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Weißwasser

Mit dem Bücherkoffer durch Weißwasser

Wie die Leseratte Karsten Herden Kinder in der Stadt für Bücher und Sprache begeistern will.

Mit einem mobilen Bücherkoffer ist Karsten Herden in Kitas und Grundschulen unterwegs. Er möchte die Kinder fürs Lesen begeistern und ihre Neugier wecken. Wegen Corona mussten viele Termine aber leider ausfallen.
Mit einem mobilen Bücherkoffer ist Karsten Herden in Kitas und Grundschulen unterwegs. Er möchte die Kinder fürs Lesen begeistern und ihre Neugier wecken. Wegen Corona mussten viele Termine aber leider ausfallen. © privat

Weißwasser. Am 21. Februar ist internationaler Tag der Muttersprache. Der von der UNESCO ausgerufene Gedenktag dient zur Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit. Denn weltweit sind fast die Hälfte(!) aller Sprachen vom Aussterben bedroht. „Die Lausitz hat mit der Zweisprachigkeit einen unschätzbaren Reichtum“, meint Karsten Herden (41). Der Weißwasseraner ist unter anderem als Mitglied im Sorbenbeirat des Landkreises Görlitz aktiv.

Herr Herden, wie kamen Sie zum Projekt „Lausitzer Lesewolf“?

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Seit früher Kindheit bin ich eine Leseratte. Mich begeisterten Bücher über die Natur, über Tiere, Pflanzen, den Garten, Technik und vieles mehr. Meine Eltern gaben mir viel Wertschätzung für das Lesen mit. Sie wollten für mich eine gute, vielseitige Allgemeinbildung erreichen. In Cottbus, wo ich einige Zeit wohnte, begleitete ich das Projekt „Lesefuchs“ als Vorleser in Kindertagesstätten und im Mehrgenerationenhaus des SOS-Kinderdorfes. Jetzt will ich in Weißwasser und Umland mit dem Projekt „Lausitzer Lesewolf“ daran anknüpfen.

Was motiviert Sie dafür?

Bildung braucht Sprache, und Sprache braucht Lesen. Wo, wenn nicht bei den Jüngsten, können wir ansetzen? Der Grundgedanke ist, in Kindern die Neugier, Freude und Begeisterung fürs Lesen zu wecken. Mein Bücherkoffer soll eine Art Schlüsselerlebnis für die Kinder sein. Sie sollen nicht nur zuhören. Sie sollen fragen, entdecken und selbst erzählen. Mit dem Projekt „Lausitzer Lesewolf“ bewarb ich mich 2020 beim Sächsischen Mitmachfonds in der Kategorie „Zukunft Mint“.

Mit welchem Ergebnis?

Das Projekt gehört zu den Preisträgern. Von dem Preisgeld konnte ich den mobilen Bücherkoffer zusammenstellen. Im Oktober 2020 gab es für Hortkinder der Kita „Regenbogen“ meine erste Lesung im Eltern- und Familienzentrum des DRK Weißwasser. Es ging um die heimische Tierwelt und darum, welche Tiere die Kinder schon kennen, ob sie selber welche zu Hause haben oder schon mal im Wald Tiere beobachtet haben. So kamen wir ins Gespräch. Ungezwungen und kreativ. Das Vorlesen war der Schlüssel. Sechs Lese-Termine sollten folgen. Doch wegen der Pandemie fielen sie aus.

Welche Partner unterstützen das Lesewolf-Projekt in Weißwasser?

Quartiermanagerin Yvonne Mucha vom DRK, Ronny Michler von der Stadtbibliothek Weißwasser und Ernst Opitz vom Janusz-Korczak-Haus in Trägerschaft des Vereins Impuls, der christlichen Initiative für Jugend- und Sozialarbeit. Partner sind langfristig Kitas, Horte und Grundschulen.

Welche Ziele hat das Projekt?

Es soll die Liebe zur Muttersprache fördern. Zugleich soll es Neugier auf weitere Sprachen wecken. Zielgruppe sind vor allem die Drei- bis Fünfjährigen. Bei ihnen gilt es, Grundlagen zu schaffen. Dafür suche ich aktive Mitgestalter. Das müssen nicht unbedingt Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Kindergärtnerinnen und Kindergärtner sein. Mir geht es um Lesefreudige. Langfristiges Ziel ist, das Projekt regional und überregional zu integrieren. Entstehen könnte gern auch ein Verein, getragen von vielen Ehrenamtlichen in der gesamten Lausitz. Das braucht Zeit.

Verarmt unsere Sprache im Alltag?

Ja. Oft sprechen bereits Kinder keine ganzen Sätze. Sie lernen nicht, dass Sprache vor allem ein Miteinander ist. Der direkte Austausch mit anderen Kindern, mit den Eltern und Erzieherinnen fehlt. Dort will ich mit dem Projekt ansetzen. Einbinden will ich auch die sorbische Sprache.

Wie kann das gelingen?

Da beginne ich bei mir. Ich möchte Sorbisch kontinuierlich erlernen. Nicht zum Selbstzweck. Sondern, um anzuwenden, um Freude weiterzugeben. Anstoß und Inspiration gab mir der Sorbenbeirat.

Wie finden Sie Zugang zur sorbischen Sprache?

Im Januar las ich mit Freude den deutsch-sorbischen Gedichtband „Grüne Hasen lassen Dampf ab“ von Benedikt Dyrlich und den deutsch-sorbischen Gedichtband „Donjebjesspěće“ (Himmelfahrt) von Mićo Cvijetić. Fundierten Zugang finde ich durch den Sorbisch-Kreis bei Marek Krawc. Er ist sorbischer Muttersprachler, Übersetzer und Dolmetscher und derzeit in Prag freiberuflich als Sprachlehrer für Deutsch, Tschechisch und Sorbisch tätig. Im Sorbisch-Kreis lernen momentan zehn Interessierte und Lernbegeisterte – digital vernetzt – an mehreren Tagen in der Woche zusammen Sorbisch.

Mit einem mobilen Bücherkoffer ist Karsten Herden in Kitas und Grundschulen unterwegs. Er möchte die Kinder fürs Lesen begeistern und ihre Neugier wecken. Wegen Corona mussten viele Termine aber leider ausfallen.
Mit einem mobilen Bücherkoffer ist Karsten Herden in Kitas und Grundschulen unterwegs. Er möchte die Kinder fürs Lesen begeistern und ihre Neugier wecken. Wegen Corona mussten viele Termine aber leider ausfallen. © Andreas Kirschke
Karsten Herden wendet sich mit seinem Lesewolf-Projekt auch gegen die Verarmung der Sprache im Alltagsgebrauch.
Karsten Herden wendet sich mit seinem Lesewolf-Projekt auch gegen die Verarmung der Sprache im Alltagsgebrauch. © Andreas Kirschke

Wie lernen Sie die Sprache?

Vor allem durch konzentriertes Zuhören und Nachsprechen. Ich lerne auch durch Wiederholen und Unterscheiden. Das fundierte Lernen kommt erst durch unseren Sorbisch-Lehrer Marek Krawc. Auch durch kleine Hausaufgaben lerne ich vertiefend die Sprache weiter.

Was verbindet Sie mit den Sorben?

Ich stamme aus Radeweise bei Spremberg. Das Dorf musste wie andere Orte 1986 dem Braunkohlen-Tagebau Welzow-Süd weichen. Die 80 Einwohner mussten umsiedeln. Meine Großmutter Charlotte Koalick pflegte noch Traditionen – wie zum Beispiel das Federnschleißen. Leider sprach sie im Alltag bereits kein Sorbisch mehr. Ich will an diese Wurzeln anknüpfen.

Wie kann Sorbisch in das Projekt „Lausitzer Lesewolf“ einfließen?

Das kann mit ganz kleinen Sequenzen beginnen. Mit einem sorbischen Kinderlied, einigen sorbischen Wendungen, mit sorbischen Namen, Orten, Tieren, Pflanzen. Mit sorbischen Sätzen zum Thema Familie. Ich bin da für vieles offen. Auf lange Sicht soll das Projekt „Lausitzer Lesewolf“ ein zweisprachiges Projekt werden. Spielerisch, ungezwungen, ohne Anstrengung sollen die Kinder ersten Zugang zur sorbischen Sprache finden. Das lässt sich später im Kindergarten im Witaj-Projekt und in der Grundschule mit dem Konzept 2plus fortsetzen.

Mitgestalter für das Projekt sind willkommen. Interessenten wenden sich an Karsten Herden unter 0173 2512646 oder [email protected]

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