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Kuren wie der alte Fürst Pückler

Bad Muskau schaut 2023 auf 200 Jahre Kurwesen zurück. Doch an die große Tradition anzuknüpfen, ist schwerer als gedacht.

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Bad Muskau lebt von und mit dem Schloss und dessen Park – sowie den Traditionen, die bis auf Hermann von Pückler-Muskau zurück gehen.
Bad Muskau lebt von und mit dem Schloss und dessen Park – sowie den Traditionen, die bis auf Hermann von Pückler-Muskau zurück gehen. © Wolfgang Wittchen

Hermann von Pückler-Muskau hatte manch verrückte Idee. Die von einem florierenden Kurbad gehörte dazu. Die Erfolgsgeschichte von Marienbad hatte den exzentrischen Fürsten offenbar inspiriert, sodass er dem böhmischen Vorbild auf eigenem Terrain nacheifern wollte. Am 23. Juni 1823 begann offiziell der Badebetrieb in Muskau.

Das Jubiläum in diesem Sommer wird Anlass sein, um an die wechselvolle Vergangenheit in den zurückliegenden 200 Jahren zu erinnern. Pückler setzte seinerzeit auf die heilsame Wirkung der vorgefundenen Eisenvitriolquelle für Wannenbäder und Trinkkuren sowie auf Behandlungen mit Moor. Dass Kurgäste keineswegs wie erwartet herbeiströmten, lag auch daran, dass eine ansprechende Infrastruktur fehlte. Vorhandene Gebäude wurden lediglich umgestaltet. Erst unter dem Prinzen der Niederlande, der die Standesherrschaft Muskau 1846 erwarb, entstanden ein neues Bade- und ein Logierhaus.

Moor für die Bäder musste dem Tagebau weichen

Zweifellos legte Pückler den Grundstein für eine Entwicklung, auf die Bad Muskau bis heute baut. Die Stadt an der deutsch-polnischen Grenze ist als „Ort mit Moorkurbetrieb“ staatlich anerkannt. Entscheidend für das 2016 bestätigte Prädikat sei, dass Behandlungen mit Naturmoor im Ort angeboten werden, sagt der Geschäftsführer der Bad Muskau Touristik GmbH, Dirk Eidtner. Nachdem 2009 das Moorbad als Therapeutisches Zentrum im Kavaliershaus des Muskauer Parks geschlossen war, übernahm das „Kulturhotel Fürst Pückler Park“ diese Aufgabe. Gäste können in dem privat geführten Haus beispielsweise Moorbäder oder Moorpackungen buchen.

Das Heilmittel stammt aus dem Altteicher Moor, das dem vorgerückten Tagebau Nochten weichen musste und inzwischen abgebaut wurde. In einer Halle am Stadtrand von Weißwasser lagern nun die gesicherten Vorräte, wie Eidtner sagt. Für Kuranwendungen in Bad Muskau werde das Moor je nach Bedarf vor Ort aufbereitet.

Mit Thermalsole gibt es in der Stadt ein weiteres anerkanntes Heilmittel. Das Vorkommen in rund 1.500 Metern Tiefe wurde nach einer Probebohrung im Jahre 2000 erschlossen. Der Landkreis Görlitz ist seit 2010 Eigentümer der Quelle. Fünf Jahre später ging die Anlage in Betrieb, um die Sole zu fördern. „Unsere Aufgabe ist es, das Thermalwasser aufzubereiten und dem Markt anzubieten“, sagt Sven Mimus, der Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz mbH (Eno). In Bad Muskau wird die Sole per Ringleitung zum Kulturhotel am Markt transportiert, das Wannenbäder und Inhalation mit dem heilsamen Wasser anbietet. Mit Tankwagen wird es außerdem zu zwei weiteren Abnehmern im Landkreis gebracht: nach Krauschwitz in die Erlebniswelt und nach Großschönau ins Trixi-Bad. Beide Einrichtungen verfügen über ein Solebecken.

Mehr Gäste aus Berlin?

Mimus würde es gern sehen, wenn die medizinisch-balneologische Anwendung – ähnlich wie im brandenburgischen Burg – innerhalb von Bad Muskau in einem Solebad gelänge: „Dafür ist die Quelle perfekt geeignet und die Infrastruktur gelegt.“ Das Bad selbst könne und werde die Eno allerdings weder bauen noch betreiben.

Mal abgesehen davon, dass ein Investor derzeit nicht in Sicht ist, erscheint ein solcher Neubau in der dünn besiedelten Lausitz jedoch unrealistisch. „Das würde sich nicht rechnen“, urteilt Karl-Ludwig Resch als ausgewiesener Experte für Kurortmedizin. Als Quellregion für potenzielle Gäste käme Berlin durchaus infrage, denn die Hauptstadt ist nur etwa 165 Kilometer von Bad Muskau entfernt. Auf dem Weg nach Ostsachsen fängt allerdings Burg mit eigener Solequelle, Therme und mehreren Hotels längst zahlreiche Besucher ab. Die Gemeinde im Spreewald ist neben Bad Saarow einer der beiden erfolgreichsten Kurorte in Brandenburg. „Das sind 20 Jahre Entwicklung, die Bad Muskau fehlen“, schätzt der langjährige Präsident des Sächsischen Heilbäderverbandes ein.

Resch empfiehlt, sanft vorzugehen und den dritten Schritt nicht vor dem ersten zu machen. Mit dem vorhandenen Fachpersonal sollte das Potenzial in der Region ausgebaut, das Niveau allmählich erhöht werden, auch im Hinblick auf privatwirtschaftliche Leistungen. „Physiotherapeuten könnten verstärkt Wellness anbieten, durchaus auch in anderen Räumen als in der eigenen Praxis“, ist ein Vorschlag.
Hat die Tradition eine Zukunft?

Zum Tourismus keine Alternative

Theoretisch schon. Reizvoll findet der Mediziner die Eiskeller in der ehemaligen Pückler-Brauerei, die gerade saniert werden. Diese Gewölberäume hätten eine einzigartige Atmosphäre, allerdings würde ihr Ausbau für therapeutische Anwendungen Millionenaufwand erfordern. Für die Kurortentwicklung selbst bräuchte es nicht nur eine gut dotierte „Generalstabsstelle“, sondern auch jemanden, der anderswo schon erfolgreich auf diesem Gebiet gewirkt habe und unternehmerische Erfahrung mitbringe. Eine solche Investition lohne sich, wie sich bei der Geschäftsführung der Sächsischen Staatsbäder in Bad Elster gezeigt habe.

Für Bad Muskau sieht der Kurortexperte keine Alternative zum Tourismus. Ein Riesenplus, das die Stadt im Gegensatz zu anderen peripheren Orten habe, sei der Park. Die anerkannte Unesco-Welterbestätte zieht Menschen mit gewisser Bildung an. „Da dürfte auch das Gesundheitsbewusstsein ausgeprägt sein.“ Dem großartigen Landschaftserlebnis im Muskauer Faltenbogen stehen aber Defizite bei der Gästeunterbringung gegenüber. 2019 gab es sechs Beherbergungsbetriebe mit mindestens zehn Betten im Ort, zwei Jahre später nur noch vier. Nach Einschätzung der städtischen Touristik GmbH dürften Kapazität und Übernachtungszahlen sogar weiter gesunken sein.

Im Hermannsbad, wo Muskaus Kurtradition vor 200 Jahren begann, kommen derweil die Arbeiten zur Wiederbelebung des Ensembles sichtbar voran. Lange stand dieser Teil des Muskauer Parks im Schatten der zentralen Anlage rund ums Neue Schloss. Schrittweise wurden historische Gebäude inzwischen saniert, darunter der Kuppelpavillon oder die Villa Bellevue mit Wohnungen in exklusiver Lage. Das Badehaus soll zum Jubiläum im Juni übergeben werden, und voraussichtlich 2024 öffnet die Villa Pückler mit der Ausstellung zur Orientreise des Fürsten.

Anett Böttger