachtungen sind selten, da Biber meist dämmerungs- und nachtaktiv sind.

Doch Bibersichtungen in unserer Region sind nicht ungewöhnlich. Entlang der Neiße, an Teichen, Bächen wie der Räderschnitza sind die streng geschützten Tiere längst wieder heimisch, steigt die Population. Was Natur-, Umwelt- und Tierschützer freut, stellt Einwohner, Landwirte, Forst und Kommunen vor vielfältige Probleme. Nicht nur, weil die tierischen Baumeister in ihren Revieren den Baumbestand „umsägen“, um Dämme und Burgen zu bauen. Sie stauen so auch Gewässer an, die Wiesen, Gärten, Wanderwege, Nutzflächen fluten. In Gablenz und Bad Muskau haben sich das Zusammenleben von Mensch und Bibern, der Spagat zwischen Tierschutz und Vermeidung wirtschaftlicher Schäden inzwischen zum Problem entwickelt, für das es nur wenige, oft teure Lösungen gibt.

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Schäden bei Begehung dokumentiert

Ein Weg, die nach ihrer Ausrottung vor rund 200 Jahren in die Lausitz zurückgekehrten Tiere naturschutzgemäß in Schach zu halten, sind Einbauten von Drainerohren und Einlaufkörben in Dämmen und Burgen zur Wasserableitung. Hilft dies nicht, können Biber in Ausnahmefällen auf Antrag und Genehmigung gefangen und umgesetzt werden..In Gablenz hat man all das bereits praktiziert. Die Gemeinde, sie ist zuständig für Pflege und Unterhaltung von Gewässern 2. Ordnung wie der Räderschnitza, beantragte für sogenannte Vergrämungsmaßnahmen Fördermittel und investierte so Zehntausende Euro in den letzten Jahren. Trotzdem sind die Biber präsenter als zuvor, wie eine Vor-Ort-Befahrung im April zeigte. An der nahmen Gemeinderäte, Vertreter von Unterer Naturschutzbehörde des Landkreises, Unterer Wasserbehörde, Sachsenforst und dem Landwirtschaftsbetrieb Prohav Halbendorf teil. Protokolliert wurden dabei nicht nur durch Biber entstandene Baum- und Flurschäden entlang der Räderschnitza und außerhalb des Biotops in Gablenz, sondern auch überflutete Futterwiesen.

Prohav fehlen Nutzflächen

„Etwa sieben Hektar Futter- und Ackerfläche sind geschädigt und nicht mehr zu bewirtschaften“, erklärt Olaf Hanusch, Leiter der Abteilung Feldbau der Prohav. Hanusch ist zuständig für 2.000 Hektar Fläche, von denen 30 Wiesenfläche sind. Deren Gras wird als Futter für die 650 Milchkühe benötigt, denen durch die Biber nun Futter in Größenordnungen fehlt. Denn auch Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft müssen bei der Bewirtschaftung ihrer Flächen den strengen Schutzstatus des Bibers beachten. Der sei, so Hanusch, inzwischen „ an jedem Graben, der an Prohav-Flächen angrenzt“, heimisch. „Das ist von Wolfshain bis Halbendorf so.“ Zwar wird dem Landwirtschaftsbetrieb durch den Schutzstatus ein „Härtefallausgleich“ vom Freistaat gewährt. „Letztlich fehlt uns dennoch die Ackerfläche, die zudem ohne Bearbeitung verwildert“, unterstreicht Hanusch.

Laut Franziska Glaubitz, Pressesprecherin des Landkreises, wurden in Gablenz, aufgrund eines Biber-Erfassungs- und Dokumentationsprojektes des Landschaftspflegeverbandes „Oberlausitz“ e.V. und der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises, aktuell drei besetzte Biberreviere festgestellt. Die Tiere fühlen sich dort so wohl, dass sie auch Junge haben. Für die Prohav erschwert dies die Lage. Bislang, so der Abteilungsleiter Feldbau, habe man eine Vereinbarung mit zuständigen Behörden gehabt, nach der bei der Bewirtschaftung lediglich die Winterruhe der Tiere zu beachten war. Dies habe mehrere Mahden ermöglicht. Nun seien landwirtschaftliche Nutzung, wie Eingriffe des Menschen in die Biberhabitate, wegen der Jungtiere bis Ende Juli untersagt. „Wir haben dadurch nur die Frühlingsmahd zur Futtergewinnung, da das verbleibende Zeitfenster bis Eintritt der Winterruhe nicht reicht beziehungsweise unwirtschaftlich ist.“ Und Olaf Hanusch bemängelt, dass es zu viel Zeit und Behördenwege brauche, bis etwas in Sachen Biber passiere. Für den 34-Jährigen, der selbst Jäger ist, stehen Tier-- und Naturschutz nicht infrage. „Aber irgendwann sind es eben zu viele Tiere. Da muss man eingreifen können, weshalb es ein vernünftiges, sinnvolles Miteinander sowie schnelle und rechtssichere Lösungen nötig sind.“

Dies fordern auch der Gablenzer Bürgermeister Dietmar Noack und Gemeinderäte. „Wir haben zuletzt Draht in Teiche gelegt, Gewässer abgepumpt, Rohre in Dämme gebaut, und es wurden sogar Tiere umgesetzt. Alles hat viel Geld gekostet und brachte nichts. Wir drehen uns im Kreis“, erklärt Noack jüngst in der Ratssitzung. Im Alleingang etwas ändern können und dürfen die Gablenzler nicht. Biber sind nicht nur streng geschützt in Deutschland. Sie unterliegen auch in keinem Bundesland dem Jagdrecht. Dies bedeutet: Maßnahmen jeder Art sind genehmigungspflichtig.

Gablenz fordert langfristige Lösung

Gablenz hatte eine Sondergenehmigung zur Vergrämung. Die lief 2020 aus. „Wir sollten einen neuen Antrag stellen“, riet Ratsmann Dino Hoffmann mit Blick auf die erneuten Schäden. Aus Sicht der Kreisverwaltung sieht man den Antrag als genehmigungsfähig: wegen der „bisherigen Darlegungen und Einschätzungen der Gemeinde zu erheblichen Problemen bei der Abführung der Abwässer und Regenentwässerung“. Für Ortschef Dietmar Noack sind stete Anträge keine Lösung. „Es ist ein Katze-und-Maus-Spiel. Wenn nicht wirklich was passiert, haben unsere Einwohner die Biber und Wasser bald in ihren Kellern.“ Aus Sicht von Noack brächten nur erneute Entnahmen von Tieren oder Abschüsse eine Veränderung. „Dem Töten stimmt das Land Sachsen allerdings nicht zu. Anders als in Brandenburg, wo man Ausnahmen beschloss“, sagt Noack.

Wie viele Tiere ein Lebensraum „verkraftet“, ist weder festgelegt noch Bestandteil des Entscheidungsspielraums bei der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde. „Hier können nur auf Landesebene fachliche Aussagen getroffen werden“, sagt Kreissprecherin Franziska Glaubitz.

Biberpopulation im Kreis steigt

Die Untere Naturschutzbehörde habe lediglich die Aufgabe der Einzelfallentscheidung. Allerdings diene der Regelung des Zusammenlebens zwischen Mensch und Biber auch das Konzept des „proaktiven Bibermanagements“ des Freistaates Sachsen. Dieses beinhalte die möglichst gute Dokumentation von Bibervorkommen, frühzeitige Information und Beratung betroffener Eigentümer, Landnutzer und Gemeinden sowie Förderverfahren zur Verbesserung der Akzeptanz der Biber. „Letztlich bringen Biber nicht nur Konflikte, sondern auch Vorteile, wenn man sich den Wasserrückhalt in Biberrevieren vor Augen hält, der die Grundwassersituation in trockenen Zeiten verbessern kann.“ Abgesehen davon sei Biodiversität in Biberrevieren meist höher als ohne das Wirken der Tiere.

All diese Aussagen kennt Jan Paulick vom Umweltausschuss in Gablenz. Er war auch bei der Vor-Ort-Begehung dabei, protokollierte sie. Laut seiner Aussage bestehe für die Gemeinde aktuell jedoch keine andere Alternative als die erneute Antragstellung auf Entnahme und Vergrämung. Zwar sei bei der Begehung sogar der Bau von Biber-Barrieren diskutiert, allerdings wieder verworfen, worden. „Wir müssen und können nur dran bleiben am Thema.“ Dazu gehöre auch, regelmäßig Wehre zu öffnen, damit Wasserstauungen durch Biberdämme nicht gleich zu Überflutungen führen.Neben Gablenz, Bad Muskau, dem Fürst-Pückler-Park hat auch Krauschwitz nun Probleme mit dem tierischen Zuzug. Allein im Winter 2020/21 wurden im genannten Bereich insgesamt 12 besetzte Biberreviere amtlich erfasst. Im gesamten Landkreis Görlitz waren es im Vorjahr 61.

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