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Mit Knüppeln auf die Nachbarn losgegangen

Unter starkem Alkoholeinfluss soll ein Pechener auch Nazi-Parolen gegrölt haben. Nun steht er vor dem Amtsgericht.

Corpus delicti: Mit diesen beiden Knüppeln ist ein Pechener 2020 auf seine Nachbarn losgegangen. Dafür musste er sich jetzt vor dem Amtsgericht verantworten.
Corpus delicti: Mit diesen beiden Knüppeln ist ein Pechener 2020 auf seine Nachbarn losgegangen. Dafür musste er sich jetzt vor dem Amtsgericht verantworten. © Constanze Knappe

Was Alkohol aus einem Menschen macht, das offenbarte jetzt ein Verfahren vor dem Amtsgericht Weißwasser. Anfang des vorigen Jahres hatte ein Pechener mit Knüppeln auf seine Nachbarn eingeschlagen. Jetzt musste sich der 66-Jährige vor dem Amtsgericht Weißwasser wegen vorsätzlicher Körperverletzung verantworten. Außerdem warf ihm die Staatsanwaltschaft das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Beleidigung und die Bedrohung mit einem Verbrechen vor. Denn der Angeklagte hatte auch noch lauthals Nazi-Parolen gegrölt.

„Tut mir sehr leid. Ich war betrunken“, räumte er gleich zu Beginn ein. Er selber könne sich an gar nichts mehr erinnern. Auf einer Gassi-Runde mit seiner Hündin Bienchen habe ihm jemand erzählt, was passiert sein soll. Seitdem ist es für ihn im Dorf wie bei einem Spießrutenlauf. „Ich schäme mich sehr“, sagte er. Zwar wurden die Straftaten unter Alkoholeinfluss begangen. Die Staatsanwaltschaft schloss jedoch aus, dass der Angeklagte so berauscht war, dass er steuerungsunfähig gewesen wäre.

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Mehrere Geschädigte mit Hämatomen

Am 16. Januar 2020 gegen 17.30 Uhr hatte sein Nachbar einen lauten Knall vernommen. Draußen stellte er fest, dass der Angeklagte ein Außenrollo zerschlagen hatte. Als er ihn zur Rede stellte, schlug ihm dieser mit einem Knüppel zwischen die Beine. Als er ihm das Teil entreißen wollte, kamen beide zu Fall. Der Angreifer wimmerte nur noch, der Geschädigte rief die Polizei. Als Zeuge sagte er vor Gericht aus, dass er sich daran gewöhnt habe, dass der Angeklagte, wenn er betrunken war, Lärm gemacht sowie Flaschen und Dreck über die Mauer geworfen hat. Der als Schlagstock verwendete Knüppel muss mal der Stiel eines Gartengeräts gewesen sein. Er war massiv und schwer. Der Geschädigte hatte handtellergroße Hämatome an beiden Oberschenkeln und eine Woche starke Schmerzen.

Ein weiterer Zeuge hatte ebenfalls Krach vernommen, wobei eine Scheibe zu Bruch ging. Er sprach den ganz offensichtlich stark angetrunkenen Randalierer an. Der ging sogleich auf ihn los und erwischte ihm am Oberarm. Weil er diesmal einen nicht ganz so massiven Ast in der Hand hatte, entstand nur ein blauer Fleck, wie der Zeuge sagte. Im Gerichtssaal entschuldigte sich der Angeklagte bei ihm. Das hätte er schon eher getan, nur kannte er den zweiten Geschädigten bis dato gar nicht.

Ein dritter Zeuge beschrieb, wie er von der Arbeit kam und Tumult vor dem Haus herrschte. Als er aus dem Auto ausstieg, sei der Angeklagte mit einem Knüppel auf ihn zu gekommen. Daraufhin habe er zur Verteidigung seinen Schneeschieber geholt, der am Haus lehnte. Auch habe der Beschuldigte laut herumgebrüllt und Nazi-Parolen gegrölt. Der Zeuge bestätigte, dass Alkohol im Leben des Angeklagten eine große Rolle spielte. Eigentlich sei man immer gut miteinander ausgekommen. Er wisse nicht, was in den Angeklagten gefahren sei. An das Ðatum erinnerte er sich nicht mehr, an die Parolen dafür umso mehr.

Damit nicht genug. Am 17. Februar soll der Angeklagte dann lautstark „Heil Hitler“ durch die Siedlung gebrüllt haben – mit 2,4 Promille Alkohol im Blut. Die Polizeibeamten mussten ihn festhalten, weil er nicht alleine stehen konnte. Die Zeugin, die die Polizei rief, war zur Verhandlung vor dem Amtsgericht Weißwasser nicht erschienen. Konsequenzen hatte das für sie nicht, da sich Amtsgerichtsdirektor Christoph Pietryka nicht sicher war, ob sie die als Normalpost verschickte Ladung erreicht hatte.

Alkoholproblem seit der Wende

Der Angeklagte hat früher bei einer Firma in Boxberg gearbeitet; nach der Wende als Gerüstbauer. Zweimal war er verheiratet: Einmal ganz kurz – da sei er zu jung gewesen. Ehe Nr. 2 hielt 34 Jahre, bis seine Frau 2013 verstarb. Zu den zwei Kindern aus den beiden Ehen hat er keinen Kontakt.

Mit dem Alkohol, das habe nach der Wende angefangen. „Ich habe meinen Verstand, auf Deutsch gesagt, versoffen“, erklärte er vor Gericht. Wegen seines jahrelangen Alkoholmissbrauchs und der daraus resultierenden Alkoholkrankheit ist ihm seit 2005 ein Betreuer zur Seite gestellt. Dieser teilt ihm auch die Rente ein.

Warum er sich zu den Nazi-Parolen habe hinreißen lassen, ist dem Angeklagten selbst ein Rätsel. Er könne sich gar nicht vorstellen, so reagiert zu haben. Er sei ganz anders erzogen worden, denn sein Großvater war in der KPD. Er gehöre keiner rechten Organisation an und habe auch sonst nichts für die Rechten übrig, betonte er.

Wegen der Vorkommnisse 2020 hat der Angeklagte nach eigener Aussage „konsequent Schluss mit Alkohol gemacht“ und ist seit einem Jahr trocken. Der Verteidiger sprach von psychotischen Einschränkungen, wollte psychische Defekte bei seinem Angeklagten wegen Alkoholmissbrauch geltend machen. Dieser stehe ja nicht umsonst unter Betreuung. Im nüchternen Zustand sei er ein sehr friedfertiger Mensch. Man könne die Auswirkungen seiner Alkoholkrankheit nicht vom Tisch wischen.

Schuldfähigkeit ist zu prüfen

Auch Richter Christoph Pietryka unterstellte zugunsten des Beschuldigten, dass er vermindert schuldfähig sei. Er lebe inzwischen sehr zurückgezogen. Sein Betreuer habe dafür gesorgt, dass die Schadensersatzansprüche bedient wurden. Andererseits ist der Angeklagte einschlägig vorbestraft. Das Strafregister weist elf Einträge auf – zumeist wegen Körperverletzungen, in einem Falle auch wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungsrechtlicher Organisationen. Auf Nachfrage des Richters konnte sich der Angeklagte nicht mal richtig erinnern, dass er schon im Gerichtssaal in Weißwasser gesessen hat.

Auf Grund der Vorstrafen lehnte die Staatsanwältin die Einstellung des Verfahrens wegen verminderter Schuldfähigkeit ab. Der Verteidiger glaubt seinem Mandanten, dass dieser im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte nie solche rechtsradikalen Äußerungen gemacht hätte. Er kündigte einen Antrag an, dass ein Gutachter die hirnorganischen Schäden durch den jahrelangen Alkoholmissbrauch bewerten möge. Die Verhandlung wird in zwei Wochen fortgesetzt. Dazu sollen erneut die diesmal ausgebliebene Zeugin sowie drei Polizeibeamte geladen werden.

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