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Grüner Strom von der Ostkippe bleibt umstritten

Für die erste von fünf Solaranlagen bei Mulkwitz wurde jetzt die Planung vorgestellt. In bemerkenswerter Sachlichkeit.

Symbolbild
Symbolbild © Sebastian Schultz

Auf der Hochkippe in Mulkwitz, genauer gesagt auf der Ostkippe, hat Sebastian Biele 38 Vogelarten festgestellt, darunter Buntspecht, Kernbeißer und andere. Deren Fortbestand wäre durch den Bau einer Solaranlage nicht beeinträchtigt. Der studierte Master of Science ist Mitarbeiter des Landschaftsplanungsbüros Richter und Kaup in Görlitz. Bei den Planungen zur „Photovoltaikanlage Solarpark Hochkippe Nochten“, also der Bebauung der Ostkippe, ist er für die artenschutzfachliche Betrachtung zuständig. Die stellte er jetzt im Saal des Sorbischen Kulturzentrums in Schleife vor.

Biele fand auch eine Reihe gefährdeter Arten wie Feldlerche, die stark gefährdete Nachtschwalbe oder den streng geschützten Grünspecht und andere. Für sie wie auch die als Nahrungsgäste festgestellten geschützten Arten Kranich und Seeadler sehe er Beeinträchtigungen. Eine Solaranlage könne aber gebaut werden, wenn man den Empfehlungen des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) dafür folgt. Demnach wäre ein Mindestabstand von drei Metern zwischen den Modulreihen sowie von 60 Zentimetern zum Boden einzuhalten.

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Akribie in Naturschutz-Belangen

Die Ausführungen machten deutlich, mit welcher Akribie die Planer an die Naturschutz-Belange herangingen. Von März bis Juni fanden 14 Begehungen statt. Bei vier Begehungen im Mai und Juni, eine davon nachts, wurden Vogelarten gemäß eines in Deutschland geltenden Methodenstandards erfasst und die Zahl der Brutpaare ermittelt. Es sei „ein erster Überblick“, so Sebastian Biele.

Die Interessengemeinschaft (IG) Hochkippe Mulkwitz geht in ihrer Betrachtung von 110 gefährdeten Arten aus. Biele gab zu bedenken, dass etliche auf der Ostkippe gar nicht beheimatet sind, etwa keine der 17 Arten von Greifvögeln festgestellt wurde und auch Singvögel wie die Rohrammer nicht vorkommen, die Schilf braucht, was es auf der Ostkippe nicht gibt.

IG-Mitglied Hubertus Scammel sieht durch die Solaranlage Säugetiere beeinträchtigt und kritisierte, dass sie nicht untersucht wurden. „Vögel sind am kritischsten, deshalb haben wir die zuerst betrachtet“, so Landschaftsplaner Ansgar Kaup. Weitere Untersuchungen zum Artenschutz würden im Frühjahr 2022 folgen.

Kein Eingriff in Wald und Biotope

Sebastian Biele ergänzte, dass es gemäß dem Nabu einen 30 Meter breiten Wildkorridor geben wird als Querungshilfe für Rot- und Schwarzwild, ähnlich der Grünbrücken über Autobahnen. Die aus versicherungstechnischen Gründen erforderliche Umzäunung werde 2,50 Meter hoch sein, die unteren 20 Zentimeter so ausgebildet, dass Fuchs und Feldhase passieren können.

Seit der Kohleausstieg Gesetz und die Energiewende unumkehrbar ist, wollen gleich zwei Investoren in der Gemeinde Schleife für grünen Strom sorgen: die Kronos Solar Projects GmbH (München) auf der Ostkippe sowie die Solizer Projects GmbH (Hamburg) auf der Westkippe. Letztere beabsichtigt zudem eine weitere Anlage an der Bahnstrecke bei Schleife sowie zwei am Umspannwerk Schleife. Im November 2020 stellten die Investoren ihre Vorhaben im Gemeinderat vor. Im Juli 2021 beschlossen die Räte die Aufstellung der Bebaungspläne, was im Falle der Ostkippe ziemlich eindeutig, für die Westkippe jedoch mit nur einer Stimme Mehrheit äußerst knapp ausging. Noch im Juli wurde der städtebauliche Vertrag mit der Kronos Solar Projects GmbH gefasst und inzwischen unterschrieben. Um die weiteren Schritte so transparent wie möglich zu machen, wollte die Gemeinde Schleife nun über den Stand des Planverfahrens „Photovoltaikanlage Solarpark Hochkippe Nochten“ informieren. Im Auftrag von Kronos ist die Richter und Kaup GbR mit Planungen befasst.

Auf der Ostkippe soll auf 54 Hektar Acker und Grünland die Solaranlage errichtet werden, davon auf 48,5 Hektar die eigentliche Anlage. 5,5 Hektar sind für Grünflächen vorgesehen. Es soll einen zehn Meter breiten Blühstreifen für Insekten geben wie auch Legesteinhaufen als Sonnenplätze für Reptilien. Damit werde sogar eine Verbesserung auf der Ostkippe geschaffen. „Es wird kein Wald in Anspruch genommen, um die drei geschützten Biotope ein großer Boden gemacht und auch der Rundweg bleibt zur Nutzung für die Bürger erhalten“, so Planer Ansgar Kaup. Er bezeichnete das als „klare Botschaft an die Bürger“.

Bürgerinitiative lehnt Vorhaben ab

„Die Mulkwitzer Hochkippe ist als ein ganzes Ökosystem und deshalb auch insgesamt zu betrachten“, entgegnete Daniel Jakubik. Der Sprecher der IG ließ keinen Zweifel an deren Absichten. „Unser Ziel ist es, das Areal als Naturschutzgebiet ausweisen und jede Bebauung verbieten zu lassen“, erklärte er. Das gelte für Photovoltaik (PV) ebenso wie für Windräder, für die Ost- wie auch für die Westkippe. In den knapp fünf Monaten seit Bestehen der IG wurden nach seinen Angaben 800 persönliche und 2.500 Online-Unterschriften gesammelt.

Die IG befürchtet, dass für den Bau der fünf PV-Anlagen 100 Hektar Wald gerodet werden müssen. Schon 1997 habe der Gemeinderat Schleife eine besondere Schutzwürdigkeit der Hochkippe erkannt, allerdings gelang es damals nicht, den Status eines Landschaftsschutzgebiets zu erlangen. Inzwischen habe die Natur weitere 25 Jahre Zeit gehabt, sich zu entwickeln. Das Ziel der Rekultivierung der einstigen Tagebauabraumhalden, dass sich Natur- und Wasserhaushalt wieder selbstregulierend einstellen, sei auf der Hochkippe erreicht. „Der Umgang mit der Natur auf der Plateaufläche, die nahezu vollkommen bebaut werden soll, ist unverantwortlich. Das dient nicht dem Klimaschutz, wie uns vorgegaukelt wird“, so Daniel Jakubik. Die IG werde Anfang 2022 eine Liste mit Alternativflächen für PV-Anlagen vorlegen.

Planer Ansgar Kaup kannte zuerst nur das Vorhaben auf der Ostkippe und „fand es planerisch machbar“. Erst danach habe er von den vier weiteren PV-Anlagen erfahren. „Das sehe ich kritisch“, sagte er. Für den Bau der Freianlage auf der Ostkippe sei jedenfalls kein Ausgleich an anderer Stelle nötig. Hingegen konnte Magnus Kaupmann nicht ausschließen, dass für den Bau der zwei Kilometer langen Kabeltrasse womöglich ein Baum weichen muss. Zwar stehe der Einspeisepunkt fest; nicht aber, wo das Umspannwerk gebaut wird, sagte er.

Zur von den Bürgern befürchteten Lärmbelästigung entgegnete der Projektleiter des Investors, dass man deshalb ausdrücklich Flächen weitab von der Wohnbebauung suche. Wie Gerald Freihöfer (Forst) sagte, gehe es auch um die Lärmbelästigung der Tiere während der Bauphase und hinterher. Den Hinweis von Christian Penk (Rohne), dass dort Fledermäuse gesichtet wurden, nahm Kaup zur Prüfung mit. Auch für andere Hinweise war er dankbar.

Bald direkte Bürgerbeteiligung

Zu der Diskussion kamen 40 Bürger, darunter zwölf Auswärtige, aber auch die Ortschaftsräte und neun Bürger von Mulkwitz selbst. Im November werden 38 Träger öffentlicher Belange um Stellungnahme gebeten, können Bürger ihre Bedenken einreichen. Nach der zweiten Bürgerbeteiligung im Herbst 2022 könnte im Dezember der Bau der PV-Anlage auf der Ostkippe beschlossen werden – oder auch abgelehnt.

Bürgermeister Jörg Funda (CDU) bedankte sich für die trotz gegensätzlicher Auffassungen weitgehend sachliche Diskussion. Lediglich mit Winfried Konzan waren einmal mehr die Emotionen durchgegangen. Der gebürtige Schleifer erboste sich erneut darüber, was auf der Ostkippe passieren soll, vergriff sich dabei im Ton.

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