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Leknica: Angst vor einer Pleitewelle

Seit Dienstag gelten die neuen Corona-Regeln an der Grenze Bad Muskau/Leknica. Das hat Folgen für Deutsche und Polen.

Niemand kommt: Der Markt im polnischen Leknica am Donnerstagmittag. Eigentlich herrscht hier reger Fußgänger- und Autoverkehr.
Niemand kommt: Der Markt im polnischen Leknica am Donnerstagmittag. Eigentlich herrscht hier reger Fußgänger- und Autoverkehr. © Sabine Larbig

Wer am Donnerstag in Bad Muskau war, hatte keine Probleme mit dem Finden eines Parkplatzes rund um den Grenzübergang. Sowohl am Parkplatz Görlitzer Straße als auch am Postplatz standen nur vereinzelt Autos. Meist mit den Kennzeichen GR, WSW oder NOL. Kaum eine handvoll parkender Autos trug Kennzeichen von anderen Städten oder Regionen. Auch in die Fahrspur über die Brücke nach Leknica biegen kaum Kraftfahrzeuge mit deutschen Kennzeichen ab.

Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Sachsen seit Dienstag wegen der steigenden Corona-Zahlen dies- und jenseits der Neiße den kleinen Grenzverkehr eingeschränkt und eine neue Schutzverordnung erlassen hat. Die besagt zwar keine generelle Grenzschließung zu Polen und Tschechien. Doch Grenzüberschreitenden droht, nun selbst bei kurzem Tanken oder Einkaufen im Nachbarland, eine Quarantäne. Das schreckt ab. Nicht alle, aber viele Menschen.

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Händler machen kaum Umsatz

Die Folgen spüren die Händler auf dem Polenmarkt in Leknica massiv. Während normalerweise viele deutsche Kunden aus nah und fern hier einkaufen, sind nun nur vereinzelt Besucher da. Die tragen Mund-Nasen-Masken, halten Abstand und suchen gezielt Stände auf, statt entspannt zu bummeln und zu shoppen. Besucher in Cafés und an Imbissständen auf dem Markt gibt es kaum. „Wir waren heute sowieso in der Gegend und dachten, wir schauen mal, ob die Grenze wirklich zu ist. Weil keine kontrollierenden Polizisten vor der Brücke standen, sind wir schnell rüber gefahren, haben ein paar Dekosachen für den Garten gekauft und ein paar Weihnachtsgeschenke“, erzählen eine ältere Dame und ihre Tochter, die gerade zu ihrem Auto zurückkommen, das sie auf dem Markt geparkt haben. Die Frauen aus dem Elbe-Elster-Kreis tragen Mund-Nasen-Schutz, im Gegensatz zu den meisten Händlern. Ihr Argument: Man verkaufe ja unter freiem Himmel, an frischer Luft, da bestehe keine Ansteckungsgefahr. Zudem halte man ja Abstand.

Keinesfalls lax geht das Personal an den Tankstellen in Leknica mit Hygieneschutz um. Hier tragen alle Mitarbeiter Mundschutz, meist auch Handschuhe, es gibt öffentliche Desinfektionsständer und in deutsch und polnisch ausgehangene Verhaltenshinweise für Kunden hinsichtlich einzuhaltender Hygieneregelungen. Auch Schutzwände sind vor den Kassen. Umso mehr, sagt ein Tankwart, ärgere es ihn, dass mit der sächsischen Regelung das Geschäft mit den Tanktouristen erneut einbricht. „Ich hoffe sehr, dass in wenigen Tagen alles wieder normal ist.“

Dies hofft ebenfalls die Blumenverkäuferin neben der Tankstelle. „Wir wussten nichts von der Regelung, wunderten uns am Dienstag nur, dass plötzlich fast keine Kunden mehr kamen. Das ist schlimm, gerade kurz vor Weihnachten.“ Auf ein gutes Weihnachtsgeschäft, nachdem schon das Ostergeschäft wegen Corona ausfiel, hatte auch ein Fleischer gesetzt, der ebenfalls einen Imbiss am Geschäft betreibt. Doch statt langer Kundenschlangen herrscht auch bei ihm gähnende Leere. Weil die deutschen Kunden, die sich in der Adventszeit normalerweise mit Gänsen, Enten und anderem Fleisch eindecken, ausbleiben, sind die Theken inzwischen „übersichtlich“ gefüllt. Noch hoffen der Fleischer, dass der Weihnachtsumsatz nicht komplett ausfällt. „Wenn die Regelungen auf deutscher Seite jedoch Wochen oder Monate so bleiben, wissen wir nicht, wie es finanziell mit unseren Ständen und den Mitarbeitern weitergehen soll“, bekennt eine Händlerin, die Anoraks, Pullover, Schuhe und Stiefel im Angebot hat.

„Wir sind also maximal fertig“

Die Angst der polnischen Händler ist verständlich und nachvollziehbar. Denn anders als beim Lockdown im Frühjahr, als Polen selbst die Grenze schloss, das öffentliche Leben runter fuhr und auch der Markt in Leknica staatlich verordnet geschlossen blieb, gibt es diesmal keine finanziellen Unterstützungen für vom Einbruch des Handels Betroffene. Dies ist auch der Grund dafür, dass Leknicas Bürgermeister Piotr Kuliniak nach Inkrafttreten der sächsischen Schutzverordnung via Facebbok äußerte. „Wir sind also maximal fertig.“ Gemeint ist damit die eingetretene wirtschaftlich prekäre Lage der polnischen Nachbarstadt von Bad Muskau. Denn erst vor wenigen Wochen hatte Kuliniak im Gespräch mit TAGEBLATT geäußert, dass die Stadt Leknica, die zum Großteil von den Steuereinnahmen und Arbeitsplätzen des Marktes lebt, keinen zweiten Lockdown übersteht. „Ich bin nur froh, dass ich noch ein anderes Geschäft in Polen habe, das nicht von den deutschen Touristen abhängig ist“, äußert dementsprechend ein junger Familienvater, der in Leknica mit Zigaretten handelt.

Indes bestätigt der Bad Muskauer Bürgermeister Thomas Krahl, dass noch „ein gewisser Grenzverkehr“ hinsichtlich des Einkaufs- und Tanktourismus herrsche. Andererseits hoffe auch er auf baldige Entspannung der Lage. Angesichts der Corona-Zahlen in der Region seien die aktuellen Festlegungen jedoch richtig. „Allein in Bad Muskau haben wir schon 45 Personen in Quarantäne. Das ist eine erschreckend hohe Zahl“, erklärt Krahl. Selbst in den sozialen Medien gibt es viele Wortmeldungen zu den neuen Regelungen an der sächsisch-polnischen Grenze. Die reichen von „Es wurde ja Zeit“ über „Ich lasse mir das Tanken und Zigaretten kaufen nicht verbieten“ bis „Und wer kontrolliert? Keiner!“.

Bislang nur wenige Kontrollen

Gefühlt scheint es aktuell wirklich weniger Kontrollen als üblich vor dem Grenzübergang in Leknica zu geben. Trotz der verschärften Corona-Regelungen für den kleinen Grenzverkehr. „Wir werden die Kontrollen intensivieren, aber im Rahmen unserer üblichen Streifentätigkeit“, sagt Ivonne Höppner, Sprecherin der Bundespolizei in Ludwigsdorf, dazu. Feste Grenzkontrollen, etwa an den Neißebrücken Bad Muskau, Podrosche oder Görlitz, seien momentan aber nicht geplant. Bei den polnischen Kollegen gäbe es ebenfalls keine entsprechenden Pläne. „Wir achten jedoch verstärkt darauf, dass die geltenden Corona-Regeln eingehalten werden“, so Höppner. Wer dagegen verstoße, müsse mit der Meldung an das Gesundheitsamt rechnen.

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