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Mit langem Atem durch die Corona-Krise

Händler in Weißwasser sind frustriert, Kunden verunsichert: Ware am Laden abholen, das geht nur in Sachsen nicht.

Andreas Kaulfuß (am oberen Bildrand Mitte), Chef der Kaulfuß Gartencenter GmbH in Weißwasser, belädt sein Fahrzeug mit bestellten Artikeln. Die Selbstabholung der Waren ist nicht erlaubt, der Lieferservice hingegen schon.
Andreas Kaulfuß (am oberen Bildrand Mitte), Chef der Kaulfuß Gartencenter GmbH in Weißwasser, belädt sein Fahrzeug mit bestellten Artikeln. Die Selbstabholung der Waren ist nicht erlaubt, der Lieferservice hingegen schon. © Joachim Rehle

Weißwasser. Die Ware online oder telefonisch bestellen und zum vereinbarten Termin im Laden abholen, darin sehen die meisten Einzelhändler eine Chance, den Lockdown zu überstehen. „Click & Collect“ nennt sich das Ganze. Es ist mittlerweile überall in Deutschland erlaubt – nur in Sachsen nicht. Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) lehnte das ab, um Schlangen vor den Geschäften zu vermeiden und den Bewegungsradius der Menschen möglichst klein zu halten. Vor allem die Inhaber kleiner Geschäfte fühlen sich benachteiligt, Kunden sind verunsichert. Auch in Weißwasser.
Einzelhändler Andreas Kaulfuß hat sich sehr genau mit den Verordnungen des Freistaats zum Lockdown in Sachsen beschäftigt. Seine Erkenntnis daraus: „Wenn man sich nicht selber hilft, ist man verlassen.“ Zwar ist die Tür seines Gartencenters zu (und auch von innen zugestellt), der Laden sei aber nicht wirklich geschlossen. Auf der Internetseite sei zum Beispiel die Frühlingsware samt der Osterdeko zu sehen. Ein bisschen bedauert Andreas Kaulfuß, dass er kein richtiger Online-Händler sei. Er nehme die Krise aber zum Anlass, sich intensiver damit zu befassen.

Kunden können per E-Mail oder telefonisch Ware bestellen. Dass sie diese nicht selber abholen dürfen, stört den Händler schon. Der Gartencenter-Chef verweist auf eine Aussage des Staatsministers, wonach sich der Handel was einfallen lassen soll. Er hat sich entschieden, nach Hause zu liefern – in der Stadt wie auch gegen einen geringen Obolus ins Umland. Er könnte die Ware ebenso gut an den Gartenzaun bringen.
Zu tun gibt es reichlich, ob Inventur oder Vorbereitung der Gartenmöbelausstellung. Wegen des geringen Umsatzes musste er dennoch seine Mitarbeiter teilweise in Kurzarbeit schicken. Schlitten hätte er noch mehr verkaufen können. Manche Stammkunden würden aber auch nur eine telefonische Beratung wollen und sind „froh, dass es den Laden überhaupt noch gibt“, erzählt Andreas Kaulfuß. Er freut sich, dass sie ihm die Treue halten.

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Trotz Krise: das Jubiläum im Blick

Im September 2022 steht das 125-jährige Betriebsjubiläum an. „Es gab immer gute und schlechte Zeiten“, sagt er. Der Händler verweist auf die Weltwirtschaftskrise, die für seinen Opa nicht einfach war, oder auf die Zeit, in der das Stadtzentrum von Weißwasser zerbombt war, und nicht zuletzt darauf, wie sich sein Vater zu DDR-Zeiten als Kommissionshändler durchschlug. Jetzt stehe er vor der Aufgabe, den Familienbetrieb durch die Corona-Krise zu führen. Dafür sei ein langer Atem nötig. „Es ist deutlich ruhiger geworden. Die Menschen sind verunsichert und bleiben zu Hause“, sagt er. Dennoch versucht er, mit der Ausstellung vor seinem Laden aufmerksam zu machen. Wie alle Händler in der Stadt könnte er sofort wieder richtig loslegen. Doch wann dieser Neubeginn sein wird, das sei noch mit vielen Fragezeichen versehen.

Andreas Kaulfuß, der mit CDU-Mandat im Stadtrat sitzt, hätte sich viel mehr Informationen vom Wirtschaftsförderer oder dem Citymanager gewünscht. Aber vonseiten der Stadt komme „so gut wie gar nichts“, kritisiert er. Dann fügt er nachdenklich hinzu: „Ich befürchte, dass nicht alle Händler so einen langen Atem haben und am Ende des Jahres in Weißwasser noch mehr Schaufenster leer sind.“
Viel besser als der vorherige kommt der neue Online-Shop von Schuh- und Lederwaren Hemmo an. Und das, obwohl er noch an einigen Stellschrauben drehen müsse, erzählt Tobias Hemmo. Weil er im Internet nicht das gesamte Sortiment zeigen kann, präsentiert der Händler derzeit so viel Ware wie möglich in den Schaufenstern. Die Artikel sind mit Nummern versehen, was eine Bestellung per Telefon, E-Mail oder neuerdings auch WhatsApp erleichtert. Geliefert wird kontaktlos – bis an die Haustür, ans Auto, ans Fahrrad oder auf die andere Straßenseite.

Häufiger als zuvor nutzen Kunden das Angebot, sich eine Auswahl nach Hause bringen zu lassen, um dann in aller Ruhe zu probieren und sich zu entscheiden.

Einige kaufen bewusst vor Ort

Neben den Stammkunden konnte Tobias Hemmo dank des Lieferservice einige neue Kunden gewinnen. Zudem gebe es Kunden, die ganz bewusst in Weißwasser kaufen, weil sie wissen, dass die Händler hier das Geld brauchen, erzählt er. „Da kriegt man schon mal feuchte Augen“, fügt er hinzu. Tobias Hemmo weiß, dass das auch noch andere Geschäfte in der Stadt betrifft.

Reparieren darf man bei Uhren und Schmuck Schirrock in Weißwasser, verkaufen hingegen nicht. Das führt bei Kunden zuweilen zu Verwirrung. Die Werkstatt zählt als systemrelevant, weil sie auch Batterien von Zuckermessgeräten und dergleichen wechselt. Für Reparaturen gibt es eine Notklingel. Fertige Aufträge würden verschickt. Zwar betreibt der Familienbetrieb einen Online-Shop für handwerkliche Dienstleistungen wie Bildergravuren und führt Reparaturen für Kollegen ohne eigene Werkstatt aus. Doch weil deren Läden geschlossen sind, seien diese Aufträge begrenzt. So gilt für die Mitarbeiter von Inhaber Robert Schirrock teilweise Kurzarbeit.

Persönlicher Kontakt fehlt

Nicht viel passiere im Online-Schmuckverkauf. „Die Kunden wollen anprobieren, den Schmuck anlegen und sehen, wie er zu ihnen passt“, weiß Firmengründer Hartmut Schirrock. Ihm selber fehle der persönliche Kontakt, wenn man den Gesichtsausdruck des Kunden nicht sehen kann. „Aber da müssen wir jetzt durch“, sagt er. Und, dass man nach den Erfahrungen aus dem Lockdown des Vorjahres vorsichtiger geworden sei. Auch habe er festgestellt, dass die Menschen jetzt ängstlicher sind und kaum noch rausgehen. „Dabei sind die kleinen Läden doch nicht die Hotspots“, so der Senior. Man habe nur zwei Kunden auf einmal eingelassen und auch sonst alles Mögliche getan, um den Hygieneanforderungen gerecht zu werden.

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Ähnlich argumentiert eine weitere Händlerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Mit dem Lockdown im Weihnachtsgeschäft habe sie den größten Umsatz des Jahres eingebüßt. Nun falle der Karneval aus, drohe das Ostergeschäft ein zweites Mal zu platzen. Sie kann nicht verstehen, warum sie nicht einzelne Kunden zu vereinbarten Terminen an der Tür bedienen darf. In die Supermärkte dürften sogar viele Leute rein. Da „Click & Collect“ in Sachsen nicht erlaubt ist, hat sie eine Packstation eingerichtet. Aber viele Kunden seien verunsichert und hätten Angst, sich strafbar zu machen. Sie wünscht sich sehr, „dass es endlich bald wieder losgeht“.

Ungeachtet ihrer eigenen schwierigen Lage denken Händler in Weißwasser auch an die Gastronomen in der Stadt. „Die Gaststätten sind doch schon viel länger zu.“

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